Georges-Arthur Goldschmidt: "Der versperrte Weg"

    Der Bruder als Leerstelle

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    Cover des Buchs „Der versperrte Weg – Roman des Bruders“ von Georges-Arthur Goldschmidt.
    Unterschiede aushalten, ohne zu verurteilen: Goldschmidt gelingt das in seinem neuen Werk. © Deutschlandradio / Wallstein
    Von Dirk Fuhrig · 15.07.2021
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    Späte Reue? Erstmals schreibt Georges-Arthur Goldschmidt, der als Kind vor den Nationalsozialisten nach Frankreich flüchten musste, ausführlicher über seinen älteren Bruder Erich. Goldschmidt ist eine bewegende Selbstbefragung gelungen.
    Auch wenn es den meisten seiner Leser vielleicht nicht sofort aufgefallen ist: In den Texten, in denen Georges-Arthur Goldschmidt über sein Schicksal im Exil berichtet, kommt sein Bruder Erich nur als Randfigur vor. Und das, obwohl die beiden 1938 gemeinsam erst nach Italien und dann in die französischen Alpen verschickt wurden, um dem antijüdischen Terror der Nationalsozialisten zu entgehen.
    Zuletzt, im vergangenen Jahr, war "Im Nachexil" erschienen, das der 1928 in Reinbek geborene und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Paris lebende Schriftsteller und Übersetzer als sein letztes Buch überhaupt angekündigt hatte. Er schildert darin noch einmal sehr explizit und persönlich die Flucht nach Savoyen - aber auch hier findet sich kaum ein Wort über den 1924 geborenen Erich.
    Seinem Verleger fiel diese Leerstelle auf, und auf Nachfrage erhielt er eine "bestürzende" Antwort, wie Thedel von Wallmoden in einem Begleitbrief zu "Der versperrte Weg" schreibt: "Sie erfassen den Hauptschatten meines langen Lebens: Mein Bruder war vier, als ich zur Welt kam und durch mein Erscheinen auf dieser Welt habe ich sein Leben zerstört."
    Es sind frühkindliche Aggressionen und Animositäten, auch ein Wettlauf um die Gunst der Eltern - Dinge, die allerdings in zahlreichen Familien mit mehreren Kindern eine Rolle spielen. Zwischen den beiden Brüdern scheint während der grausamen Zeit im Versteck mehr zerbrochen zu sein. Nach dem Ende des Exils sind sich die beiden fast nie mehr begegnet.

    Vom deutschen Patrioten zum Widerstandkämpfer

    Wirklich explizit wird Goldschmidt auch in "Der versperrte Weg", einen Text, den er als inzwischen 93-jähriger verfasst hat, nicht. Wir erfahren, dass Jürgen-Arthur - so hieß der Junge vor seiner französisierenden Umbenennung in Georges-Arthur - ein besonders schwieriges, ja bockiges Kind war, das die Rohrstock-Schläge der strengen Schulleiterin im Berginternat geradezu herausforderte.
    Der ständig jammernde und heulende kleine Bruder muss für den Älteren eine ziemliche Last gewesen sein. Erich war ganz anders: überaus korrekt, ein brillanter Schüler - und deutscher Patriot.
    Er hält Deutschland für das beste Land, verachtet Frankreich - und versteht nicht, warum er nach 1933 als "Judensau" beschimpft wird: "Was hatte er denn mit 'Juden' zu tun?" Die Familie war lange assimiliert, der Vater Oberlandesgerichtsrat und er evangelisch getauft. "Alles Deutsche war Lebensinhalt für ihn", heißt es an einer Stelle: "Wenn er das Deutschlandlied hörte, kamen ihm die Tränen, vor allem aber, wenn er sich 'Ich hatt’ einen Kameraden' vorsummte."
    Im Exil schlägt diese Vaterlandsliebe um, Erich lernt in wenigen Monaten akzentfreies Französisch, schließt sich der Résistance an. Später tritt er in die Fremdenlegion ein, macht Karriere in der Armee, wird in Algerien eingesetzt, sieht im Islam "nichts anderes als Gehorsam und Fanatismus", was ihn dazu bringt, 1961 den rechtsgerichteten Aufstand gegen de Gaulle und die Unabhängigkeitsbewegung zu unterstützen. Zu seiner Beerdigung 2011 kommt "eine ganze Reihe hoher und höchster Offiziere".

    Der eine wird Soldat, der andere Versöhner

    Georges-Arthur Goldschmidt resümiert den Lebensweg seines Bruders in sachlicher, scheinbar kühler Weise. Warum genau es zu dieser Distanz zwischen dem Brüderpaar gekommen ist, wird letztlich nicht direkt ausgesprochen.
    Womöglich kann Georges-Arthur Goldschmidt den Bruch auch mit vielen Jahren Abstand nicht exakt benennen, sicherlich spielt auch eine gewisse Scham über den eher "rechten" Lebensweg des Bruders eine Rolle - während Georges-Arthur zu einem der profiliertesten intellektuellen Versöhner zwischen Deutschland und Frankreich wurde.
    "Der versperrte Weg" ist ein sehr bewegendes und beeindruckendes Buch - durch die klare und doch so tief blicken lassende Sprache, die vorsichtige Selbstbefragung, das Aushalten von Unterschiedlichkeit, ohne zu (ver-)urteilen.

    Georges-Arthur Goldschmidt: "Der versperrte Weg - Roman des Bruders"
    Wallstein Verlag, Göttingen 2021
    111 Seiten, 20 Euro

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