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Frühkritik | Beitrag vom 16.08.2019

George Pelecanos: "Prisoners"Explosives Gemisch aus Alltagsdramen

Von Kolja Mensing

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Der neue Thriller von George Pelecanos heißt "Prisoner".  (Ars Vivendi / Deutschlandradio)
Protagonist Michael Hudson ist eine echte George-Pelecanos-Figur. (Ars Vivendi / Deutschlandradio)

Dramen, Kleine-Leute-Träume und eruptive Gewalt – daraus strickt George Pelecanos seinen Thriller "Prisoners", der in Washington D.C. spielt und eine typische Geschichte erzählt: Mann will sich ändern, kommt aber nicht weit.

Der Durchbruch gelang George Pelecanos in den 90ern mit vier lose verbundenen Kriminalromanen, die im Milieu griechischer Einwanderer in Washington D.C. spielten und über mehrere Jahrzehnte hinweg eine dunkle, beunruhigende Geschichte der Stadt erzählten: von Kriminalität, Drogen, Polizeigewalt und Rassismus.

Das "D. C. Quartett" war der Auftakt zu einem größeren Projekt: Mittlerweile hat George Pelecanos, der Jahrgang 1957 ist und selbst ein Nachkomme griechischer Einwanderer, rund 20 Kriminalromane geschrieben. Sie zeichnen ein fein differenziertes und zugleich brutales Bild seiner Heimatstadt, deren Straßen regelmäßig von neuen Drogen geflutet und von Gangkriminalität verwüstet werden. 

Schauplatz: Mittelstandsoase

In George Pelecanos neuem Roman "Prisoners", der im Washington der Gegenwart spielt, ist das Klima in der Stadt auf den ersten Blick weniger rau: Die Gentrifizierung führt dazu, dass sich heruntergekommene Wohnbezirke in Mittelstandsoasen verwandeln. Auch Michael Hudson, der mit seiner Mutter in einem gepflegten Reihenhaus in einem schwarzen Wohnviertel von Columbia Heights lebt, hat keine schlechte Sozialprognose. Die Anklage wegen bewaffneten Raubüberfalls wurde fallengelassen, und trotz einigen Monaten U-Haft hat er einen Job in einem der aufstrebenden Restaurants der Stadt bekommen. Ein Neustart.

Dieser Michael Hudson ist eine echte George-Pelecanos-Figur: Jemand, der einen Fehler gemacht hat, der endlich alles richtig machen will – und doch von seiner Vergangenheit eingeholt wird. Sein Antagonist ist der Privatdetektiv Phil Ornazian, der ihm mit nicht ganz legalen Mitteln geholfen hat, an der Vorstrafe vorbeizukommen. Ornazian hat zwei Kinder und ein Haus in Petworth. Weil das Leben auch im Nordwesten von Washington teuer geworden ist, und weil "seine legale Tätigkeit als Ermittler mal wieder nicht genug einbringt", "improvisiert" er – und raubt Zuhälter aus.

Die Gefängnisbibliothek des Michael Hudson

Auch Ornazian ist eine typische Pelecanos-Figur, ein "Macher", der die eigenen moralischen Grundsätze immer mal wieder den Gegebenheiten anpasst. Er hat kein Problem damit, von Hudson einen Gefallen einzufordern: Er soll beim nächsten Überfall den Fluchtwagen fahren – und Ornazian mit einem Totschläger den Rücken freihalten. Der Start ins neue Leben fällt ziemlich blutig aus.

"Prisoners" wird wie alle Thriller von George Pelecanos von einem explosiven Gemisch aus Alltagsdramen, Kleine-Leute-Träumen und brutaler, eruptiver Gewalt vorangetrieben. Diesmal gibt es allerdings noch einen literarhistorischen Schlenker. Michael Hudson ist nun wirklich auf dem richtigen Weg und hat im Gefängnis zu lesen begonnen: Die frühen, heute vergessenen Western von Elmore Leonard ("Valdez"), Don Carpenters legendärer, in USA gerade erst wiederentdeckter Gangsterroman "Als der kalt der Regen fiel" oder Tim O’Brien stille Erzählungen über den Alltag der Soldaten im Vietnam-Krieg ("Was sie trugen").

Das ist natürlich mehr als nur die Leseliste eines Kleinkriminellen mit Ambitionen auf ein besseres Leben. Es ist ein klares Bekenntnis zu der Literatur eines anderen, abgehängten Amerika, der sich auch George Pelcanos verbunden fühlt. "Prisoners" funktioniert darum nicht nur als Einstieg in sein Werk, sondern ist zugleich der Eingang in eine ganze verborgene Bibliothek Amerikas.

George Pelecanos: "Prisoners"
Aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn
Ars Vivendi, Cadolzburg 2019
227 Seiten, 18,00 Euro

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