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Zeitfragen | Beitrag vom 29.11.2018

Genveränderte Crispr-Babys"Ein wildwestartiges Verfahren"

Christian Schwägerl im Gespräch mit Lydia Heller

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Der chinesische Gen-Forscher He Jiankui auf einem hochkarätig besetzten Fachkongress in Hongkong am 29. November 2018.   (Imagine china / Ling/ dpa)
Auf einem Kongress in Hongkong hat Gen-Forscher He Jiankui seine Arbeit verteidigt und mitgeteilt, dass eine weitere Frau ein genmanipuliertes Kind austrage. (Imagine china / Ling/ dpa)

Die Bekanntgabe des chinesischen Gen-Forscher He, zwei genveränderte Babys seien geboren, sorgt weltweit für Empörung. Wissenschaftsjournalist Christian Schwägerl fordert ein international koordiniertes Vorgehen und weltweite Standards für Gen-Forschung.

Lulu und Nana sind erst wenige Tage alt und haben trotzdem schon die Welt verändert: Ob zum Guten? – Das ist äußerst ungewiss. Entsprechend groß ist die Empörung unter Wissenschaftlern und Ethikern über die weltweit ersten genmanipulierten Babys.

Mit der erst vor wenigen Jahren entdeckten Genschere Crispr/Cas9 veränderte der chinesische Forscher He Jiankui die Gene der Embryonen, um die beiden Zwillingsmädchen resistent gegen HIV zu machen, so verkündete er in einen YouTube-Video.

Dabei handele es sich um einen "Eingriff in die biologischen Grundlagen des Menschen, wie wir ihn einfach noch nicht hatten", sagt der Wissenschaftsjournalist Christian Schwägerl. "Wir haben es jetzt erstmals damit zu tun, dass gezielt das Erbgut verändert wird, auf eine Weise, die sich dann, wenn diese Babys zu Kindern heranreifen, zu Erwachsenen werden, sich selbst fortpflanzen, Nachwuchs bekommen, immer weiter vererben wird. Eben mit Effekten, die ja noch nicht ausreichend erforscht sind."

Dazu komme, dass der Eingriff nicht etwa bei Erwachsenen im Rahmen einer Gentherapie stattgefunden habe, "sondern bei Embryonen, die selbst nicht einwilligen können".

Erforschung nicht transparent, Nebenwirkungen unklar

Auch sonst erscheint das Vorgehen Hes äußerst fragwürdig: "Er hat es ja relativ geheim gemacht und offenbar ohne wirkliche Zustimmung seiner Universität oder ethische Begutachtung." Die Erforschung sei nicht transparent gewesen, die Nebenwirkungen nicht ausreichend geklärt. "Ein ziemlich wildwestartiges Verfahren."

Natürlich hätten sich Pioniere in der Wissenschaftsgeschichte immer über die Regeln ihrer Zeit hinweggesetzt. "Vielleicht in 20 Jahren, im Rückblick, wenn alles geklappt hat aus irgendeinem Grund. Dann wird dieser Forscher He vielleicht ganz anders dastehen als heute, wo er jetzt als Bösewicht dargestellt wird." Und natürlich werde das Crispr-Verfahren auch entwickelt, um es letztendlich medizinisch anzuwenden.

"Biologische Grundlagen unseres Daseins"

Ein so junges Verfahren aber "früh am Embryo, vererbbar" durchzuführen und dazu noch in einem "nicht geregelten Verfahren", das habe schon "einfach eine neue Qualität: Das ist schon eine ziemlich krasse Sache." Schließlich gehe es hier "um einen tiefgreifenden Wandel in der Anwendung dieser Technologie der Gentechnologie auf den Menschen".

"Wir bräuchten hier eigentlich ein international koordiniertes Vorgehen, auch wenn das im Widerspruch steht zu diesem Durchbruchs- und Entdeckergeist der Wissenschaft. Aber es geht hier um die Grundlagen unseres Daseins."

Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock, der zu einer "großen, internationale Konferenz auf UN- oder WHO-Ebene" aufrief. Es müsse außerdem eine Behörde geschaffen werden, die für weltweite Qualitätsstandards sorge.

Zukunftsfragen "in den Mittelpunkt rücken"

"Wir leben ja in einer Zeit, wo wir hysterisch von den Rechtspopulisten auf ein Thema reduziert werden und das sich überall durchzieht, während die wirklichen Zukunftsfragen, ob das künstliche Intelligenz ist oder jetzt die Zukunft der Gentechnologie, außen vor bleiben", meint Schwägerl. "Und ich weiß nicht, warum ausgerechnet diese Grundsatzfragen immer so am Rand stehen. Sie haben es eigentlich wirklich verdient, jetzt in den Mittelpunkt zu rücken."

Inzwischen gingen nicht nur Behörden und Forscherkollegen zu He auf Distanz. Auch die Regierung in Peking hat weitere Forschungsaktivitäten verboten. He verteidigte unterdessen seine Experimente gegen Kritik. Er sagte, er sei stolz auf seine Arbeit. Und teilte mit, dass eine weitere Frau ein genmanipuliertes Kind austrage.

(lk)

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