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Interview | Beitrag vom 27.11.2018

Genmanipulation in ChinaWeltweit Empörung über Gen-Babys

Peter Dabrock im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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He Jiankui, Associate Professor im Fachbereich Biologie an der Southern University of Science and Technology in Shenzhen City (China), während eines TV-Interviews. Jiankui leitete ein Projekt, das die ersten genetisch veränderten Babys hervorbrachte - die Zwillinge Nana und Lulu sollen gegen HIV immun sein.  (Chen Jialiang/Imaginechina/dpa)
In der Kritik: Der chinesische Wissenschaftler He Jiankui (Chen Jialiang/Imaginechina/dpa)

Die angeblich erste Geburt zweier genmanipulierter Babies in China hat international Kritik hervorgerufen. Auch der Vorsitzende des Deutschen Ethikrats, Peter Dabrock, spricht von einem "unverantwortlichen Menschenversuch".

Liane von Billerbeck: Sie heißen Lulu und Nana, Zwillingsmädchen, die in China zur Welt gekommen sein sollen. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, aber sie sollen die ersten Babys sein, deren Genom ein chinesischer Wissenschaftler mittels einer Genschere manipuliert haben will. Und das hat weltweite Proteste hervorgerufen – von chinesischen Wissenschaftlern bis zu deutschen Ethikern hagelte es Kritik.

Mit der Manipulation am menschlichen Genom sei die Büchse der Pandora geöffnet worden. Braucht es also eine internationale Ethik-Richtlinie für diese CRISPR/Cas genannte Methode? Peter Dabrock ist mein Gesprächspartner, ein vehementer Kritiker der momentanen Nutzung dieser Technik am Menschen. Er ist Theologe an der Uni Erlangen-Nürnberg und Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. Ich grüße Sie!

Peter Dabrock: Grüß Gott, Frau von Billerbeck!

von Billerbeck: Der chinesische Fall, bei dem das Genom von Babys manipuliert wurde, Sie haben da jetzt vor allem den Zeitpunkt der Veröffentlichung kritisiert, man könne ihn nur als Affront gegen eine ethisch verantwortungsvolle Wissenschaft verstehen. Erklären Sie uns das bitte!

Dabrock: Also das habe ich kritisiert, ich habe aber viele andere Sachen vorher kritisiert, weil ich das erst mal für einen unverantwortlichen Menschenversuch erachte, weil da Risiken eingegangen worden sind, die unkalkulierbar sind, man kennt die Neben- und Spätfolgen nicht, das ist kein Heilexperiment. Das alles vorweg finde ich ganz schlimm, und es ist echt eine totale Instrumentalisierung dieser zwei armen jungen Menschen.

Aber der Zeitpunkt ist in der Tat noch mal eine besondere Provokation, denn heute beginnt in Hongkong der zweite Weltgipfel zum Thema Genom-Editierung, Genschere. Und ausgerechnet einen Tag, bevor die weltweite Wissenschaftscommunity sich dieses Themas annimmt, veröffentlicht der Herr He, dieser chinesische Forscher, diese Experimente, respektive, er veröffentlicht sie ja gar nicht, sondern behauptet, dass er das gemacht hat. Das ist, was die wissenschaftlichen Standards anbetrifft und was den Zeitpunkt anbetrifft, wirklich unterste Schublade.

Gefahr für die Reputation der Wissenschaft

von Billerbeck: Nicht nur Sie, auch chinesische Forscher haben schnell reagiert, mehr als 120 von ihnen haben einen Protestbrief verfasst. Überwiegt da die Angst vor einem Schaden an der wissenschaftlichen Reputation oder besteht Konsens darüber, dass diese Methode noch nicht am Menschen angewendet werden soll?

Dabrock: Ich bin ja selber kein Naturwissenschaftler, aber natürlich im ständigen Gespräch mit Naturwissenschaftlern, verfolge auch die Weiterentwicklung der Forschung entsprechend. Und im Deutschen Ethikrat schreiben wir ja auch gerade zu dem Thema eine Stellungnahme und haben daher auch die entsprechende Expertise mit an Bord. Wenn ich das alles berücksichtige, kann man sagen, dass derzeit im Grunde weltweit ein Konsens herrscht. Die Technik ist noch nicht so weit, dass sie am Menschen angewandt werden kann.

Man sollte, wenn, sowieso erst mal bei Menschen anfangen, die zustimmen können, die einwilligungsfähig sind, das ist ja hier auch nicht der Fall. Und von daher kann ich gut verstehen und freue mich auch, dass so viele chinesische Forscher in den Protest miteingestiegen sind, weil nämlich genau das passieren kann, was Sie angesprochen haben. Mit solchen, aus meiner Sicht viel zu sehr verfrühten Experimenten kann man die Reputation der Wissenschaft gerade in so schwierigen Zeiten wie den gegenwärtigen nachhaltig schädigen, und das sollte man nicht tun.

von Billerbeck: Sie plädieren auch dafür, Sie haben ja auch einen Brief in der "FAZ" verfasst, also einen Text dazu, dass die Menschheit ein Mitspracherecht hat, wenn es eben um diese CRISPR-Methode geht.

Dabrock: Genau.

Internationale Standards erforderlich

von Billerbeck: Wie stellen Sie sich das vor, wie soll das gehen?

Dabrock: Zunächst erst einmal wäre es mir wichtig, dass diese Fragestellung, bei der es immerhin um die biologischen Grundlagen der Menschheit geht, wenn solche Manipulationen durchgeführt werden, die ja nicht nur ein Individuum betreffen, sondern alle potenziellen Nachfolger dieses Individuums, dass wir dann als Zivilgesellschaft mitsprechen dürfen. Das ist nicht mehr nur eine Frage der wissenschaftlichen Community. Man sieht das schon in diesem Experiment – ist das eigentlich eine Therapie oder ist das eine Verbesserung des Menschen, wenn im Grunde in das Genom des Menschen eine vermeintliche HIV-Resistenz eingebaut werden soll, dass das Fragestellungen sind, die nicht einfach von ein paar Wissenschaftlern beantwortet werden.

Das sind Menschheitsfragen, und deswegen glaube ich, wäre es sinnvoll, dass wir beispielsweise analog zu den Klimakonferenzen so eine große internationale Konferenz auf UN- oder weil es um Gesundheit geht auf WHO-Ebene durchführen und darüber nachdenken, ob wir nicht Standardisierungen für ernsthafte, für solide Wissenschaft schaffen, also eine Behörde, die das weltweit sammelt und damit auch Qualitätsstandards setzt. Das ist nicht nur eine Restriktion gegenüber der Wissenschaft.

von Billerbeck: Sie fordern ja auch so eine Art Überwachungsbehörde, also so ähnlich wie die Internationale Atomenergie-Organisation, weil Sie eben diese Genom-Eingriffe für gefährlich halten oder weil Sie eben vor allem auch einen internationalen Ethikkodex wollen?

Dabrock: Genau. Das ist eine gute Akzentsetzung, die Sie in Ihrer Frage bringen. Die meisten denken, wenn man so etwas fordert, man will noch mehr Restriktionen, und die arme Wissenschaft muss schon wieder mehr Anträge ausfüllen. Das ist die eine Seite.

Aber die andere Seite, wenn man tatsächlich Wissenschaft betrachtet als eingebettet in die Gesellschaft und auch gegenüber der Gesellschaft rechenschaftsbereit und rechenschaftsnotwendig, dann kann es nicht sein, dass Wissenschaft alleine im elfenbeinernen Turm stattfindet. Dann könnte eine solche Institution genau dieses notwendige Vertrauen in die Wissenschaft schaffen, und zum anderen würde auf die Art und Weise auch gewährleistet, dass die besten Forscher untereinander um die jeweiligen Versuche wüssten.

Anwendungsreife ist noch lang nicht erreicht

von Billerbeck: Und es müsste überall die gleichen Standards geben.

Dabrock: Genau, ganz genau, denn man wird nur bester Wissenschaftler, wenn man tatsächlich hohe Standards berücksichtigt, und hier würde durch eine solche Organisation dann ein weltweit gültiger Mindeststandard gesetzt, und das kann doch auch nur im Sinne einer wirklich guten und verantwortlichen Wissenschaft sein.

von Billerbeck: Sie haben es ja deutlich gesagt, und viele Wissenschaftler haben das auch getan und haben gesagt, diese Versuche am Menschen oder Menschenversuche sind viel zu verfrüht, aber man kann – das wissen wir ja aus vielen anderen Veröffentlichungen – mit dieser Genschere CRISPR/Cas arbeiten am Erbgut, effizienter machen, billiger und schneller. Glauben Sie denn, dass diese Entwicklung noch lange aufzuhalten ist, wenn diese Büchse der Pandora erst mal geöffnet ist?

Dabrock: Ich glaube, es ist wichtig zu unterscheiden die Empörung über die Versuche, die jetzt zur Unzeit stattgefunden haben, und einem ernsthaften Diskurs darüber, welche Vor- und Nachteile diese Technik bietet, denn natürlich hätte eine solche Technik, wäre sie einmal anwendungsreif, enorme Vorteile. Aber eine solche Anwendungsreife darf man nicht so erlangen, dass man Menschenversuche durchführt, die wir zu anderen Zeiten schärfstens verurteilt haben.

von Billerbeck: Also ein sehr kritischer Vorsitzender des Deutschen Ethikrats. Professor Peter Dabrock war das. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Dabrock: Gerne!

von Billerbeck: Und in China haben die Behörden jetzt mitgeteilt, dass der Fall untersucht werden soll, dieses Wissenschaftlers, der dieses Experiment gemacht haben will.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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