Generationenkonflikt

Die subversive Macht der Jugend

Zwei junge Frauen heben ihre Hände auf der Black Lives Matter Demonstration gegen Rassismus auf der Strasse des 17. Juni. Berlin, 27.06.2020.
Black Lives Matter Demonstration gegen Rassismus in Berlin: Der Aktivismus der Identitätskollektiven zielt auf die Dekonstruktion bisheriger Machtverhältnisse, meint Christian Schüle. © imago images/Future Image/ B. Kriemann
Ein Einwurf von Christian Schüle · 28.07.2022
Wokeness statt Whiteness: Im gesellschaftlichen Diskurs heizen gerade Teile der jüngeren Generation den Älteren ordentlich ein. Der Autor Christian Schüle begegnet diesem identitätspolitischen Aufbegehren mit Skepsis – und erklärt warum.
Den Aufruhr der Jugend gab es zu allen Zeiten. Meist war der Kampf gegen das Etablierte bunt und laut, ehe die Kämpfenden selbst etabliert waren. Heute vollzieht sich der Aufruhr der Jugend subtiler und raffinierter: nicht über Krach und Kleidung und Musik, sondern über den subversiven Moralismus eines Kulturkampfs.
Bestand 1968 die Freiheit der jungen Generation darin, von Erwachsenen gesetzte Grenzen zu Fall zu bringen, besteht Freiheit heute offenbar darin, dass Jugendliche Grenzen für Erwachsene errichten.

Narrative von Schuld und Scham

Natürlich gibt es nicht die Jugend als solche, aber augenfällig ist durchaus, dass Angehörige der nächsten Kohorte mit Schuld-und-Scham-Narrativen und einer Verlagerung der Rechtfertigungspflicht für einen aus ihrer Sicht „falschen“ Lebensstil in einer Welt falscher Privilegien arbeiten, von denen sie freilich selbst profitiert haben.
Statt des ökonomischen Klassenkampfs der Ausgebeuteten gegen ihre Ausbeuter findet jetzt ein kultureller Klassismuskampf statt. Bemerkenswert ist dabei, dass nicht mehr Individualität, sondern Kollektivität, nicht mehr personale Freiheit, sondern Identität priorisiert wird.
Als virtuelle Kosmopoliten im Imperium des grenzfreien Social Media Netzes groß geworden, ist das Prinzip des Vielen und Verschiedenen, des Zwischen und Mehrdeutigen, die Idee von Trans-, Inter-, Poly- und Multi zur einer beherrschenden Kategorie geworden.

Dekonstruktion bisheriger Machtverhältnisse

Der Aktivismus der Identitätskollektive zielt darauf ab, den bisherigen Begriff der Normalität zu zerstören. Durch Auflösung der biologisch begründeten Zweigeschlechtlichkeit von Mann und Frau etwa; durch Auflösung westlich dominierter Strukturen des eigenen Wohlstands, der mit Benachteiligung, Ausbeutung und Fremdbestimmung nicht westlicher Kulturen erkauft wurde.

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Gewollt wird der woke Mensch, nicht der weiße Mann. Letztlich zielt die Dekonstruktion der Normalität auf die Dekonstruktion bisheriger Machtverhältnisse.
Wie so oft folgt der süßen Moral die saure Doppelmoral, jedenfalls sind die Widersprüche der moralistischen Identitätspolitik verstörend. Unterschiede zwischen Menschen sollen eliminiert werden, indem man sie gerade hervorhebt. Das Individuum erhält erst durch seine Eingemeindung ins Kollektiv Identität.

Eine Logik des falschen Umkehrschlusses

Mit der Logik des falschen Umkehrschlusses wird im Namen der Gleichheit für bestimmte Minderheiten zu Recht Respekt verlangt, jenen aber, die nicht ins ideologische Korsett passen, der Respekt versagt. Spricht man sich nicht dezidiert zum Beispiel für Transidentität oder Diversität aus, ist man postwendend transphob oder diversitätsfeindlich.
In seiner radikalen Ausschließlichkeit etabliert das Entweder-Oder-Freund-Feind-Schema eine neue Legitimationsbasis: Diejenigen, denen man Ausgrenzung vorwirft, werden kurzerhand selbst ausgegrenzt.
Und schließlich wird die Wissenschaft aufgerufen, wenn es, wie beim Klimawandel, zum Missionsvorhaben passt. Wissenschaft wird hingegen demontiert und abgekanzelt, wenn ihre Erkenntnisse, wie in Fragen der biologisch begründeten Zweigeschlechtlichkeit, der Ideologie zuwiderlaufen.

Autoritärer Gestus, Verantwortliche kuschen

Der autoritäre Gestus gerät dann zum Ärgernis, wenn Verantwortliche in den entsprechenden Institutionen – Theater- oder Universitätsleitungen – im Zweifelsfall kuschen, sofort einknicken und den Diskurs des wilden und freien Denkens beschneiden, den sie qua Selbstverständnis doch gerade führen sollten.
Und dennoch: Jeder Ältere kann von der kommenden Generation lernen.
Von Mitbürger*innen, die ihr Recht auf Gestaltung und Mitbestimmung so engagiert einfordern wie es lange nicht geschah. Von Köpfen im Zenit technologischer Brillanz, die in der Lage sind, über sozialmediale Kanäle immensen Druck zu erzeugen. Von Mitmenschen, die Sprechen und Denken bereits verändert haben und der Politik einen beständigen Kampf gegen die eigene Behäbigkeit aufnötigen.
Es sei denn, man leugnet Klimawandel, Sexismus und Ungleichheit. Aber das wäre ja Wahnsinn.

Christian Schüle, geboren 1970, hat in München und Wien Philosophie, Soziologie und Politische Wissenschaft studiert. Er hat einen Lehrauftrag für Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin und lebt als freier Schriftsteller, Essayist und Publizist in Hamburg. Unter seinen zahlreichen Büchern sind der Roman „Das Ende unserer Tage“ und zuletzt die Essays „Heimat. Ein Phantomschmerz“ sowie „In der Kampfzone“.

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