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Länderreport | Beitrag vom 29.07.2021

Gemeinwohl-Experiment in OstwestfalenUnternehmer sammeln Punkte

Von Robert Fishman

Das Foto zeigte Fabrikräume im Umbau: Umbau der Alten Möbelfabrik Steinheim zu einem Start-Up-Zentrum für Unternehmen der Gemeinwohlökonomie. (picture alliance / dpa /Robert B. Fishman)
Raum für Gemeinwohlökonomie: In einer alten Möbelfabrik in Steinheim soll Nachhaltiges entstehen. (picture alliance / dpa /Robert B. Fishman)

Unternehmen, die freiwillig auf Gemeinwohl, Nachhaltigkeit und Klimafreundlichkeit setzen: Das Städtchen Steinheim im Kreis Höxter will solche Firmen gezielt anwerben und hat dafür eine Art Sozialpunktesystem als Anreiz geschaffen.

Bürgermeister Carsten Törke ist ein bodenständiger CDU-Mann, er ist hier in Steinheim aufgewachsen. Er führt durch das Zentrum seiner Kleinstadt. Die hat schon bessere Zeiten gesehen. Freitag morgens um zehn stehen wir allein auf dem neu gepflasterten Marktplatz zwischen historischen Bruchsteinhäusern und Bausünden der 60er- und 70er-Jahre. Eine kleine Boutique ist noch da, die anderen Läden haben aufgegeben. Andere Einzelhändler sind vom Zentrum an den Stadtrand gezogen.

Das Leben soll in die Innenstadt zurückkehren

Die Innenstadt stirbt aus. Die Leute fahren mit dem Auto in Einkaufszentren am Ortsrand oder bestellen ihre Waren online. Bürgermeister Törke will sich damit nicht abfinden: Statt leer stehende Läden in einer Abwärts-Spirale immer wieder an Billig-Ketten zu vermieten, hat die Stadt die Entwicklung selbst in die Hand genommen.

Die Kommune hat am Marktplatz ein weitgehend leer stehendes Ensemble von sieben Gebäuden für rund 1,5 Millionen Euro gekauft. Sie will es zum Mehrgenerationen-Haus umbauen: mit Betreuungsmöglichkeiten für Kinder und auch für Senioren. Der Innenstadtbereich kann wiederbelebt werden, wenn die Gastronomie dorthin zurückkehrt, hofft Törke.

Aus dem verbauten Gebäudekomplex mit seiner dunklen 70er-Jahre-Fassade kommt gerade der städtische Wirtschaftsförderer Ralf Kleine, mit drei Herren im Schlepptau: Sie sind Immobilienentwickler.

Kleine erzählt: "Hier im Quartier Steinheim Am Kump planen wir die Einrichtung von zwei Kitas und einer Tagespflege und werden damit auch wieder neues Leben in die Innenstadt bekommen." Durch das geplante Projekt gebe es bereits wieder Nachfragen von Dienstleistern wie Podologie, Ergotherapie und Physiotherapie. "Die sagen: ‚Okay, das wird interessant, wieder in die Stadt zurückzugehen.’"

Hier geht es zur Denkfabrik 2021. Auf der Suche nach dem Wir. (Foto: Deutschlandradio / Malte Müller)

Das Quartier Am Kump ist ein Baustein der Gemeinwohlökonomie, der sich die Stadt verpflichtet hat. Als erste Kommune in Deutschland hat Steinheim eine Gemeinwohlbilanz nach dem Konzept des österreichischen Gelehrten Christian Felber entwickelt: Unabhängige Auditoren untersuchen, was Unternehmen oder Kommunen zum Gemeinwohl beitragen.

Gemeinwohlbilanzen erstellen

Christian Einsiedel arbeitet für die Stiftung Gemeinwohlökonomie Nordrhein-Westfalen. Er erklärt die Gemeinwohlbilanzierung so:

"Wenn ich eine Gemeinwohl-Bilanz mache, dann habe ich ja vier Werte und fünf sogenannte Berührungsgruppen. Die vier Werte sind Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, ökologische Nachhaltigkeit und Transparenz sowie Mitentscheidung. Und die Berührungsgruppen sind Zulieferer, Finanz-Partner, Eigentümer:innen, dann Mitarbeitende, dann Kunden und das gesellschaftliche Umfeld.

Daraus ergeben sich 20 Felder. Und wenn ich jetzt in diesen 20 Feldern mir bestimmte Fragen stelle, dann kann ich mich hinterher selber erst einmal einstufen und kann sagen: So und so schätzen wir uns ein. Und vor allen Dingen werde ich in jedem der 20 Felder gefragt: Was können wir eigentlich besser machen?"

Ein Unternehmen bekommt also Punkte, wenn es wenig Ressourcen verbraucht, Ökostrom einsetzt, Dienstfahrräder anbietet oder Mitarbeitende an wichtigen Entscheidungen beteiligt. Bewertet werden außerdem die Lieferkette, die Verteilung der Gewinne, regionale Wirtschaftskreisläufe und das Finanzwesen.

Die Begeisterung für das Thema ist schon da

Im Nachbarstädtchen Brakel sitzt in einem modernen Monumentalbau am Hauptplatz die Volksbank für den Kreis Höxter. Sie lässt sich gerade nach den Felberschen Gemeinwohl-Kriterien bilanzieren. Prokurist Frank Golüke ist begeistert – zumindest auf die ostwestfälisch-zurückhaltende Art:

"Und noch mehr Begeisterung habe ich verspürt, als ich meine Kolleginnen und Kollegen um Mitarbeit gebeten habe und ich gemerkt habe, mit welchem Enthusiasmus und mit welcher Überzeugung das Thema Gemeinwohl-Bilanzierung, das Thema, sich für eine bessere Welt einzusetzen, schon vorhanden war."

Die Volksbank gehört als Genossenschaft ihren Mitgliedern. In Vollversammlungen entscheiden diese über alle wesentlichen Fragen. Dafür allein gibt es schon einiges an Gemeinwohlpunkten. Warum also nicht noch mehr fürs Gemeinwohl tun, dachten sich die Bankerinnen und Banker – und sammelten ein halbes Jahr lang Ideen.

Herausgekommen ist zum Beispiel der Vorschlag, den Kundinnen und Kunden ein Konto für Nachhaltigkeit anzubieten. "Wir stellen uns vor, dass wir diesen Anlegern eine Garantie geben", erläutert Frank Golüke. Dabei gehe es zum Beispiel um ökologische Aspekte. Wichtig sei immer, dass sie "den Kriterien des Gemeinwohl-Gedankens entsprechen und wir somit die Gelegenheit geben für unsere Mitglieder, unmittelbaren Einfluss zu nehmen, um die Welt etwas besser zu gestalten."

Gründächer, Cannabis, Fleischersatz

Am Steinheimer Stadtrand entsteht gerade Deutschlands erstes Gründerzentrum für gemeinwohlbilanzierte Unternehmen: das ZINS, Zentrum für Innovation und Nachhaltigkeit Steinheim. Ein gutes Beispiel dafür, wo und wie gemeinwohlorientierte Einlagen investiert werden könnten.

In diesem neuen Gründerzentrum ist unter anderem die Stiftung Gemeinwohlökonomie Nordrhein-Westfalen ansässig. Leiter Reinhard Raffenberg erklärt:

"Wir haben Teile der Dächer als Gründächer umfunktioniert. Die ersten Außen-Holz-Fassaden mit norwegischem Hartholz werden hier aus europäischer, nachhaltiger Produktion installiert." Auch Photovoltaik sei in Vorbereitung, "damit wir hier nachhaltig in einer Art Circular Economy arbeiten können."

Im August sollen die ersten Nutzer einziehen: Die Firma My CB One des örtlichen Apothekers wird medizinisches Cannabis produzieren. Und Reinhard Raffenberg hat "Prima-Klima-Food" gegründet. Das Unternehmen stellt fleischlose Biolebensmittel her, zum Beispiel einen pflanzlichen Fleischersatz auf Erbsen- und Ackerbohnen-Basis.

Gründer Raffenberg sieht sein Unternehmen auf einem guten Gemeinwohl-Weg: "Der ganze Aufbau unserer Zulieferer bezieht sich ja auf ökologischen Landbau. Auch alles bio-zertifiziert. Wir haben faire Löhne, unsere Mitarbeiterstruktur ist so aufgebaut, dass wir paritätisch gucken, Männer, Frauen, sodass dieses Gleichgewicht gewahrt bleibt. Die Ressourceneffizienz, die wir hier im Gebäude haben, ist optimal für uns, sodass wir natürlich dann gute Gemeinwohl-Punkte bekommen werden. Hoffe ich doch."

Punkte sammeln statt Märchenökonomie

Raffenberg, ein drahtiger Herr etwa Mitte 60, hat die Stiftung Gemeinwohlökonomie mit gegründet. Ihm geht es wie den anderen Verfechtern der Gemeinwohlökonomie um ein gerechteres Wirtschaftssystem, in dem die Preise der Produkte und Dienstleistungen die wahren Kosten wiedergeben.

Bisher produzieren diejenigen Unternehmen am billigsten, die möglichst viele Kosten ihres Wirtschaftens, wie zum Beispiel Umweltschäden oder die Folgekosten ausbeuterischer, ungesunder Arbeitsbedingungen auf andere oder die Allgemeinheit abwälzen:

Betriebe, die sehr viele Treibhausgase ausstoßen, zahlen dafür bisher nichts – oder über den CO2-Preis nur sehr wenig. Für die Folgeschäden der Klimakrise kommen andere auf. Das bedeutet eine Verzerrung des Wettbewerbs zum Nachteil derer, die die Verantwortung für ihr Wirtschaften übernehmen.

"Märchenökonomie" nennt Reinhard Raffenberg dieses System: "Sie sehen jetzt ja politisch den Einstieg in die CO2-Bepreisung. Es wird weitergehen. Wir werden die externalisierten Kosten irgendwann bilanzieren müssen. Die Gemeinwohlbilanzierung bereitet den Weg dazu, dass wir irgendwann sagen können: Ich investiere oder ich engagiere mich in faire Handelsbeziehungen, in ordentliche Arbeitsverhältnisse, in ökologische Grundlagen, in CO2-positive Produktionsketten. Das wird irgendwann ein materieller Gewinn sein, auch in der Bilanz."

Nachhaltigkeit: Langfristig zahlt sie sich aus

In der Gemeinwohlbilanz kann man theoretische 1000 Punkte erreichen. Das wäre das perfekt nachhaltige Unternehmen oder die komplett nachhaltige Kommune. Die volle Punktzahl hat daher noch niemand bekommen. Wichtiger ist der Bilanzierungsprozess – um Abläufe und Verbesserungen zu finden, die man umsetzen kann.

Marketingfachmann Christoph Harrach nennt sich Innovations- und Gemeinwohlberater. Studiert hat er Wirtschaftswissenschaften. Auch er arbeitet für die Stiftung Gemeinwohlökonomie. Er sieht nachhaltig aufgestellte Unternehmen schon heute im Vorteil.

"Unternehmen, die nachhaltig sind, haben die zukünftigen Märkte im Blick und sind damit wettbewerbsfähiger. Unternehmen, die nachhaltig orientiert sind, haben es einfacher qualifizierte Mitarbeiter zu finden, deren Aufwand, Mitarbeiter zu binden, sind geringer als bei Unternehmen, die keinen Sinn stiften."

In Steinheim hat man sich in Sachen Nachhaltigkeit schon mal auf den Weg gemacht.

Mehr zum Thema

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(Deutschlandfunk Kultur, Zeitfragen, 24.08.2020)

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(Deutschlandfunk Kultur, Sein und Streit, 08.12.2019)

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(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 14.12.2019)

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