Clara Leinemann: „Gelbe Monster“
© Suhrkamp
Der ultimative Geschlechterkampf

Clara Leinemann
Gelbe MonsterSuhrkamp Nova, Berlin 2026198 Seiten
22,00 Euro
Die Doktorandin Charlie hat ihren Freund geschlagen und geht deswegen zur Selbsthilfegruppe gewalttätiger Frauen. In ihrem ersten Roman „Gelbe Monster“ unterhält Clara Leinemann mit einer impulsiven Anti-Heldin und einer woken Meute im Ausnahmezustand.
Netflix hat es mit „Babo – die Haftbefehl-Story“ 2025 erneut bewiesen: Der vermeintlich geläuterte Sünder bleibt eine beliebte Medienfigur. In zahlreichen Ego-Dokus laden autofiktionsbegabte A- und B-Prominente zum kathartischen Trauma-Striptease. Sie berichten von ihrer oft verkorksten Jugend, von aus dieser Jugend resultierenden Eskapaden und von den später bitter nötigen Klinikaufenthalten und Therapieeinheiten. Erzählt wird dieser Plot in Suchtromanen und Streaming-Serien, auf Konzeptalben und Vortragsreisen.
Damit passt die weibliche Hauptfigur Charlie aus Clara Leinemanns Debütroman „Gelbe Monster“ in unsere Gegenwart. Auch sie hat sich danebenbenommen – und möchte Abbitte leisten. Die Mathematik-Promovendin ist hochbegabt und schwer gestört, hypersensibel und sie zeigt Symptome der Borderline-Persönlichkeitsstörung. Mit anderen Worten: Sie ist eine faszinierende junge Frau, die allerdings beim Blick auf sich vor einem großen Rätsel steht.
Charlie war der tief sitzenden, grundlegenden Überzeugung, dass alles an ihr falsch war. Seit der Pubertät hatte sie immer wieder den Versuch unternommen, sich zu ändern und ein besserer Mensch zu werden. Sie wollte Shakira werden, sie wollte Helene aus der 9b werden, oder die Hauptfigur aus einer Serie, die alle in der Oberstufe sich anschauten, eine unbändige, schöne Teenagerin fatale mit glorifiziertem Drogenproblem. So blieb es auch während des Studiums: Charlie wollte nahezu alle Frauen sein, die sie sah, nur nicht sie selbst; ihr selbst war faul, hässlich und schaffte es nicht mal, das Pfand wegzubringen.
Eine narzisstische Amour fou
Ihre innere Leere füllt Charlie seit einigen Jahren mit unbändiger Wut, die sich in selbst-, wie fremdschädigendem Verhalten niederschlägt. Am Romanbeginn sitzt die Kölner Studentin mit Blessuren in einer Selbsthilfegruppe für gewalttätige Frauen. Charlie, die selbst aussieht wie ein Gewaltopfer, will sich im Kreise Gleichgesinnter mit jener Ungeheuerlichkeit konfrontieren, die bereits im Buchtitel „Gelbe Monster“ angedeutet ist.
„Sie würden über Formen von Gewalt sprechen, über Macht und Kontrolle, über Signale, Gewaltzyklen, Konfliktverhalten, Emotionsregulation, weibliche Rollenbilder, das Selbstverständnis in Beziehungen, Elternschaft, Angst, Demut, Emanzipation.“
In Vor- und Rückblenden rekonstruiert Charlie ihre Amour fou mit dem ungefähr gleichaltrigen Valentin, einem angehenden Schriftsteller und Aushilfsbuchhändler, der ihr anfangs wie eine bessere Version ihres eigenen fragilen Selbst vorgekommen ist. Grüne Augen hat er, wie sie, talentiert ist er, sie ebenfalls. Charlie erkennt sich selbst im anderen, verliebt sich aber eigentlich wie Narziss ins eigene Spiegelbild. Charlie und Valentin sind ein erwartbares Match.
Das ist doch keine Straftat
Allerdings verachtet die wütende Mathematikerin wie alle Narzissten, was ihr ähnlichsieht. So kriselt es schnell in dieser jungen Liebe, die zunächst höchste Höhen erklimmt, jedoch nur, um von diesen Höhen abzustürzen – bis es schließlich zum Gewaltausbruch kommt, dem Anlass besagter Antiaggressionstherapie: „Sie schnauft. Sie hatte sich doch nur verliebt, ist das eine Straftat, oder was?“
Faszinierend ist, wie gegenwärtig Clara Leineman diese toxische Beziehung inszeniert. Zu Beginn erscheint Charlie die Anwesenheit Valentins „wie der Besuch eines Drogeriemarkts“. Sie fühlt sich sauberer, ordentlicher, ruhiger, „es war, als bräuchte sie nur ihn, und ihr Leben würde sich vereinfachen.“
Gaslighting par excellence
Doch das Einfache ist der komplizierten Frau in zwischenmenschlichen Beziehungen unmöglich. Dies liegt nicht nur an ihrer psychischen Erkrankung, sondern auch daran, dass Charlie alle Haltungen, Trends und Analysen unserer Mental-Health-Hochphase internalisiert hat. Die junge Frau ist aufgrund ihrer Psycho-Edukation permanent auf der Hut vor jenen Manipulationsfallen, die ihrer Ansicht nach in allen zwischenmenschlichen Beziehungen lauern. Sie hat ein Auge, sie hat eine Sprache für diese Fallen, weshalb sie schnell vermeintlich falsche Angewohnheiten ihres Liebhabers bemerkt – und ihrer Ansicht nach selbst dann angemessen reagiert, wenn sie handgreiflich wird.
„Ja, wenn du dich immer so aufführst wie ein kleiner Junge, führt das halt dazu, dass ich auch mal nicht nett zu dir bin. Ich wäre gern mit einem Erwachsenen zusammen.“ So rechtfertigt Charlie ihre immer häufigeren Übergriffe. Was eine schöne Liaison sein könnte, versinkt im Morast von schwarzem Narzissmus und Love Bombing, von Gaslighting, Ohrfeigen und Wutausbrüchen.
Wie sich hier Weltanschauung und Handeln widersprechen, hat zugleich eine satirische Dimension. Zwar wird Gewalt im Roman sehr oft von Frauen ausgeübt – zur gleichen Zeit aber dekonstruieren dieselben Frauen das Patriarchat, machen dessen Strukturen für ihr Handeln verantwortlich. Eine Teilnehmerin des Antiaggressionskurses berichtet über ihre Stalkingsucht, gendert aber pflichtschuldig selbst das erbarmungswürdige Opfer, während Charlie wie mehrere andere Teilnehmerinnen konstatiert: „Männer haben angefangen, manche zumindest.“
Einübung in Ambiguitätstoleranz
Dass selbst in der Überzeichnung keine Figur verraten wird, ist eine von vielen Stärken dieses ohnehin starken Debüts. „Gelbe Monster“ ist auch aufgrund seiner bewusst einfach und klar gehaltenen Sprache eine gelungene literarische Auseinandersetzung mit Gewalt und psychischer Devianz, mit Liebessucht und Destruktion. Man liest diese Fallstudie beim ersten Mal rasch, eingefangen von seiner Leichtigkeit, erkennt aber bei zweiter Lektüre, dass hinter dieser Leichtigkeit eine geschickte Dramaturgie verborgen ist.
Dieses „Gelbe Monster“-Buch ist eine kluge Melange aus Dark Romance und Charakterstudie, aus groteskem Psychothriller und Coming-of-Age-Pageturner, und es dient der Einübung in Ambiguitätstoleranz, jene notwendige Fähigkeit in unserer Epoche des radikalen und verabsolutierten Individualismus.




