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Im Gespräch | Beitrag vom 03.09.2019

Geigerin Franziska PietschAuf einem steinigen Weg zur internationalen Karriere

Moderation: Katrin Heise

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Pressebild der Geigerin Franziska Pietsch mit Violine auf dem Schoß. (Sonja Werner)
Franziska Pietsch mit Ihrer Geige. (Sonja Werner)

Nicht nur als Solistin, auch als Kammermusikerin sorgt die Geigerin Franziska Pietsch bei Kritik und Publikum für Begeisterung. In der DDR galt sie in den 80er-Jahren als musikalisches Wunderkind – bis ihr der Staat jeglichen Geigenunterricht verweigerte.

Schon mit vier Jahren ist für Franziska Pietsch klar, dass sie Geige spielen will. Beide Eltern spielen das Instrument. Doch neben der familiären Prägung findet Franziska auch einen eigenen Zugang zur Welt der Violine: Es ist der Eindruck, den der sowjetische Geiger Dawid Oistrach während eines Konzerts mit seiner Interpretation von Beethovens "Frühlingssonate" bei der Vierjährigen hinterlässt. "Es war etwas ganz Spezielles, was mich da erreicht hat", erzählt Franziska Pietsch. "Ich bin da raus und habe meine Eltern bekniet, ich möchte Geige spielen. Ich wusste, das ist mein Instrument."

Frühe Förderung, frühe Erfolge

Franziska Pietschs Talent lag bald offen zu Tage. In der DDR rutschte sie schnell in das System staatlicher Förderung, bekam täglich Geigenunterricht, trat schon als Kind öffentlich auf und studierte noch während ihrer Schulzeit an der Musikhochschule "Hanns Eisler" in Ostberlin. Sie war drauf und dran, das neue musikalische Aushängeschild der DDR zu werden.

"Über Nacht veränderte sich unser Leben"

Doch Förderung und Unterstützung fanden ein jähes Ende, als Franziska Pietschs Vater nach einer Konzertreise im Westen blieb und einen Antrag auf Familienzusammenführung mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern stellte.

"Über Nacht veränderte sich unser Leben", sagt Pietsch, die damals gerade einmal vierzehn Jahre alt war. Zwei Jahre zuvor hatte sie bereits den renommierten Bach-Wettbewerb in Leipzig gewonnen und war nun gerade dabei, sich auf den Menuhin-Wettbewerb in London vorzubereiten, als ihr von einem Tag auf den anderen jeglicher Unterricht verweigert wurde.

Geigenunterricht ohne Geige

Zwar fand der Unterricht weiterhin statt, allerdings durfte Franziska Pietsch dabei nicht mehr ihre Geige auspacken – und der Geigenlehrer, der sie bis eben noch unterrichtet und gefördert hatte, folgte den offiziellen Weisungen.

Zugleich legte man Pietsch nahe, sie müsse nur vom Antrag auf Familienzusammenführung und Ausreise zurücktreten, um wieder musikalisch gefördert zu werden: "Es sollte darum gehen, mich zu verunsichern."

Ein neuer Zugang zur Musik

Die schwierige Lage führte allerdings dazu, dass sich Franziska Pietsch nun damit beschäftigte, welche Perspektive sie selbst für sich und die Musik sah. "Mit 14 Jahren fing ich an, mir die sogenannten großen Sinnfragen des Lebens zu stellen: Warum machen wir überhaupt Musik? Wozu brauchen wir die Kunst überhaupt?" Diese bewusste Auseinandersetzung habe ihr einen anderen Zugang zur Musik eröffnet, berichtet sie.

Auch die Begegnung mit dem westdeutschen Geigenvirtuosen Ulf Hoelscher, der Franziska Pietsch und ihrer Familie heimlich einen Besuch in Ostberlin abstattete und versicherte, das Nachwuchstalent nach einer Ausreise an der Musikhochschule in Karlsruhe aufzunehmen, ließ Franziska Pietsch an ihrer Kunst festhalten. Schließlich gelang ihr mit der Mutter und der jüngeren Schwester die Ausreise.

Ankommen im fremden Land

"Die Sprache war gleich, aber ansonsten habe ich es als absolut fremd für mich empfunden", sagt Franziska Pietsch über ihre erste Zeit in der Bundesrepublik. Trotzdem machte sie sich allein auf nach Karlsruhe, wo sie mit 17 Jahren in die Geigenklasse von Ulf Hoelscher aufgenommen wurde. Die Eltern hatten zu diesem Zeitpunkt schon Anstellungen in Hannover: "Ich war wieder gezwungen, allein zu schwimmen, aber im Nachhinein empfinde ich es als Geschenk, weil ich wirklich frei war."

Mehr als nur Solistin

Nach ihrer Ausbildung, die sie nicht nur in Karlsruhe, sondern auch an der Juilliard-School in New York absolvierte, stand Franziska Pietsch als Solistin auf den internationalen Bühnen. Doch so erfolgreich sie war – immer wieder beschlich sie das Gefühl, nicht völlig darin aufzugehen. Franziska Pietsch widmete sich mehr und mehr anderen musikalischen Zusammenhängen und spielte fortan auch als Konzertmeisterin im Sinfonie-Orchester:

"Mich hat das einfach gereizt: Wie fühlt es sich an, als Konzertmeisterin im Orchester zu sitzen und ‚Ein Heldenleben‘ solo zu spielen oder eine Brahms-Sinfonie, eine Mahler-Sinfonie?"

"Mein Instinkt hat mich da sehr gut geleitet"

Zudem gründete sie zwei Kammermusikensembles, das Klaviertrio "Trio Trestore" und das Streichtrio "Lirico". Die Kammermusik habe sie inspiriert, sagt Pietsch heute. "Ich glaube, mein Instinkt hat mich da sehr gut geleitet", sagt die Geigerin. Für sie ist es die Mischung aus Solistin, Orchestermitglied und Kammermusikerin, in der sie sich am wohlsten fühlt: "Wo alles wieder zusammenkommt, bin ich da angekommen, was meiner Seele am meisten entspricht."

(era)

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