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Im Gespräch | Beitrag vom 03.06.2020

Geiger und Dirigent Emmanuel Tjeknavorian"Mir war immer klar, dass ich zum Dirigieren zurückkehre"

Moderation: Katrin Heise

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Emmanuel Tjeknavorian spielt die Geige bei einem Benefizkonzert im Februar 2019. (Imago / Rudolf Gigler)
Schon in jungen Jahren liebte Emmanuel Tjeknavorian das Dirigieren. Doch es war leichter, für ein Kind einen Geigenlehrer zu finden. (Imago / Rudolf Gigler)

Bevor er richtig sprechen konnte, hatte Emmanuel Tjeknavorian bereits ein Dirigenten-Podest und einen Taktstock. Weil kleine Kinder keine Dirigentenausbildung absolvieren können, lernte er erst mal Geige - und füllt damit heute große Konzertsäle.

Emmanuel Tjeknavorian spielt auf einer Violine von Antonio Stradivari von 1698. Für ihn ging mit diesem "Museumsstück", wie er es nennt, ein Traum in Erfüllung:

"Diese Geige passt besonders gut zu mir. Sehr viele Geigen führen ein starkes Eigenleben, bzw. haben einen starken Charakter - man sagt im Geigenjargon‚ die Geige ist eine Zicke, sie zickt rum. Aber diese Geige, die ich spiele, ist wie eine ideale Ehefrau, verlässlich, toll, immer da, bereit für alle möglichen Schandtaten und Klangfarben; von dieser Geige wurde ich zumindest in den letzten vier Jahren nie im Stich gelassen."

Der erste eigene Taktstock

Trotz der Begeisterung für das Geigenspiel war Tjeknavorian schon sehr früh klar, dass es dabei nicht bleiben sollte. Schon als ganz kleiner Junge hatte er einen eigenen Taktstock und ahmte damit seinen Vater nach, den Dirigenten Loris Tjeknavorian.

Er liebte das Dirigieren. Aber es war leichter, für das Kind einen Geigenlehrer zu finden als eine Dirigentenklasse. Seine Mutter, eine Konzertpianistin, hörte bereits zum Frühstück gerne Musik:

"Als ich mit fünf, sechs angefangen habe, Geige zu spielen, war ich sozusagen für die Playlist zuständig und hab dann irgendwelche Geigenkonzerte aufgelegt. Ich war als Kind sehr fasziniert von Requiems, morbiderweise."

Lernen ohne Spielereien

"Für mich war von Anfang an kristallklar, dass mein Leben immer mit Musik verbunden sein wird." Sein erster Geigenlehrer in Armenien, wo Tjeknavorian zur Grundschule ging, war schon über 80 Jahre alt: "Ein irrsinnig erfahrener Mann, mit einer gesunden Portion Härte." Es wurde gleich richtig gelernt, ohne irgendwelche Spielereien. "Ich mag diese Seriosität sehr."

Er lernte schnell und mit Begeisterung, gewann Wettbewerbe und füllt inzwischen mühelos große Konzertsäle. Aber auch die andere Leidenschaft ist geblieben: "Dass ich eines Tages zurückkehre zum Dirigieren, war mir immer klar." Momentan ist er sehr zufrieden, dass er sowohl Geige spielen kann, als auch die Möglichkeit hat, als Dirigent mit guten Orchestern zu arbeiten.

Wien bleibt Wien

Tjeknavorian sieht sich als richtigen Wiener - trotz, oder gerade aufgrund der internationalen Geschichte seiner Familie. "Der echte Wiener hat viele Wurzeln, kommt in Berührung mit vielen Kulturen. Hauptsächlich spreche ich mit meiner Mutter Russisch, mit meinem Vater Armenisch, mit meiner Schwester eigentlich Deutsch; und ich habe noch einen Halbbruder, der Amerikaner ist, mit dem spreche ich Englisch."

Grenzüberschreitungen gehören für ihn zum Alltag: "Ich möchte auch in Zukunft nicht nur in Wien leben. Ich habe mich in Rom sehr verliebt, überhaupt Italien. New York ist auch irgendwie auf der Liste, weil mich das sehr reizt. Aber Wien bleibt Wien und Wien bleibt Stadt meiner Träume."

(mah)

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