Gehörlose in Deutschland

Der Kampf um Teilhabe und Anerkennung

29:26 Minuten
Illustration zeigt eine Frau die eine Hand an Ihr Ohr hält.
Laut Gesetz steht den etwa 80.000 gehörlosen Menschen in Deutschland gleichberechtigte Teilhabe zu. Doch die Praxis sieht oft noch anders aus. © imago / fStop Images / Malte Müller
Von Christina Rubarth · 04.04.2022
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Gehörlose Menschen fühlen sich in der Welt der Hörenden oft fremd und ausgegrenzt. Doch gerade die Jüngeren unter ihnen beginnen, sich zu wehren gegen "Audismus", die Diskrimierung durch Hörende. Sie fordern ihr Grundrecht auf Teilhabe ein.
Rund 80.000 Menschen in Deutschland sind gehörlos. Etwa 250.000 nutzen die Deutsche Gebärdensprache, kurz DGS, darunter auch Schwerhörige und Menschen mit elektronischer Hörprothese. Die DGS verwendet Handbewegungen – die Gebärden –  aber auch Mimik, Mundbewegungen und Körperhaltung. Sie hat ein umfangreiches Vokabular und eine eigene Grammatik, die anderen Regeln folgt als die der deutschen Laut- und Schriftsprache. In ihrer Komplexität sind die beiden vergleichbar.
Erst im April 2002 hat das deutsche Behindertengleichstellungsgesetz die Deutsche Gebärdensprache offiziell als eigenständige Sprache anerkannt. In Neuseeland, Simbabwe, Papua-Neuguinea und Südkorea ist die Gebärdensprache auch Amtssprache. 

Bei den "Chaos Bikers" sind alle willkommen

Vladyslaw Kotok, den alle Vlady nennen, lässt die Hände vor seinem Oberkörper übereinander kreisen – die Gebärde für das Wort „Chaos“. Vlady ist Zweiter Vorsitzender der „Chaos Bikers“, einem frisch gegründeten Motorradverein gehörloser, schwerhöriger und hörender Menschen.
Im Berliner Bezirk Neukölln treffen sich Männer, Frauen und Transmenschen für Touren auf ihren Motorrädern. Chaos, weil alles hier gemischt und erwünscht ist. Nur eins ist Pflicht: eine Maschine mit mindestens 250 Kubik.
„Wenn ich jetzt als einziger Gehörloser irgendwo in einem Verein oder so bei Hörenden beitrete, dann habe ich keine Chance. Wie soll denn die Kommunikation dann auch sein? Nur vorstellen, wir machen eine Reise zusammen, ich sitze die ganze Zeit da, mir wäre stinklangweilig, weil ich überhaupt nicht kommunizieren kann. Ich hätte das Gefühl, ich würde wie ein Hund hinterherlaufen. In einer gemischten Gruppe wie hier oder in einer Gehörlosen-Gruppe fühle ich mich viel wohler, weil auch der Austausch möglich ist, so wie jetzt, total klasse.“
Ute Sybille Schmitz, oder kurz Billa, leiht Vlady ihre Stimme. Billa ist ein „Coda“ – ein Child of Deaf Adults, also ein hörendes Kind gehörloser Eltern. Sie ist mit Gebärdensprache als Muttersprache aufgewachsen und staatlich geprüfte Gebärdensprach-Dolmetscherin. Und sie ist eines von rund zehn Mitgliedern der „Chaos Bikers“ und dolmetscht meine Fragen in die Deutsche Gebärdensprache und zurück. In der DGS gibt es kein förmliches „Sie“ – alle sind per „Du“.

Gehörlose und hörende Welt verbinden sich

Mark Norloch, für alle hier einfach Mark, kann den Motorenlärm nicht hören – wie die Mehrheit der „Chaos Bikers“. Aber das ist völlig egal, sagt er, gedolmetscht von Billa.
„Ich fühle es von den Haarspitzen bis zu den Haarwurzeln, durch den Bauch geht die ganze Vibration. Es ist ein richtig geiles Gefühl für mich.“
Mark ist Kassenwart bei den „Chaos Bikers“. Er und alle anderen wünschen sich weitere Mitglieder: Leute wie Andreas Nienkemper. Über seine Frau Billa kam er das erste Mal mit gehörlosen Menschen und ihrer visuellen Sprache in Kontakt. Jetzt lernt er die Deutsche Gebärdensprache, so wie er jede andere Fremdsprache auch lernen würde – per Sprachkurs.
„Wenn man die Sprache nicht kann, ist man immer ein bisschen zurückhaltend und traut sich nicht so“, sagt er. „Je mehr Kontakt man hat und merkt, das funktioniert ja wunderbar, desto mehr Hemmungen verliert man.“
Die „Chaos Bikers“ schaffen das, was der deutschen Gesellschaft noch schwerfällt: Die gehörlose und die hörende Welt verbinden sich, auf Augenhöhe. Die Mitglieder sprechen mit- statt übereinander. 

Audismus - wenn Gehörlose diskriminiert werden

Audismus ist eine diskriminierende Haltung, ähnlich wie Rassismus oder Sexismus. Was beim Rassismus der „weiße“ Mensch ist, ist beim Audismus der problemlos hörende Mensch und damit die Fähigkeit, Informationen auch akustisch statt visuell wahrzunehmen. Laut der Website nicht-stumm.de diskriminiert Audismus demnach vor allem Taube und schwerhörige Menschen.
In den letzten Jahren hat sich in der jüngeren Generation nicht hörender Menschen ein neues Selbstbewusstsein und, ja, auch etwas Kampfgeist entwickelt. In diesem Feature ist mal von „gehörlosen“ Menschen die Rede, mal von „Tauben“ Menschen – mit einem großen "T". Die Deaf Community hat sich so den lange negativ behafteten Begriff "taub" zurückerobert. Damit will sie zeigen: Taubheit hat nichts mit Defizit zu tun – ganz im Gegensatz zu dem Begriff "gehörlos", der in sich schon einen Mangel benennt.
Gleichgestellt im Alltag sind Taube Menschen ihren hörenden Mitmenschen noch lange nicht, sagt Sophia Mushold:
„Ich möchte, auch wenn ich gehörlos bin, auf Augenhöhe sein mit Hörenden und ich möchte auch das lernen, was Hörende lernen.“
Porträtaufnahme einer jungen Frau mit kurzen blonden Haaren im dunklen Pullover.
Sophia Mushold hat gerade ihr Studium in Illustrationsdesign abgeschlossen.© Deutschlandradio / Christina Rubarth
Sophia Mushold, von Billa gedolmetscht, begann als 19-Jährige eher unfreiwillig eine Ausbildung zur Mediengestalterin im Berufsbildungswerk Leipzig, arbeitete später in der ambulanten Pflege. Dabei war Kunst immer ihr großer Traum, erzählt die heute 31-Jährige. Dem nähert sie sich gerade an; gegen alle Widerstände. Sie kündigte ihren Job in der Pflege und bewarb sich vor vier Jahren an der Akademie für Illustration und Design Berlin. 
„Die Dozenten waren zuerst völlig schockiert. ´Wie soll das denn funktionieren mit einer Tauben?´ Da habe ich gesagt: ´Da braucht ihr euch keine Sorgen machen. Es gibt ja Dolmetscher, auch Arbeitsassistenz.´ Dann habe ich einen Antrag gestellt. Leider wurde er abgelehnt. Komplett. Das Jobcenter war hart, wirklich, die sagten immer wieder: ´Als Illustrationsdesignerin, das ist zwecklos, du hast da überhaupt keine Chance.´“

Vor dem Sozialgericht erstritt sie Unterstützung

Sophia Mushold kämpfte sich zwei Jahre lang allein durch unter hörenden Dozenten und Mitschülern, zog bis vors Sozialgericht. Am Ende übernahm das zuständige Bezirksamt die Dolmetscherkosten. Wie sie es bis dahin geschafft hat? Sie fand Studierende, die ihr halfen, sagt sie, Dozenten, die ihr Dinge auch mehrmals erklärten. Sie hatte Glück - statt Unterstützung vom Amt.
„Die Klasse war ja komplett gemischt, eine internationale Klasse war es. Die kamen ja nicht nur alle hier aus Berlin. Die eine war aus Frankreich, ich war in Gebärdensprache, die andere war Englisch, die andere Spanisch. Das war schon toll, weil wir eben so viele Sprachen in der Klasse auch hatten.“
Mitte März hat sie es geschafft: Sie hat ihr Studium für Illustrationsdesign abgeschlossen.

Rechtsanspruch auf gedolmetschte Sprache

Hörbehinderte Menschen haben einen Rechtsanspruch auf gedolmetschte Sprache, z.B. bei Aus- und Weiterbildungen, vor Gericht oder bei Arztterminen. Die Kosten – derzeit rund 85 Euro pro Stunde – übernehmen Integrations- oder Sozialämter, Pflege- oder Krankenkassen. Alle Menschen mit Behinderung können ein sogenanntes „persönliches Budget“ beantragen, um es dann für festgelegte Leistungen zu nutzen. Gehörlose können mit diesem Geld auch Dolmetscher bezahlen.
Spontaneität ist allerdings nur selten möglich: Gebärdensprachdolmetschende müssen oft mehrere Wochen im Voraus gebucht werden. Meist hat ein gehörloser Mensch mehrere Stamm-Dolmetscher, die er anfragt und denen er vertraut. Von ihnen ist er aber auch abhängig, wenn er mit Menschen sprechen will, die die Deutsche Gebärdensprache nicht beherrschen.
Jeanette Dümichens Stammdolmetscherin ist Claudia Franz. Die beiden kennen sich schon viele Jahre. Dümichen lebt mit ihrem gehörlosen Mann und ihren zwei hörenden Kindern in Freital in Sachsen. Auch sie wurde in eine Ausbildung gedrängt; zur Zahntechnikerin, in einer Zeit, in der Gebärdensprache kaum akzeptiert wurde. Vor zehn Jahren dann entschied sich Jeanette Dümichen, Erzieherin zu werden: in einer bilingualen Kita mit gehörlosen und hörenden Kindern.

Ein Gutachten sollte ihre Eignung als Erzieherin belegen

Für ihre Ausbildung benötigte sie eine Dolmetscherin. Die Kosten für diese berufliche Umorientierung aber wollte und will kein Amt zahlen, weil sie die Ausbildung als Zahntechnikerin ja bereits abgeschlossen habe. Als Dümichen dagegen klagte, forderte das Gericht ein gesundheitliches Gutachten, um ihre Eignung zur Erzieherin zu prüfen. 
„Das sitzt mir schwer im Magen, als bei mir alles vermessen wurde“, erinnert sie sich. „Das ist für mich wirklich wie ein kleines Trauma. Stand im BH und Schlüpfer dort da und dachte mir, was ist denn das? Das war wie ein Trauma. Das werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Wie 1940 die Situation, als man da untersucht worden ist. Wahnsinn! Wahnsinn! Ich verstehe es wirklich nicht.“
Würden Hörende auch so untersucht werden?

"Es ist einfach Unrecht"

Auch das quälende 24-seitige Gutachten brachte nicht die Wende. Es bescheinigte zwar, sie sei gesund und fähig für die Arbeit als Erzieherin, besagte aber auch: Sie könne in ihrem alten Beruf weiterarbeiten. Dümichens Kampf für eine Ausbildung als Erzieherin - bis heute ohne Erfolg.
„Es hat mich viel, viel Kraft gekostet. Ich war auch oft krankgeschrieben, meine Kraft hat nachgelassen. Dann habe ich mit einer Psychologin drüber gesprochen, weil es mir nicht gut ging. Und sie hat mir gesagt: Ich muss es eben halt akzeptieren. Ich sollte den Kampf aufgeben. Fällt mir aber unheimlich schwer, denn es ist einfach Unrecht, und ich sehe es nicht ein. Ich sehe es einfach nicht ein.“
Jeanette Dümichen könnte als Erzieherin in einer bilingualen Kita einen Beitrag für gelebte Inklusion für Taube und hörende Kinder leisten, den frühen Kontakt mit der Deutschen Gebärdensprache fördern. Jetzt überlegt sie, ein Buch über ihre Erfahrungen zu schreiben. Ein Buch ohne Happy End. 

Die Ärzte ignorierten die Hinweise der Eltern

90 Prozent aller gehörlosen Kinder haben hörende Eltern. Sie lernen die Deutsche Gebärdensprache meist erst durch andere gehörlose Kinder in der Schule. Junge hörende Erwachsene, die als Gebärdensprachdolmetschende oder als Lehrkräfte mit Gebärdensprache arbeiten wollen, erlernen die DGS vergleichsweise spät. Sie haben kaum eine Chance, später auf dem Niveau von Muttersprachlern zu gebärden.
Kurz vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie kam in Stuttgart die jüngste Tochter von Liuba Melnitschuk und Mykola Tymoshchuk zur Welt.
„Das war schon von frühen Wochen an zu beobachten, dass unsere Tochter nicht auf Stimmen reagiert. Auf das Vorsingen, auf das Reinkommen ins Zimmer drehte sie nicht ihren Kopf Richtung Geräuschquelle. Und das Aha-Erlebnis war dann irgendwann, als eine schwere Thermosflasche auf den Boden fiel und sie nicht mal mit der Wimper zuckte, und da war sie drei Monate alt.“
Erst ein halbes Jahr später, sagt Liuba Melnitschuk, bestätigten Tests, dass die kleine Uljana so gut wie nichts hört. Vorher hatten die Ärzte die Hinweise der Eltern ignoriert. Während des Zoom-Interviews klettert die Zweijährige immer wieder auf den Schoß ihrer Mutter. Dass diese über ihre Geschichte spricht, hört sie nicht.
„Wenn man mit dem Kind, mit einem Menschen, mit dem man zusammenlebt, nicht kommunizieren kann und es ständig in irgendwelchen Konfliktsituationen landet, ist sehr frustrierend. Man will die Situation ändern. Man will eine gemeinsame Sprache haben. Uns ist ständig bewusst, ohne Sprache können wir unserer Tochter nichts vermitteln. Sie kann zwar mit den Augen beobachten, was passiert, aber sie kann den Sinn dahinter nicht erschließen. Ich persönlich empfinde das als fahrlässig, dem Kind die Welt nicht erklären zu können, die Gefühle nicht erklären zu können. Es tut weh, es ist, als ob wir selber unser Kind ausgrenzen, weil wir diese sprachliche Barriere nicht überwinden. Wir wollen, dass sie dabei ist.“

So früh wie möglich Zugang zur Sprache bekommen

Uljanas Mutter arbeitet als Übersetzerin. Ihr Vater ist Pädagoge. Beide Eltern wissen: Es muss schnell gehen. Nur wenn ein Kind früh eine Basissprache lernt, kann es Sprachwissen aufbauen, den Wortschatz erweitern, Grammatik und Zusammenhänge gut verstehen und sich auf dieser Grundlage später auch weitere Sprachen – zum Beispiel die deutsche Schriftsprache – aneignen. Weil die Eltern so lange weder eine Diagnose noch Hilfe für Uljana bekamen, wurden sie selbst aktiv:
„Es war uns sehr wichtig, dass das Kind sofort und nicht irgendwann Zugang zu Sprache bekommt und die einzige Möglichkeit, diesen sofortigen Zugang zu ermöglichen, ist eben die Gebärdensprache anzubieten. Wir haben einfach weiter Schritt für Schritt versucht, eine gebärdensprachliche Umgebung für unsere Tochter zu organisieren“, sagt die Mutter.
„Wir stellten sofort Anträge auf Haus-Gebärdensprachkurse für uns Eltern, für das Kind und für das Geschwisterkind bei den Trägern, beim Jugendamt und beim Sozialamt. Und die erste Überraschung war, dass die beiden Behörden, obwohl wir in der Landeshauptstadt leben, so überrascht über diese Anträge waren, weil sie diese zum ersten Mal bekommen haben. Die hatten keinerlei Vorerfahrungen mit ähnlichen Anträgen.“
Liuba Melnitschuk und Mykola Tymoshchuk mit ihren beiden Töchtern.
Liuba Melnitschuk und Mykola Tymoshchuk haben sich trotz Zweifeln für ein Cochlea-Implantat für die Tochter entschieden.© Deutschlandradio / Christina Rubarth
Der Gebärdensprachunterricht wird nach unterschiedlichen Anträgen bei unterschiedlichen Ämtern, unzähligen Telefonaten und Mails nun seit einem Jahr für alle Familienmitglieder finanziert: vom Jugendamt und von der Krankenkasse. Dreimal pro Woche kommt eine Lehrerin zu ihnen nach Hause: nicht aus Stuttgart, sondern aus 100 Kilometern Entfernung. In der baden-württembergischen Hauptstadt fand sich niemand.
Andere Widerstände blieben: Der ersten Kita, die Uljana besuchte, war ein gehörloses Kind in der Gruppe zu anstrengend. Die zweite Kita war offen für sie und für eine gebärdensprachliche Assistenz. Doch auch anderthalb Jahre nach dem Antrag auf Assistenz hat die Stadt Stuttgart ihn noch nicht bewilligt. Erst Mitte Februar wurde das Sozialamt vorläufig verpflichtet, die Kindergartenassistenz zu übernehmen – bis die Behörde ihre eigene Entscheidung trifft. Seit Ende März ist Uljana in der Eingewöhnung. Vorläufig.
„Wir werden in diese Rollen gezwungen, in diese unerledigten Aufgaben, von der Stadt, von der Gesetzgebung, von der Pädagogik, die auf der Strecke für Gehörlose geblieben ist“ beklagt Liuba Melnitschuk. „Wir müssen all diese Fäden hier bei uns in der Familie zusammenführen, wenn das alles woanders nicht funktioniert.“

Die Ärzte drängen zum Cochlea-Implantat

Statt ihrem Wunsch auf Gebärdensprachunterricht nachzukommen, werden die Eltern zum Hören-und-Sprechen-Lernen beraten. Von den Ärzten fühlen sie sich zu einem Cochlea-Implantat für ihre Tochter gedrängt. Um das zu installieren, ist eine Operation am Kopf nötig. Ein Mikrofon soll den Schall hinter dem Ohr einfangen, ein Sprachprozessor ihn in digitale Signale umwandeln. Wie es wohl klingt, was dann in Uljanas Gehirn ankommt?
Jedes Geräusch wird durch das Implantat verstärkt, auch das Ticken einer Uhr an der Wand - so beschreiben es Menschen, die ein Cochlea-Implantat tragen. Es sei sehr schwierig, wichtige von unwichtigen Geräuschen zu unterscheiden, und es dauere lange, sich an das Implantat zu gewöhnen. Geräusche richtig zuzuordnen, müssen Menschen mit Hörbehinderung erst lernen. Der Weg ist lang und nicht immer erfolgreich. Uljanas Eltern wissen das. Sie haben sich vor einem Jahr dennoch für ein Implantat für Uljana entschieden; und zweifeln gleichzeitig.
„Es ist sehr anstrengend für sie. Das überfordert sie, wenn sie mehrere Stunden ohne Pause die Implantate trägt. Das merken wir an ihrer Konzentration. Sie braucht diese Pausen. Und in den Pausen brauchen wir auch eine vollwertige Kommunikation. Es ist für uns persönlich unumgehbar, eine Sprache zu haben, die nicht an die Technik gekoppelt ist. Wir haben tatsächlich ein Jahr seit Einschaltung der Geräte jetzt gerade. Sie beginnt einzelne kleine leichte Wörter auszusprechen wie Mama, Papa oder den Namen der Schwester. Diese Wörter können jetzt im Moment nur wir erkennen.“

"Taube Vorbilder in den Kindergarten und die Schule"

Darum setzt die Familie weiter auf die Deutsche Gebärdensprache als Sprache für alle Familienmitglieder – neben Deutsch und Ukrainisch. Und sie hat einen Wunsch, der so logisch, aber in der heutigen Realität doch unwirklich klingt: 
„Taube Vorbilder in den Kindergarten und in die Schule von Anfang an. Es sollen Taube Personen in Kindergärten hospitieren oder mal zwischendurch arbeiten oder irgendwelche gemeinsamen Angebote mit hörenden Kindern veranstalten. Ganz radikal: Alle Schüler sollten einmal vielleicht ein Gebärdensprachkurs schon mal gemacht haben und einmal live eine gehörlose Person gesehen zu haben, einmal mit einer gehörlosen Person schon mal gespielt zu haben. Einfach eine Konfrontation mit den Menschen, die so leben. Und erst dann werden die Vorurteile abgebaut.“
Die Deutsche Gebärdensprache steht selbst auf Gehörlosenschulen nicht automatisch auf dem Lehrplan. Nur wenige Lehrkräfte sind selbst gehörlos. Auch müssen Lehrerinnen und Lehrer die DGS nicht unbedingt beherrschen, um Gehörlose zu unterrichten.
Je nach Gehörlosenschule wird in verschiedenen Sprachen gelehrt: zum Beispiel in deutscher Lautsprache – also der Sprache, die Hörende sprechen. Zum Teil wird sie durch sogenannte lautsprachunterstützende Gebärden ergänzt. Die Grammatik der Lautsprache bleibt bei dieser Mischform aus Lauten und Gebärden erhalten – kein Vergleich zur echten DGS.
Daraus ergibt sich das Paradox: Manche Kinder brauchen Gebärdensprachdolmetscher, um auf einer Gehörlosenschule dem Unterricht folgen zu können.
Ein Mädchen mit blondem Zopf trägt ein Cochlea-Implantat.
Jedes Geräusch wird durch das Implantat verstärkt, auch das Ticken einer Uhr an der Wand - so beschreiben es Menschen, die ein Cochlea-Implantat tragen (Symbolbild).© picture alliance / dpa / Michael Matthey
Benedikt Sequeira Gerardo, heute Anfang 40, wuchs als gehörloses Kind gehörloser Eltern auf. Er leitet die Berliner Agentur für Gebärdensprachdolmetschende „Yomma“. Die Deutsche Gebärdensprache ist seine Muttersprache – und war für ihn die Grundlage, auch die deutsche Schriftsprache zu erlernen, zu studieren und erfolgreich im Berufsleben zu sein, sagt er, gedolmetscht von seiner Frau Angelina Sequeira Gerardo.
„Bei anderen tauben Menschen, die in hörenden Familien aufwachsen, ist es mit dem Spracherwerb schwieriger. Da braucht man viel mehr Förderung in der Lautsprache, das ist hier in Deutschland leider recht schwierig. Ich hatte ja als Grundlage die Deutsche Gebärdensprache, und wenn man dann schon eine Sprache als Grundlage hat –  ist ja egal, welche – , hat man etwas, worauf man aufbauen kann, und dann ist der Spracherwerb von einer anderen Sprache leichter.“
Dieses Privileg, sagt er, bleibt den meisten gehörlosen und hörbehinderten Menschen verwehrt: weil der Fokus in vielen Schulen auf Hör- und Sprechtraining liegt und DGS und Wissensvermittlung auf der Strecke bleiben. Weitere Informationsquellen fallen für Gehörlose oft aus; auch das Radio scheidet aus. Dieses Feature immerhin ist im Internet in Schriftsprache abrufbar auf deutschlandfunkkultur.de.

Ein öffentlich-rechtliches Angebot für Gehörlose

Sequeira Gerardo hat vor fünf Jahren die Website „Taubenschlag“ übernommen, die sich als Informationsplattform versteht, für Taube, Schwerhörige und Hörende gleichermaßen. Solche Angebote gebe es immer noch zu wenig, sagt er, und auch das habe mit dem niedrigen Bildungsstand vieler Gehörloser zu tun:
„Deswegen haben Taube Menschen oft Schwierigkeiten, ein eigenes Business aufzubauen oder sich mit anderen zu vernetzen.“
In den letzten Jahren kam etwas Bewegung in die Medien, zum Beispiel mit dem Instagram-Angebot „Hand drauf“, das ARD und ZDF finanzieren. Hier sprechen und informieren Taube Menschen in DGS über aktuelle Themen aus Politik und Gesellschaft. Vom Krieg in der Ukraine über Transsexualität bis zu Tipps für die Jobsuche. Die Filme sind mit Untertiteln versehen, sodass auch Hörende verstehen, worum es gerade geht. Benedikt Sequeira Gerardo möchte, dass Inklusion anders gedacht wird. Taube Schülerinnen und Schüler sollten in Gebärdensprache unterrichtet werden, nicht in Regelklassen mit Hörenden und gebärdensprachlicher Assistenz, sagt er. Weil sie nur dann lernen, wie Kinder zu kommunizieren und nicht durch den Filter eines Erwachsenen.
„Ich glaube, dass eine Gebärdensprachschule die bessere Lösung wäre. Da können auch Hörende hin, die auch Taube Menschen in der Familie haben. Das heißt, die Schule ist offen für alle. Aber nichtsdestotrotz ist die Sprache in der Schule eben als Erstsprache die Gebärdensprache. Das ist inklusiv, aber ein anderer Weg als er momentan verstanden wird. Wenn es eine hörende oder eine Regelschule ist, wo einfach nur ein Taubes Kind ja hingeschickt wird, ist das in meinen Augen kein so gelungener Weg.“ 

Lippenlesen funktioniert bei vielen Kosonanten nicht

Bis in die 80er-Jahre des 20. Jahrhunderts war Gebärdensprache verpönt und wurde vernachlässigt. Gehörlose, hörbehinderte und schwerhörige Menschen wurden gezwungen, lautsprachlich zu kommunizieren. Kinder sollten lernen, Wörter auszusprechen, ohne sie zu hören, außerdem von den Lippen abzulesen. Mittlerweile geht man davon aus, dass das bei maximal 30 Prozent der Laute möglich ist. Die restlichen 70 Prozent müssen aus dem Kontext erschlossen werden. Konsonanten z.B. werden im Rachen gebildet und werden nicht an den Lippen sichtbar.
Auch Gabriel Nistor sollte lernen, von den Lippen abzulesen und wurde als Kind auf eine Schwerhörigenschule geschickt.
„Meine Eltern wollten, dass ich lautsprachorientiert aufwachse, weil sie den Gedanken vertreten haben: Hören ist das Tor zur Welt“, sagt er. „Das basierte auf der damaligen Wissenschaft. Das ist uns eingetrichtert worden, richtig eingebläut. Man ist den ganzen Tag damit beschäftigt, zu erkennen: Ist das Gabel, Kabel oder Graben, das sieht alles sehr ähnlich aus und dann bin ich jedes Mal im Zweifel: Habe ich es richtig verstanden oder gibt es ein Missverständnis? Mein Gegenüber denkt sich: Ist der blöd? Warum versteht der mich nicht?“

Erst als Jugendlicher Gebärdensprache gelernt

Lippenlesen ist sehr anstrengend, sehr ermüdend, sagt Gabriel Nistor. Seine Gebärden dolmetscht eine Arbeitsassistenz. Nistor wurde über Umwege Berater für ergänzende unabhängige Teilhabeberatung in Köln, kurz EUTB. Er berät gehörlose Menschen, informiert sie über Rechte und Möglichkeiten, über Teilhabe am Arbeitsleben bis hin zu technischen Hilfsmitteln. Mehrere Assistenten unterstützen ihn bei der Kommunikation mit Hörenden. Mehrere Stunden pro Woche dolmetschen sie z.B. Telefongespräche.
Mit der Deutschen Gebärdensprache kam Gabriel Nistor erst als Jugendlicher in Kontakt. Im Berufsbildungswerk, in dem hörbehinderte Menschen miteinander lernten, machte er 1989 eine Ausbildung zum Industrieelektroniker. Zum ersten Mal fühlte er sich bei seinen neuen Mitschülern und Mitschülerinnen voll einbezogen in die Gespräche. Gebärdensprache als gemeinsame Sprache.
„In der Ausbildung war das für mich wirklich wie eine Explosion, diese Sprache zu lernen. Ich dachte: Wahnsinn, was es alles gibt.“

Die USA als Vorbild für Teilhabe

„Seine“ Lautsprache war für Hörende nahezu unverständlich. Das fand Gabriel Nistor heraus, nachdem er sie jahrelang mühevoll gelernt hatte: „Dadurch habe ich verstanden, dass das eine Illusion ist, einfach, die ich da wirklich immer hatte, dass ich dachte, ich kann sprechen.“

Gabriel Nistor will gleichberechtigt sein neben Hörenden. Diese Forderung, sagt er, gilt auch für den Nachrichtenkonsum. Nachrichten kann er auf Phoenix mit Gebärdensprachdolmetscher schauen. Aber das ist es nicht, was er, was die Taube Community will. Alle Angebote – von Tagesschau bis Heute-Journal – sollen direkt, ohne Umschalten und Umwege sichtbar sein.
„Ich habe mal ein Video gesehen, da kamen immer wieder die Ellenbogen vom Dolmetscher so ins Bild, den hat man gesehen, ja, aber die haben versucht, den rauszuschneiden, und dann dachte ich: Kann man es nicht genauso machen wie in Amerika und dann kriegen wir alle Informationen?“

Es geht um Grundrechte und nicht um Fürsorge

„Wir haben ja gesehen innerhalb der Covid-Pandemie oder bei dieser sehr schrecklichen Flutkatastrophe im Ahrtal: dass wir viel zu wenig Informationen in Gebärdensprache haben, also insofern zeigen dann immer wieder solche schrecklichen Ereignisse, bestehende Problemlagen besonders deutlich“, sagt Jürgen Dusel, der Bundesbeauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderungen. Auch er verlangt, dass ein Tauber Mensch genauso schnell und umfassend Informationen erhalten muss wie Hörende.
„Wir müssen einfach verstehen, dass es da nicht um irgendwas Nettes geht, was wir da machen, dass Menschen, die Taub sind, dann auch die Informationen bekommen. Sondern es geht letztlich um die Umsetzung von fundamentalen Grundrechten und wenn es um Fragen der Gebärdensprache geht und so weiter, Audiodeskription, da passiert schon viel. Aber ich erlebe manchmal immer noch, dass nicht klar ist, dass das eigentlich eine Verpflichtung ist, die sich ergibt, und nicht irgendeine Form der Fürsorge.“
Menschen mit Behinderungen seien frustriert, wenn sie das Recht, das ihnen zusteht, nicht durchsetzen könnten. Sein Motto in dieser, seiner zweiten Amtszeit: „Demokratie braucht Inklusion“.
Gerade für die Rechte gehörloser Menschen, sagt er, wolle er sich nun verstärkt einsetzen: „Wir haben weniger ein Erkenntnisproblem, sondern eher ein Umsetzungsproblem. Ich glaube, dass es schon wichtig ist, dass die Gebärdensprache sichtbarer wird.“

Mitwirkende
Autorin: Christina Rubarth
Es sprachen: Christina Rubarth und Philipp Lind
Regie: Cordula Dickmeiß
Ton: Jan Fraune
Redaktion: Franziska Rattei

 



 

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