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Zeitfragen | Beitrag vom 09.04.2020

GehirnforschungWie wir Erinnerungen löschen

Von Carina Fron

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Wissenschaftler diskutieren ein Gehirndiagramm. (Illustration) (imago images / fStop Images)
Was geht im Gehirn vor, wenn man sich einfach nicht mehr erinnern kann? (imago images / fStop Images)

Ein plötzlicher Blackout - man kann sich an mehrere Stunden einfach nicht mehr erinnern. Für Betroffene ist die Transiente Globale Amnesie oft belastend. In der Forschung wird das temporäre Vergessen mittlerweile nicht nur negativ betrachtet.

Wenn wir zur Ruhe kommen und schlafen gehen, fängt für unser Gehirn die Arbeit erst an. Es lässt den Tag quasi Revue passieren. Erinnerungen werden sortiert – scheinbar "Unwichtiges" gelöscht. Bereits Gespeichertes wird im Schlaf gefestigt. Um zu verstehen, was da im Gehirn genau passiert, ist es hilfreich zu untersuchen, was beim plötzlichen Verlust von Erinnerungen geschieht. Für die Betroffenen ist eine Amnesie allerdings sehr belastend und nicht immer einfach zu diagnostizieren: 

"Ja, ich habe es als Blackout bezeichnet. Ich hatte das Gefühl, ich habe für eine bestimmte Zeit einen Blackout, kann mich an nichts erinnern und ja, was das dann ist, war ich erst einmal völlig unsicher." 

Das Umfeld von Maria Johann denkt damals erst einmal an eine Demenz, heute kann sie darüber lachen. Sie erzählt ihre Geschichte unter einem anderen Namen. 

"Also eigentlich hat es angefangen, ich habe geduscht und habe eine Überschwemmung im Bad gehabt. Und diese habe ich mit viel Kraft und mit Wischtüchern beseitigt und ab dann habe ich eigentlich keine Erinnerung mehr."

Gespräche und Autofahrt – alles vergessen

Erst einige Stunden später erwacht die heute 70-Jährige wie aus einem Traum. Sie steht in ihrer Wohnung, denkt an ihre Pläne für den Tag. Sie weiß zu dem Zeitpunkt nicht, dass sie all das schon erledigt hat – quasi im Autopilot, ohne ihr Bewusstsein.  

"Ich habe hinterher gehört, ich habe nach dieser Überschwemmung den Hauswart angerufen. Der war bei mir. Dann kam der Schornsteinfeger. Mit dem habe ich über Reisen geredet und ihm noch einen Reiseführer gegeben." 

Später fährt Maria Johann dann sogar noch mit dem Auto zum Zahnarzt und wieder nach Hause. Sie kann sich an nichts davon erinnern. 

"Man versucht dann, und ich denke, das wird bei so einer normalen Demenz vielleicht auch sein. Man versucht dann eben über irgendwie ja Zettel, Hinweise, Gespräche mit anderen irgendwie rauszukriegen, was da passiert ist." 

Ihre Familie bringt sie ins Krankenhaus. Maria Johann liest aus ihrem Arztbrief vor.
 
"Die Halswirbelsäule wurde untersucht. Ein MRT, EEG und EKG."

"Und ansonsten macht man dann Ausschlussdiagnostik, um festzustellen, dass es nicht etwas anderes ist."

Warum konnte Maria Johann sich nicht erinnern?

Das könnte beispielsweise auch ein Schlaganfall oder ein epileptischer Anfall sein, erklärt Eva Brandl vom Sankt Hedwig Krankenhaus in der psychiatrischen Universitätsklinik der Charité. Die Leiterin des geronto-psychiatrischen Zentrums hat normalerweise mit Demenzfällen zu tun. Eine Transiente Globale Amnesie, kurz TGA, ist selten – aber sie erklärt, warum Maria Johann sich an ein paar Stunden dieses Tages nicht erinnern kann. Von 100.000 Menschen erkranken gerade einmal durchschnittlich fünf pro Jahr.

"Warum jemand eine TGA bekommt, weiß man nicht. Es gibt verschiedene mögliche Auslösesituationen, starker Stress, aber auch Duschen, körperliche Aktivität, Geschlechtsverkehr all diese Sachen könnten theoretisch eine TGA auslösen. Und typischerweise fehlen dann einige Stunden am Gedächtnis. Manche Leute sind in der Zeit dann in der Lage, ganz normale Alltagsprozeduren auch weiter durchzuführen. Manche Leute sind sehr verängstigt und sehr ratlos."

Ein Mann analysiert MRT-Scans. (Illustration) (imago images / Ikon Images)Die Nervenzellverbindungen und Synapsen macht der Magnetresonanztomograph (MRT) sichtbar. (imago images / Ikon Images)
Die TGA tritt meist im Alter zwischen 50 bis 70 Jahren auf – und die Symptome verschwinden von selbst. Die Betroffenen durchleben den teilweisen Gedächtnisverlust meist nur einmal im Leben. Das "Warum" bleibt ein Rätsel. Wie so vieles, wenn es um das Gedächtnis geht. Einige Erkenntnisse lassen sich jedoch aus sogenannten Gedächtnis-Engrammen ableiten. Das sind Spuren im Gehirn, die entstehen, wenn eine Information gespeichert wird. Dann verändern sich nämlich Nervenzellverbindungen, Synapsen. Sichtbar macht das der Magnetresonanztomograph (MRT), dank der Wassermoleküle im Gehirn.

Gedächtnisspuren im MRT

"Die Idee ist einfach, dass das Wasser generell ungerichtet in alle Richtungen gleich schnell diffundiert. Aber wenn das Wasser irgendwie gehindert ist, dadurch, dass da eine Nervenzelle im Weg liegt oder kleine Verknüpfungen von Nervenzellen, dann ändert sich eben dieses Bewegungsprofil der Wassermoleküle."

Erklärt die Juniorprofessorin Monika Schönauer von der Universität Freiburg. Gedächtnisforscher auf der ganzen Welt arbeiten seit über 50 Jahren daran, diesen Vorgang besser zu verstehen.

"Wo und wie Gedächtnisspuren gespeichert sind, ist eben eine ganz grundlegende Frage, die uns hilft, ja, Gedächtnis zu fördern, zu schützen und eben auch zu verstehen, wie wir Gedächtnis bilden und nutzen." 

Schönauer betont aber auch, dass in den vergangenen Jahren ein Umdenken stattgefunden hat. Lange Zeit galt das Vergessen als eine Art Fehlleistung des Gehirns. Jetzt gewinnt dieser Prozess immer mehr an Bedeutung, wird sogar erstrebenswert.

Vergessen ist wichtig

"Normalerweise denkt man, dass sich erinnern, wichtig ist. Aber wir denken – zu vergessen, ist viel wichtiger."

Ein Team um den Forscher Akihiro Yamanaka von der Nagoya University möchte Menschen dabei helfen, traumatische Erinnerungen bewusst zu löschen. Die Wissenschaftler erforschten hierfür zunächst die Neuronen von Mäusen, die das sogenannte melaninkonzentrierende Hormon, MCH, produzieren. Es ist unter anderem für die Länge des Traumschlafs verantwortlich – der so genannte REM-Schlaf. Nach verschiedenen Lernexperimenten aktivierten die Forscher die MCH-Zellgruppen einiger Tiere mit einer Injektion.

"Wir haben herausgefunden: Einige der MCH-Neuronen sind aktiv, wenn die Tiere wach sind. Aber die anderen MCH-Neuronen sind aktiv, wenn die Tiere im REM-Schlaf sind."

Wenn die Wissenschaftler diese MCH-Neuronen hemmen, dann verbessert sich die Merkfähigkeit der Mäuse. Werden die Neuronen aktiviert, konnten sich die Mäuse an zuvor Erlerntes nicht mehr erinnern. Die aktiven MCH-Neuronen verhindern also das Abspeichern von Informationen im Gedächtnis. Es zeigt sich: Erinnerungen löschen ist keinesfalls ein passiver Prozess – anders als lange angenommen – sondern das Vergessen wird von unserem Körper aktiv befördert.

Mit dieser Erkenntnis will Akihiro Yamanaka zukünftig vor allem Betroffene mit einem posttraumatischen Syndrom helfen. Das wirft auch ethische Fragen auf. Denn wenn wir davon ausgehen, dass unsere Erinnerungen uns zu dem Menschen machen, der wir sind: Ist es dann richtig, Erinnerungen zu manipulieren oder sogar zu löschen? Und wer darf entscheiden, welche Erinnerung traumatisch genug ist, um gelöscht zu werden?

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