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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 28.01.2013

Gefährlicher Naturschutz

Sebastian Jutzi: "Der Gorilla. Die letzten schwarzen Riesen im Kongo", Ludwig Verlag, München 2012, 352 Seiten

Gorillas - dem Menschen nicht unähnlich. (AP)
Gorillas - dem Menschen nicht unähnlich. (AP)

Von den weltweit etwa 800 Berggorillas in freier Wildbahn leben knapp 480 im Virunga Nationalpark im Ostkongo. Doch die Existenz des Nationalparks ist durch Kriege bedroht. Der Wissenschaftsjournalist Sebastian Jutzi beschreibt in seinem packenden Buch den Kampf um das Überleben der Urwaldriesen.

Zwei Protagonisten hat Jutzis Buch: Da gibt es das Gorillamännchen Kabirizi, ein ausgewachsener Silberücken, der in der kongolesischen Bergwelt mit seiner Sippe - mehreren Weibchen, untergeordneten Männchen und zahlreichen Jungtieren - umherzieht. Und es gibt Robert Muir. Von 2004 bis 2011 soll er im Auftrag der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt die Arbeit der Parkranger im Virunga Nationalpark koordinieren und muss sich aber bald mehr gegen Wilderer und korrupte Beamte zur Wehr setzen.

Fesselnd vermischt Sebastian Jutzi das Leben der beiden. Anschaulich erzählt er zum einen vom Alltag der Gorillas, von ihrem Fressverhalten und dem Bau ihrer Lagerstätten. Er beobachtet sie in ihrem Imponiergehabe, wenn unterschiedliche Gorillagruppen aufeinandertreffen und erzählt auch davon, dass Alphamännchen, die nach einem Kampf die Sippe des unterlegenen Männchens übernehmen, oft Babygorillas töten, weil sonst die Weibchen nicht zur Paarung bereit sind. Bei Jutzi denken, leiden, lachen, lernen und staunen Gorillas: Er kommt den Gorillas so nah, dass er sie fast schon vermenschlicht – wären da nicht seine ausführlichen Berichte über neuste wissenschaftliche Forschung:

Zum anderen beschreibt Sebastian Jutzi das Leben der Naturschützer, berichtet von ihrem täglichen Kampf etwa gegen Wilderer. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Denn trotz der Schutzzonen verkleinert sich der Lebensraum der Gorillas ständig: Der Ostkongo und das angrenzende Ruanda sind seit Jahrzehnten Kriegs- und Bürgerkriegsgebiet, auch weil es dort zahlreiche Bodenschätze gibt. Die Siedlungen wachsen durch Flüchtlinge. Und auch wenn niemand Gorillafleisch isst, sterben viele von ihnen in den für andere Tiere ausgelegten Drahtschlingen. Die größten Probleme bereiten aber der illegale Holzhandel und die Köhlerei, mit denen die Warlords ihre Kriege finanzieren.

Beides versuchen die Ranger im Nationalpark unterbinden, bis 2011 auch mit Hilfe von Robert Muir. Das Buch beschreibt eindringlich, wie die Naturschützer versuchen, Straßensperren zu errichten, um den Köhlern das Handwerk zu legen, welche Konflikte – die Menschen brauchen schließlich Brennmaterial – sich daraus ergeben, wie sie überall auf Korruption treffen und selbst bedroht werden – Drohungen, denen gerne auch durch das Töten von Gorillas Nachruck verliehen wird.

Durch die Vermischung der beiden Geschichten, die des Affen, mit der des Menschen, bekommt Jutzis Buch einem eigenen Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Selten wurde so deutlich, wie hoch der Preis für Naturschutz ist - auch der persönliche. Denn obwohl die Zahl der Gorillas langsam zunimmt, so Sebastian Jutzi, ist Naturschutz nirgendwo auf der Erde so gefährlich wie im Osten des Kongos.

Besprochen von Günther Wessel

Sebastian Jutzi: "Der Gorilla. Die letzten schwarzen Riesen im Kongo – ein dokumentarischer Thriller"
Ludwig Verlag, München 2012
352 Seiten, 19,95 Euro

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