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Lesart / Archiv | Beitrag vom 17.11.2013

Gebrochene Verhältnisse

Klaus Wettig u.a.: "Durchgefressen und durchgehauen" und Martin Kölbel (Hg.): "Willy Brandt und Günter Grass"

Rezensiert von Rolf Schneider

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Partei-Fahne zum 150. Geburtstag der SPD. (picture alliance / dpa)
Partei-Fahne zum 150. Geburtstag der SPD. (picture alliance / dpa)

Eine förmliche Festschrift zum SPD-Geburtstag ist "Durchgefressen und durchgehauen" nicht geworden. Vielmehr versammelt der Band unterschiedlichste Textformen und als Autoren ebenso überzeugte wie enttäuschte Parteianhänger. SPD-Unterstützer Günter Grass kommt im veröffentlichten Briefwechsel mit Willy Brandt ausführlich zu Wort.

"Durchgefressen und durchgehauen" ist ein August-Bebel-Zitat. Eine förmliche Festschrift zu 150 Jahre SPD entstand nicht. Sie wäre, wie die Überzahl aller Festschriften, wohl ebenso feierlich wie etwas langweilig geraten.

Von hundertfünfzig potentiellen Beiträgern, die man anschrieb, haben 31 geliefert, wobei die im Untertitel verwendete Bezeichnung "Schriftsteller" nicht nur für schöngeistige Autoren herhalten muss, sondern auch für den Grafiker Klaus Staeck und den Hochschulsoziologen Oskar Negt.

"Die Autorinnen und Autoren, sofern man ihre Stimme überhaupt noch hört, sind vom Wahn, den Geist im Alleingang zu verkörpern, gründlich kuriert.

Eigentlich gute Voraussetzungen für ein ungezwungeneres Verhältnis zwischen den Mehrheitsmaklern und den Fachleuten für Sprache und Gedächtnis."


… so das Vorwort. Der positive Zungenschlag will verbergen, dass enthusiastische Hinwendungen zu dem Jubilar sich so gut wie gar nicht antreffen lassen.

Cover: Klaus Wettig u.a. "Durchgefressen und durchgehauen" (Steidl)Cover: Klaus Wettig u.a. "Durchgefressen und durchgehauen" (Steidl)Die Beiträge kommen als Vers, als Erlebnisbericht, als Essay. Vier der Autoren sind von ostdeutscher Herkunft, sechs sind Frauen. Manche äußern sich als unverdrossene Parteisoldaten, andere als geduldige oder enttäuschte Anhänger.

Gerhard Schröders Agenda 2010 wird von manchen verteidigt, von anderen verworfen. Johano Strasser macht sich Gedanken über Programmatik der Partei:

"Was also ist die Grundidee des demokratischen Sozialismus? Es ist dies nichts anderes als die Vorstellung der universellen sozial verankerten und solidarisch gelebten Freiheit."

"Eine gebrechliche alte Frau"

Hinter dieser Definition können sich ebenso Ludwig-Erhard-Anhänger wie Kolpingbrüder und Rotarier versammeln. Wie ein demokratischer Sozialismus wirtschaftlich funktionieren soll, weiß Strasser so wenig wie die Ideologen der früheren PDS und heutigen Linkspartei. Eine nicht nur in diesem Buch, sondern unter Intellektuellen auch sonst verbreitete Stimmung formuliert Elke Schmitter:

"Eine gebrechliche alte Frau, der ich über die Straße helfe, das ist für mich die SPD. (...) Sie hat das Recht und die Geschichte auf ihrer Seite, sie könnte mit Würde und Weisheit, mit Stolz und Optimismus agieren. Warum tut sie das nicht? Das würde ich gerne verstehen."

Der am häufigsten genannte Politikername des Bandes lautet nicht August Bebel, nicht Ferdinand Lasalle noch Friedrich Ebert noch Helmut Schmidt. Er lautet Willy Brandt.

Der lud im Frühjahr 1961, damals noch Regierender Bürgermeister von Berlin, 30 deutsche Schriftsteller zu sich ein. Er suchte eine Öffnung der deutschen Sozialdemokratie zu den Intellektuellen oder, mit Wendungen Heinrich Manns, die Begegnung zwischen Macht und Geist.

Der Schriftsteller Günter Grass gehörte nicht zu den Eingeladenen. Brandt folgte darin dem Urteil des SPD-nahen Gruppe-47-Chefs Hans Werner Richter, der Grass für einen politischen Anarchisten hielt.

Grass, damals schon weltberühmt durch seinen Roman "Die Blechtrommel", fühlte sich zurückgesetzt. Er suchte und fand die Annäherung an die Sozialdemokratie und ihren hernach führenden Mann. Es entstand eine persönliche Nähe, die auch ihren schriftlichen Niederschlag erfuhr, in einem umfänglichen Briefwechsel. Die Verbindung beider hielt 30 Jahre lang, bis zu Brandts Tod.

Cover: Martin Kölbel (Hg.) "Willy Brandt und Günter Grass. Der Briefwechsel" (Steidl)Cover: Martin Kölbel (Hg.) "Willy Brandt und Günter Grass. Der Briefwechsel" (Steidl)Die Briefe, die Brandt und Grass wechselten, sind aufbereitet wie hochpolitisches Archivmaterial, versehen mit einem umfangreichen Anmerkungsapparat. Gewichtiges steht neben Belanglosem, die Glückwünsche zum Geburtstag enthalten nichts als Glückwünsche zum Geburtstag. Besonders kommensurabel ist das alles nicht.

Herausgeber Martin Kölbel hat mit der Aufbereitung etliche Jahre zugebracht. In seinem ausführlichen Nachwort sagt er:

"Die materiale Fülle deutet auf die Wertschätzung hin, die Brandt und Grass dem brieflichen Austausch beigemessen haben, obgleich sie ihn nicht mit derselben Intensität betreiben. Es ist vor allem Grass, der ihn führt: Im Durchschnitt folgt auf drei Grass-Briefe ein Brandt-Brief; in der Hochphase 1968 bis 1973 liegt das Verhältnis manchmal sogar bei fünf zu eins."

Kölbel sieht den Grund für dieses Unverhältnis in den anderweitigen Beanspruchungen Willy Brandts. Dessen Biograf Peter Merseburger urteilt:

"Es ist eine eher scheue Freundschaft, die sich mit der Zeit zwischen beiden bildet, gekennzeichnet durch gegenseitige Zuneigung und Offenheit, eine Freundschaft, bei der Phasen größerer Nähe (...) mit solchen der Distanz (...) aufeinander folgen."

Brandt war ein verschlossener, fast kontaktscheuer Charakter. Kumpelage war ihm fremd. Dass er sich mit Grass duzte, will einiges besagen, freilich ist das Du unter SPD-Genossen üblich, und Grass war lange Jahre eingeschriebenes Partei-Mitglied.

Inhaltlich Neues liefert das Buch kaum. Die vorgetragenen Fakten sind weithin bekannt und wurden vielfach beschrieben. Die Bemühungen von Grass um politische Teilhabe haben anfangs etwas Übereifriges: Er macht Angebote, er schickt Notate seiner Auslandsreisen, er verfertigt Entwürfe für Reden Willy Brandts, selbst ein politisches Mandat für ihn wird bedacht.

Die Wählerinitiativen waren Grass' Erfindung

Andererseits ist er nicht kritiklos: 1966 wendet er sich heftig gegen den Eintritt der SPD in die Große Koalition, er polemisiert gegen Brandts nachsichtige Haltung zur Politik der USA, er buhlt um Aufmerksamkeit für die rebellischen Studenten, nach dem Herbst 1989 ist er unzufrieden mit Brandts Deutschlandpolitik.

Den Höhepunkt der Kommunikation zwischen den beiden liefern die Wählerinitiativen. Sie waren die Erfindung von Grass, andere Schriftsteller beteiligten sich. An vielen Wahlkämpfen auf Bundes- und Landesebene haben sich diese Initiativen beteiligt, Grass blieb ihr wichtigster Repräsentant.

Zur vorgezogenen Bundestagwahl 1972 fuhr die SPD unglaubliche 46 Prozent der abgegebenen Stimmen ein, die Wählerinitiativen hatten daran ihren Anteil.

Die Aktivitäten von Grass sind beeindruckend. Sie lassen nach mit dem Ende von Brandts Kanzlerschaft in Folge der Guillaume-Affäre. Nach dem Rücktritt des Freundes schreibt er:

"Lieber Willy, erst jetzt, nachdem sich die Folgen Deines Entschlusses faktischer auszuwirken beginnen, merke ich, wie stark meine politischen Bemühungen während der zurückliegenden Jahre an Dein Bemühen gebunden gewesen sind und wie auch ich nun – nicht etwa reflexhaft, sondern weil mit Deinem Rücktritt der sozialdemokratischen Politik eine für mich unerlässliche Dimension verlorenzugehen droht – gleichfalls zurücktrete (...)

Vielleicht ist Dir nicht so recht bewusst, dass alle Verletzungen, die Dir während der letzten Wochen zugefügt worden sind, von einer Vielzahl Menschen wie Verletzungen der eigenen Existenz empfunden wurden (...)"


Brandts Reaktion:

"Man wird nicht einfach wieder an das anknüpfen können, was durch Dich in Gang gesetzt und stark geprägt wurde. Aber man wird schon gar nicht an den Erfahrungen vorbeigehen dürfen, die Du im Laufe der Jahre gesammelt hast. Ich hoffe, dass wir uns – mit anderen – wieder zusammenfinden werden (...)"

Um 1970 erlebte der bundesdeutsche Literaturbetrieb eine stürmisch um sich greifende Politisierung, und die war, mit den Worten ihres Initiators Grass …

" … ein in der deutschen Geschichte einmaliges Ereignis, zumal das Verhältnis zwischen Schriftstellern und Politikern fast immer ein gebrochenes war."

Das ist es inzwischen erneut. Der Sammelband "Durchgesehen und durchgehauen" widerlegt das nicht, sondern ist dafür ein Beleg.


Martin Kölbel (Hg.): Willy Brandt und Günter Grass. Der Briefwechsel
Steidl Verlag, Göttingen 2013
1230 Seiten, 49,80 Euro

Klaus Wettig/Joachim Helfer (Hg.): Durchgefressen und durchgehauen
Schriftstellerinnen und Schriftsteller gratulieren der SPD zum 150. Geburtstag

Steidl Verlag, Göttingen 2013
256 Seiten, 18,00 Euro

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