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Frühkritik | Beitrag vom 02.03.2018

Garry Disher: "Leiser Tod"Die dunkle Seite von Down Under

Von Tobias Gohlis

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Buchcover Garry Disher: "Leiser Tod" (Unionsverlag / dpa / Dave Hunt)
"Leiser Tod" - Hal Challis ermittelt in seinem sechsten Fall. (Unionsverlag / dpa / Dave Hunt)

Kommissar Hal Challis ist einem Vergewaltiger auf der Spur. Doch nicht nur das Verbrechen treibt ihn um, konfrontiert wird er auch mit Sexismus und Frauenverachtung innerhalb seiner Einheit. "Leiser Tod" ist der sechste und bislang beste Krimi aus Garry Dishers Reihe.

Es begann mit Wyatt. Nur "Wyatt". So hieß kurz und knapp der Verbrecher, mit dem der australische Autor Garry Disher 1991 erstmals seine deutsche Leser begeisterte. Wyatt - das war der Berufsverbrecher, der nach eigenem Recht und auf persönliches Risiko seinen Weg durch die Viertel und Bankschließfächer der Reichen zog.

Nach Wyatt kam Hal Challis. Seit 1999 lesen wir Garry Dishers zweite Serie um den anständigen Polizisten und sein Team. Schwer zu entscheiden, welche Serie besser ist. Detective Inspector Hal Challis und Wyatt sind Spiegelfiguren. Der eine auf dieser, der andere auf jener Seite des Gesetzes. Beide sind Einzelgänger. Männer mit Anstand und Augenmaß. Sie handeln human auch dort, wo die Gesetzmäßigkeiten ihrer Rollen eigentlich Enge, Kälte und Herzlosigkeit vorschreiben.

Zwischen Neureichen, Farmern und dubiosen Gestalten

"Leiser Tod" ist der sechste Roman um Hal Challis und seine kleine, unterbesetzte und mies ausgestattete Kripoeinheit in der fiktiven Kreisstadt Waterloo. Sein Revier liegt auf der realen Mornington Peninsula südlich von Melbourne und ist sozial wie landschaftlich das Vorfeld der australischen Metropole. Hier hausen Neureiche in Protzvillen hinter hohen Zäunen, Kunsthändler mit dubioser Vergangenheit, aber auch Schrotthändler, Farmer und Fischer. Und nebenbei auch der Autor Disher selbst. Der liebt es, Zeitungsnachrichten über lokale Vergehen in seinen Romanen zu verarbeiten. In diesem Fall sind es Sprayer, die die Toreinfahrten der Neureichen mit Penis-Graffiti verzieren.

Im Zentrum von "Leiser Tod" stehen jedoch schwere Verbrechen. Ein Vergewaltiger in Polizeiuniform treibt sein Unwesen. Das bietet dem Meistererzähler Disher Gelegenheit Status, Arbeitsweise und vor allem Ressentiments der Polizeibehörden auszuleuchten. Den offenen und latenten Sexismus, die Frauenverachtung, aber auch den schüchternen Respekt der Kriminalisten vor den vergewaltigten Opfern.

Gespiegelt wird diese eher alltägliche Szenerie in einer Parallelhandlung um die professionelle Einbrecherin Grace. Die junge Diebin ist seit Jahren auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Mentor. Diese Grace ist einfach umwerfend. Dabei zeichnet Disher sie als gebrochene Figur: clever und gerissen als Verbrecherin, immer imstande einen Plan B zu improvisieren, großherzig, entschlossen und humorvoll zugleich, aber spiel- und heroinsüchtig, zwar Opfer einer mitleidlosen Gesellschaft, aber niemals wehleidig.

Platz Eins auf der Krimibestenliste

"Leiser Tod" ist mit weitem Abstand auf Platz Eins der Krimibestenliste gelandet. Die Jury schätzt seit langem diesen atmosphärisch starken Erzähler, einen der großen Kriminalschriftsteller unserer Zeit. Seine Tableaus erzählen vielschichtig und immer konkret von Menschen. Die großen Fragen nach Gerechtigkeit und Gleichheit haben bei Disher so viele Facetten wie die Gesichter seiner äußerst lebendigen Figuren. Disher bringt uns Australien nahe, als moderne, gewalttätige, widersprüchliche Gesellschaft, fern aller touristischen Klischees. Und mit leisem Humor: Als seine Bosse ihn zu sehr piesacken, begibt sich Challis einfach auf Urlaub in Europa.

Garry Disher: "Leiser Tod"
Aus dem Englisch von Peter Torberg
Unionsverlag, Zürich 2018
352 Seiten, 22 Euro

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