Im Gespräch 21.02.2020

Galerist Gerd Harry LybkeVom Aktmodell zum erfolgreichen GaleristenModeration: Katrin Heise

Beitrag hören Porträt des Leipziger Galeristen Gerd Harry Lybke. (picture alliance / Tagesspiegel / Manfred Thomas )Gerd Harry Lybke (picture alliance / Tagesspiegel / Manfred Thomas )

Der Galerist Gerd Harry Lybke lernte die Kunst als Aktmodell kennen. Weil er in den 80ern in der DDR weder studieren durfte und schwer eine Arbeit bekam, posierte er mehrere Jahre vor Kunststudierenden. Hauptberuflich. Seine Wohnung wurde zur ersten Galerie.

Gerd Harry Lybke gehört zu den bekanntesten Galeristen Deutschlands. Seine Galerie Eigen + Art vertritt einige der erfolgreichsten zeitgenössischen Künstler wie Neo Rauch, Martin Eder, Kristina Schuldt. Er ist ständig in der ganzen Welt unterwegs, gehört zum Kunst-Jetset, gerade kam er zurück aus Südafrika, wo er an der Investec Cape Town Art Fair teilgenommen hat. Angefangen hat alles ganz klein in den 80er-Jahren in Leipzig.

"Ich hatte in der DDR Schwierigkeiten bekommen wegen meiner Einstellung zum Staat. Ich durfte nicht studieren und auch Arbeit bekam ich nicht. Das einzige was mir übrig blieb – ich wollte es eigentlich nicht, aber es ging nicht anders – war Modell stehen. Und so habe ich Aktmodell gestanden."

Aktmodell statt asozial

Mehrere Jahre lang stand Lybke an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Modell. Montags bis freitags, von früh bis abends. Damals seien die Professoren noch fast jeden Tag da gewesen und hätten Korrekturen gegeben. Dadurch habe er viel mitbekommen, zum Beispiel wie Künstler lernen und wie sie versuchen, zugleich ihre eigene Sprache umzusetzen.

"Ende des Monats bin ich dann runter an die Kasse gegangen mit meinem SVK-Buch, also meinem Sozialversicherungsausweis, und hab mir nen Stempel reinmachen lassen, dass ich gearbeitet hab, damit man mich nicht festnehmen kann, weil ich nicht gearbeitet hab." Denn wer nicht arbeitete, galt schnell als asozial und konnte ins Gefängnis kommen.

Wenn die Loser mit dem Loser …

Diese Zeit habe ihn sehr geprägt, erzählt Lybke, er habe viele Leute kennengelernt - "und mit diesen Künstlerinnen und Künstlern habe ich angefangen, die Galerie zu machen". Die ersten Ausstellungen allerdings fanden in Lybkes Privatwohnung statt.

Um etwas mehr Geld zu verdienen, stand Lybke auch an der Abendschule Modell. Dort lernten Berufstätige, die sich nach einem Jahr zur Prüfung an der Hochschule melden konnten. Wenn man die nicht schaffte, ging man wieder für ein Jahr auf die Abendschule.

"Den Leuten, die das dritte Jahr immer noch da waren und es nicht geschafft haben, denen habe ich dann gesagt: ‚Dann machen wir einfach eine Galerie bei mir in der Wohnung, wenn ihr nicht in der Hochschule ankommt.‘ Also die Loser haben mit mir als Loser in einer Gemeinschaft etwas gemacht."

Das Geld redet mit

Um Protest sei es nicht gegangen, sondern um Spaß: "Wir waren eine richtig coole Gang." Es gab Partys, aber es ging auch darum, was man aus seinem Leben machen wollte. "So eine Galerie als Idee, wo man Kunst zeigt – das war natürlich fantastisch!"

Mit dem Mauerfall und der deutschen Vereinigung änderte sich alles. "Vorher hat man eine Unterhaltung zu zweit geführt, mit dem Gegenüber, mit dem man sich unterhalten hat. Und plötzlich kam eine reale dritte Person dazu, und das war das Geld."

Überleben auf dem Kunstmarkt

Die überhitzte Phase auf dem Kunstmarkt, als sogar Investmentfonds Kunst kauften, ist zwar vorüber, heute aber bestimmen Monopolisten das Geschäft. Gerd Harry Lybke zählt sich mit seiner Galerie "zu den Überlebenden".

Junge Galerien mit wenig Kapital hätten es schwer. Doch für junge Künstler gebe es mehr Nischen als zuvor, "seitdem der Scheinwerfer nicht mehr in der Ecke ist, wo die Kunst ist. Dort, wo man nicht hinguckt, entwickeln sich wieder Nischen".

Heute hängt in Lybkes privater Wohnung keine Kunst mehr, "die Wände bleiben weiß". Als Galerist setze er sich den ganzen Tag mit Bildwelten auseinander. Da sei es ganz gesund, auch mal ohne Kunst auszukommen.

(sf)

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