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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 01.03.2020

Fußballer Jürgen Rynio Ex-Bundesliga-Torwart im Einsatz für Behinderte

Von Knut Benzner

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Der frühere Torwart Jürgen Rynio 1982 bei Hannover 96. (picture-alliance)
Früher war Jürgen Rynio ein bekannter Torwart, bis er irgendwann ausstieg und einen echten Neuanfang wagte. (picture-alliance)

Es gibt ein Leben nach dem Fußball: Der langjährige Torwart Jürgen Rynio hatte irgendwann genug. Im niedersächsischen Bergen gründete er ein Heim für geistig und mehrfach behinderte Menschen, in dem nun die ganze Familie mitarbeitet.

Was macht ein Fußballspieler, wenn seine Karriere zu Ende geht? Er wird Trainer, Manager, Berater, Funktionär oder geht zum Fernsehen.

Manche schlagen ganz andere Wege ein, so wie Jürgen Rynio. Er war früher Torwart, aktiv von 1966 bis 1986 bei sechs Erstliga-Vereinen. Dann tatsächlich Trainer, aber nur kurz, ein Jahr bei Hannover 96, zweieinhalb Jahre beim TUS Celle.

Und dann? Etwas ganz anderes: "Können Sie sich noch an mich erinnern?" fragt der frühere Sportler. Natürlich. "Mein Name ist Jürgen Rynio, und ich bin Geschäftsführer der Einrichtung 'Rynio Wohnen KG'. Wir betreiben ein Heim für geistig und mehrfach behinderte Menschen."

Wir, das sind er, inzwischen 71 Jahre alt, seine Tochter Christina Rynio als Heimleiterin, und seine Frau Natalia: Psychologin, Psychodramatikerin und Personalleiterin.

Schnauze voll vom Fußball

Der Spatenstich der Einrichtung vor zwanzig Jahren im niedersächsischen Bergen. Rynio erinnert sich an die Anfänge: "Irgendwo kam bei mir der Zeitpunkt, wo ich über mein Leben nachgedacht hatte, hier auch ein Haus hatte in Bergen, was völlig anderes hat mich wahnsinnig interessiert, und ich habe nach Möglichkeiten gesucht, um das umzusetzen."

Rynio, der gebürtige Gelsenkirchener, hatte, salopp ausgedrückt, vom Fußball und dessen Umfeld die Schnauze voll: "Mein Ziel war es, wenn überhaupt, Bundesliga zu trainieren, ich hätte wieder Umzüge vor mir gehabt, inzwischen war ich schon zwanzig Mal umgezogen." Als er die Möglichkeit sah, in der Behindertenarbeit Fuß zu fassen, war für ihn klar: "Jetzt machste was Neues."

Der Torwart Jürgen Rynio im Einsatz für Hannover 96 gegen VfB Stuttgart (picture-alliance/Herbert Rudel)Jürgen Rynio im Einsatz für Hannover 96. (picture-alliance/Herbert Rudel)

Rynio war nicht irgendein Torwart: "Ich habe bei sechs Erstligisten gespielt, der erste war der Karlsruher SC. Der zweite Club war der FC Nürnberg, damals deutscher Meister, 1968 mit Max Merkel, danach bin ich gewechselt zu Borussia Dortmund, danach zu Rot-Weiß Essen, auch in der Bundesliga  mit Willi Lippens, Horst Hrubesch, nach Essen bin ich zum FC St. Pauli gegangen. Danach bin ich nach Hannover gegangen und habe dort sieben Jahre gespielt und war dort alles."

Spieler, Torwarttrainer, Co-Trainer, dann Chef, anschließend Trainerlizenz. "Das war mein sportlicher Werdegang."

Seine Tochter Christina: "Ich erinnere mich gerade an St. Pauli, mit meiner Mutter haben wir da so einen kleinen Stand gehabt. Flaggen verkauft, Kaffee,  Wimpel, Anstecknadeln und solche Dinge haben wir verkauft, wir mussten ja schauen, wo wir Geld herkriegen."

Einige Fans schreiben noch

Rynio ist Rekordhalter: "Oh ja, einen fürchterlichen", sagt er. Inzwischen kann er darüber schmunzeln: "Ich bin deutscher Rekordhalter, der es geschafft hat, mit sechs verschiedenen Bundesligisten fünf Mal abzusteigen."

Dann kommen noch zwei besondere Ergebnisse hinzu. Wollen wir darüber sprechen?

"Ja, können wir ruhig, auf jeden Fall, Bayern München - Borussia Dortmund, da haben wir 11:01 verloren", so Rynio. Wer schoss das Ehrentor? "Dieter Weinkauf, da hätten sie ihn fast verprügelt, die Mannschaftskollegen, als er gesagt hat: 'Ein Weinkauf allein genügt nicht.'"

Und ein 0:9 mit Rot-Weiß Essen bei Eintracht Frankfurt. Rynio sagt, es gebe Wichtigeres im Leben. Doch so ganz lässt die Vergangenheit nicht los: "Gucken Sie mal, es gibt immer noch Autogrammpost, das war bei '96, die Zeit. Ein, zwei Mal die Woche kommt immer ein Brief, irgendein Sammler, der noch Wert darauf legt, meine Unterschrift zu haben."

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