Kommentar zur Fußball-WM

    Moralische Empörung macht es nicht besser

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    US-Präsident Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino bei der Auslosung für die Fußball-WM 2026.
    Zwei, die sich einfach toll verstehen: FIFA-Präsident Gianni Infantino und US-Präsident Donald Trump. © picture alliance / AP / Jia Haocheng
    Ein Standpunkt von Nils Schniederjann |
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    Dreiviertel der WM-Spiele finden in den USA statt – einem Land, dem unter Präsident Donald Trump ein „Menschenrechtsnotstand“ attestiert wird. Doch moralische Empörung ändert nichts: Sie ist längst Teil des Spektakels.
    Eigentlich hatte man gehofft, dass diese WM ruhiger wird. Nach Russland 2018 und Katar 2022 schien man mit der Vergabe an Mexiko, Kanada und die USA wieder zur Normalität zurückkehren zu können. Diesmal sollte es keine Diskussionen um autokratische Machthaber geben, um Angriffskriege, um offensichtliche Menschenrechtsprobleme. Drei Demokratien als Gastgeber: Das klang nach einer Rückkehr zur Normalität, nach einem Turnier, bei dem endlich nur der Fußball zählt.

    Trump schafft ein Klima der Angst

    Daraus ist nichts geworden. Mit Trump kamen die brutalen Razzien der Einwanderungsbehörde ICE, die Drohungen gegenüber den Nachbarländern Mexiko und Kanada, er begann einen Angriffskrieg gegen ein Land, das nun auch an der WM teilnimmt.
    Die Trump-Regierung hat in den USA ein Klima der Angst geschaffen, das Amnesty International anlässlich der WM als "regelrechten Menschenrechtsnotstand" bezeichnet. Human Rights Watch sieht in der Veranstaltung sogar eine "potenzielle Menschenrechtskatastrophe". Schon Anfang des Jahres demonstrierten Menschen nach Gewalttaten der Einwanderungsbehörde ICE für einen Boykott der WM. Inzwischen hat die Behörde ihren Einsatz in den Spielstädten bereits angekündigt. Und so ist auch die Debatte, ob man diese WM guten Gewissens schauen darf, wieder da.

    Wenn die Empörung folgenlos bleibt

    Die Bilanz der vergangenen Turniere legt nahe, dass sie folgenlos bleiben wird. Vor vier Jahren gab es zu der WM in Katar die lauteste Empörungswelle in der Geschichte des Turniers. Es gab nicht nur 84 Millionen Bundestrainer, sondern auch 84 Millionen Moralexperten. Vertreter der Bundesregierung äußerten sich, die Debatte füllte wochenlang die Zeitungen.
    Das Ergebnis waren Rekordeinschaltquoten. Auch als das Turnier nur vier Jahre nach der Invasion der Krim in Russland stattfand, änderte die Empörung darüber nichts an den Zuschauerzahlen. Inzwischen ist die moralische Kritik, nach drei Turnieren mit derselben Choreografie, längst fester Bestandteil des Spektakels geworden. Sie verleiht dem Sportevent dabei auch eine gesellschaftliche Tiefe und Ernsthaftigkeit, die der bloße Kommerz wohl nie hätte erzeugen können.

    Einzigartig als kollektiver Erfahrungsraum

    Dabei gehört die WM zu einer Reihe von Ereignissen, die aus dem normalen Lauf der Dinge herausfallen. Vier Wochen lang gilt eine andere Zeitrechnung: Länder, die sich sonst wenig zu sagen haben, treffen auf dem Rasen aufeinander; ganze Belegschaften erscheinen übermüdet zur Arbeit; selbst diejenigen, die sich sonst nie für Fußball interessiert haben, wissen am nächsten Morgen, wie das abendliche Spiel ausging. Die WM schafft einen kollektiven Erfahrungsraum, der angesichts unserer individualisierten Medien fast schon einzigartig geworden ist.

    Lernziel Genuss ohne Rechtfertigung

    Dass man diese Erfahrung nur im vollen Bewusstsein ihrer politischen Bedingungen machen, also nie einfach zuschauen, sondern immer gleichzeitig reflektieren soll – das macht nichts besser. Wer beim entscheidenden Elfmeter noch versucht, an die Menschenrechtslage im Gastgeberland zu denken, der hat am Ende weder das Spiel genossen noch irgendetwas an der Lage verändert.
    Deutsche Fans beim Fussball-WM-Testspiel in Chicago: Deutschland gegen die USA.
    Viele deutsche Fans freuen sich vorbehaltlos auf die WM.© picture alliance / Pressefoto Ulmer / Markus Ulmer
    Vielleicht sollten wir diese WM deshalb lieber zum Anlass nehmen, uns nicht weiter in der etwas verschämten Teilnahme zu üben, sondern in etwas anderem: In der Fähigkeit, ein seltenes Vergnügen, das uns aus unserem Alltag herausreißt, ohne weitere Rechtfertigungen zu genießen.
    Diesen Genuss in einer schlechten Welt auszuhalten: Das wäre vielleicht das eigentliche Lernziel dieses Turniers. Spätestens 2034 gilt es dann, das Gelernte erneut anzuwenden: Da findet die WM nämlich in Saudi-Arabien statt.
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