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Echtzeit | Beitrag vom 14.12.2019

Fundraising mal andersWie ein Vater für sein Schulkind zur Dragqueen wurde

Christoph Drösser im Gespräch mit Katja Bigalke

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Christoph Drösser (Laura McMullen )
Christoph Drösser (r) mit seinem Kollegen Vince: "Die Gäste haben uns Dollarscheine in die Dekolletés gesteckt." (Laura McMullen )

Christoph Drösser lebt seit 2014 in San Francisco und arbeitet als Wissenschaftsjournalist. Nebenher sammelt er Geld für die Schule seines Sohnes. In Frauenkleidern.

Vor ein paar Monaten hat er es wieder getan. Christoph Drösser stand auf der Bühne eines Clubs in seinem Viertel – in Highheels und Frauenkleidern. Mittlerweile schon zum zweiten Mal. Um Spenden einzutreiben für die Grundschule seines Sohnes. Der Elternvertreter hatte den Vorschlag gemacht. Viele Eltern waren erstmal skeptisch. Würden die Sprösslinge etwa auch dabei sein? Doch Drösser schnappte sich einen anderen Vater, bestellte ein Korsett in China, ergatterte Fummel im Secondhand Laden und begann zu proben. "Für uns stand fest, dass wir auch selbst singen wollten, nicht nur die Lippen bewegen."

"Die LGBT Community hat uns unterstützt"

Geschminkt wurden die "Rainbow Sisters", so ihr Künstlername, dann von professionellen Dragqueens, die auch bei der Show mit aufgetreten sind. "Das Publikum war zum Glück nicht nur auf uns angewiesen", beschwichtigt Drösser. Zwar sei die Musik schnell einstudiert gewesen, "aber man muss ja auch auf der Bühne gehen und sowas, da waren wir natürlich als ältere Herren ein bisschen steif."

Letztlich beschreibt Drösser den Auftritt als "aufregend" und "tolle Erfahrung". "Ich bin ja Rheinländer, wir verkleiden uns gern." Trotzdem sei es besonders gewesen, plötzlich in Netzstrümpfen zwischen Lehrern, Eltern und anderen Leuten zu stehen, die man eigentlich aus dem Schulalltag kennt. Erst Recht sobald diese Leute begannen, den beiden Dollarscheine ins Dekolleté zu stecken, erzählt Drösser.

Immerhin 40.000 Dollar seien an diesem Nachmittag im Club zusammengekommen, so Drösser. Allerdings nicht nur aus Dollarscheinen, die auf die Bühne geworfen wurden. "In den USA ist das ja total durchorganisiert, damit möglichst viel zusammen kommt." Es habe auch eine "stille Auktion" gegeben, bei der zum Beispiel Eltern ein Wochenende in ihrem Ferienhaus versteigert hätten und andere Aktionen, die zusätzlich Geld einbrachten.

"Schulen sind gehalten, selbst Spenden einzutreiben"

Was für europäische Eltern zunächst seltsam klingt, dass Eltern Geld für ihre Schule eintreiben müssen – und zwar nicht nur einmal, sondern eigentlich das ganze Jahr über – sei in Amerika normal, so Drösser. Kalifornien, als einer der wahrscheinlich reichsten Bundesstaaten, rangiere bei der Finanzierung der Bildung auf einem der hintersten Plätze.

Der Journalist Christoph Drösser (imago/teutopress)Hier ganz ungeschminkt: der Journalist Christoph Drösser. (imago/teutopress)

"Das Geld wird nicht für Yoga-Kurse oder aufwendige Ausflüge gebraucht sondern für ganz basale Dinge, Lehrerstellen, Sozialarbeiter oder Lese-Nachhilfe", so Drösser. Allerdings gelinge es natürlich nicht allen Schulen, diese Gelder einzutreiben. "Die sozialen Unterschiede werden dadurch noch verstärkt. Natürlich fördert jeder erstmal nur die Schule von seinem eigenen Kind." Und man könne sich bei der Vielzahl und beim Aufwand der Veranstaltungen schon fragen, wohin das alles noch führen solle.

"Wir sind wahrscheinlich die einzige Schule im Land, die eine solche Dragshow als Fundraiser macht. Aber engagierte Eltern gibt es überall", so Drösser. "Unsere Nachbarschule ist bekannt für eine anderes Event. Das sogenannte 'DogFest'". Eine Veranstaltung mit Kinderspielen und Hundeartikeln. "Da kommen sogar um die 100.000 Dollar pro Veranstaltung zusammen." Auch eine Dragshow kann da nicht mehr mithalten.

 

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