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Interview / Archiv | Beitrag vom 04.11.2016

Fünf Jahre NSU-Aufdeckung"Ein Tag des Zurückschauens"

Barbara John im Gespräch mit Liane von Billerbeck

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Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)
Barbara John, Ombudsfrau der Bundesregierung für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer (dpa / picture alliance / Britta Pedersen)

Vor fünf Jahren flog die rechtsextreme Terrorzelle NSU auf. Barbara John, Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der Opfer des NSU-Terrors, mahnt, die Opferperspektive nicht aus dem Blick zu verlieren. Sonst bleibe Rechtsextremismus nur irgendein "-ismus".

Elf Jahre mordete die rechtsextreme Terrorzelle NSU, ohne dass Polizei und Justiz auf ihre Spuren kamen. Erst nach dem Tod von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt vor genau fünf Jahren flog die Gruppe auf. 

Für die Familien der Opfer sei heute ein "Tag des Zurückschauens auf die Jahre, die sie zuerst einmal vollkommen ohne Begleitung der Öffentlichkeit, ohne Anteilnahme durch irgendjemanden durchmachen mussten", sagte Barbara John, Ombudsfrau für die Hinterbliebenen, im Deutschlandradio Kultur.

"Eine der menschenfeindlichsten Taten, die man sich vorstellen kann"

John warnte davor, das Kapitel NSU nach dem Ende des Prozesses gegen Beate Zschäpe gewissermaßen abzuhaken. "Da gibt es sicher viele, die sagen: schlechtes Kapitel in der deutschen Geschichte, davon wollen wir nichts mehr wissen", so die frühere Berliner Ausländerbeauftragte.

"Aber wir wissen, wie akut Rechtsextremismus immer noch ist. Und wenn wir die Perspektive der Opfer nicht immer wieder sehen, dann bleibt Rechtsextremismus irgendein 'Ismus', irgendeine furchtbar störende Sache. Aber es ist eine der menschenfeindlichsten Taten, die man sich vorstellen kann, diese Morde."


Das Interview im Wortlaut:

Liane von Billerbeck: Es ist fünf Jahre her, als im thüringischen Eisenach erst eine Sparkasse ausgeraubt wurde, dann ein Wohnmobil ausbrannte und nur Stunden später im sächsischen Zwickau ein Wohnhaus in Flammen aufging. In dem Wohnwagen findet man später zwei Tote, zwei der drei Mitglieder des sogenannten NSU, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Die Dritte, Beate Zschäpe, steht in München vor Gericht, angeklagt wegen Mittäterschaft am Mord in zehn Fällen, an Mordversuchen, Sprengstoffanschlägen und Banküberfällen – zehn Morde, denen neun Männer aus Migrantenfamilien zum Opfer fielen und eine Polizistin.

Zehn Morde, das sind zehn Familien, denen ein Vater, ein Sohn, ein Bruder, eine Tochter fehlen. Doch das erfährt die Öffentlichkeit alles erst viel später, denn die Ermittlungen dieser Morde offenbaren schwere Pannen in Geheimdienst und Polizei. Für die Familien der Opfer eine zusätzliche Belastung, dass die Morde jahrelang nicht als das Werk von Rechtsterroristen erkannt worden sind. Barbara John war viele Jahre lang Ausländerbeauftragte des Berliner Senats, sie ist Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und seit 2011 Ombudsfrau für die Opfer des NSU. Schönen guten Morgen!

Barbara John: Einen schönen guten Morgen aus Berlin!

von Billerbeck: So ein Datum wie heute, was ist das für die Familien der Opfer für ein Tag?

John: Ja, es ist natürlich ein Tag des Zurückschauens auf die Jahre, die sie zuerst einmal vollkommen ohne Begleitung der Öffentlichkeit, ohne Anteilnahme durch irgendjemanden durchmachen mussten. Denn zum Beispiel Familie Simsek, der Mord fand im Jahr 2000 statt, da hat es bis 2011 gedauert, bis jemand gemerkt hat, dass es sich um rechtsextreme Verbrecher handelt. Und diese Zeit haben sie ganz allein durchgestanden, das merke ich auch immer wieder, das hat ihnen einerseits … Das hat sie viel Kraft gekostet, aber es hat sie auch sehr zusammengeschweißt, obwohl auch in ihren eigenen Reihen, in den Familien, in der unmittelbaren Nachbarschaft doch sehr viel Verdächtigung aufkam.

Gestern erst hat mir Abdulkerim Simsek, der Sohn erzählt, wie er mitgelitten hat, wenn ein neuer Mord gemeldet worden ist an einem Einwanderer, und er hat gedacht, jetzt passiert denen das, was mir passiert, sie zeigen mit dem Finger auf dich und sagen, das ist der Sohn des Drogenhändlers, sein Vater war ein Mafiamitglied. Das erinnern sie, aber sie erinnern dann natürlich auch die Zeit nach 2011, als plötzlich die Öffentlichkeit auf sie aufmerksam wurde.

Bindungen in die Türkei sind verstärkt worden

von Billerbeck: Sie sind die Ombudsfrau für die Opfer des NSU, Sie machen diese Tätigkeit rein ehrenamtlich. Wie können Sie helfen?

John: Ich stehe mit den Familien natürlich in Verbindung, sie haben meine Telefonnummer, wir sind datenmäßig gut vernetzt miteinander und ich werde mit allen Nöten und Problemen natürlich beansprucht, die Menschen haben, die gerade solche Opfer haben. Das geht von der Wohnungssuche bis zur Arbeit, psychologische Betreuung, rechtliche Fragen, wie man etwa zu einer doppelten Staatsbürgerschaft kommt.

Denn durch die Morde bei den hinterbliebenen Familien sind auch die Bindungen in die Türkei verstärkt worden, die Angehörigen sind ja alle dorthin überführt worden. Und insofern hat man da auch nun bessere Beziehungen wieder zur Verwandtschaft und das möchte man auch durch die Staatsbürgerschaft abstützen. Also, all das sind Fragen, aber es geht auch um Visafragen. Es ist eine Fülle von Aufgaben und ich bin eigentlich jeden Tag mit den Familien in Kontakt, um irgendetwas zu lösen. Also, ich staune selber, wie weit das in diese Jahre noch hineinreicht.

von Billerbeck: Es gibt in Dresden derzeit eine Ausstellung mit Tatortbildern von diesen Tatorten der NSU-Morde. Wie ist das, wenn solche Bilder veröffentlicht werden für die Angehörigen, macht das nicht die Wunden wieder auf?

John: Ich war ja gestern bei der Eröffnung und Abdulkerim Simsek hat mich begleitet. Ja, ich habe die Familien am Wochenende auch getroffen in Kassel, wir machen ja inzwischen Reisen, gemeinsame Reisen in die Tatorte. Aber das ist so, dass das gemeinsame Zusammensein, das Treffen der Familien an solchen Orten doch sehr tröstlich ist. Und zwar aus zweierlei Gründen: Einmal treffen sie auf Menschen, die dasselbe durchlebt haben, sie kennen sich, sie tauschen sich aus, sie erzählen sich auch, wie ihr Leben weitergegangen ist, und zum Zweiten erleben sie, dass in diesen Städten die Sache nicht vergessen ist, sondern es sind Denkmale entstanden, es sind Gruppen da, die sich darum kümmern, dass das Zusammenleben besser ist. Also auch eine sehr tröstliche Angelegenheit.

Dieser Band mit den Tatorten ist natürlich ein sehr trauriges Anschauungsmaterial, das sagen die Opfer auch, aber es ist ja auch weniger für sie gemacht, sie kennen ja die Tatorte, sondern ich glaube, es ist ein wichtiger Baustein in der Erinnerungskultur. Was nicht passieren darf, ist, dass wir nach dem Prozess – und wir hoffen ja alle, dass das Ende des Prozesses nun bald kommt – die Sache abhaken können. Da gibt es sicher viele, die sagen, schlechtes Kapitel in der deutschen Geschichte, davon wollen wir nichts mehr wissen. Aber wir wissen, wie akut Rechtsextremismus immer noch ist. Und wenn wir die Perspektive der Opfer nicht immer wieder sehen, dann bleibt Rechtsextremismus irgendein Ismus, irgendeine furchtbar störende Sache, aber es ist eine menschenfeindliche, eine der menschenfeindlichsten Taten, die man sich vorstellen kann, diese Morde.

von Billerbeck: Sie haben den Prozess erwähnt, den Prozess in München gegen Beate Zschäpe. Wie nehmen die Opferfamilien diesen Prozess wahr?

"Beate Zschäpe als eine Frau wahr, die gar keine Empfindungen hat"

John: Ja, sie sind natürlich verwundert über die zeitliche Ausdehnung. Und sie nehmen auch die Angeklagte, die Mittäterin Beate Zschäpe als eine Frau wahr, die gar keine Empfindungen hat und … Obwohl sie ja alle als Zeugen ausgesagt haben, Frau Yozgat, die Mutter von Halit Yozgat, dem jüngsten Opfer, hat sie angefleht, doch etwas zu sagen, damit sie weiß, warum überhaupt ihr Sohn sterben musste, warum wurde mein Sohn ausgewählt, was haben wir euch getan. Keine … Nicht mal, sie wurde nicht mal eines Blickes gewürdigt.

Und als sie zum ersten Mal aussagte, dass sie, dass … also, sie sehr wohl, also Beate Zschäpe sehr wohl von den Taten wusste, da sagte sie ja, es … Ich konnte nichts machen und ich bin sozusagen das elfte Opfer, ich konnte ja nicht mal meine Katze verpflegen und das Weihnachtsfest konnte ich auch nicht feiern. Das zu hören, wenn man einen Angehörigen verloren hat, das macht die Sache schwierig. Also, Beate Zschäpe ist eine Person, mit der die Opfer gar nichts … mit der die Opfer nichts zu tun haben wollen. Und sie warten natürlich darauf, dass es ein Urteil gibt, das der Schwere dieser Verbrechen angemessen ist.

von Billerbeck: Barbara John war das, die Ombudsfrau für die Opfer der NSU-Morde. Und sie plant übrigens einen Verein für Opfer rechtsradikaler Gewalt, solche Vereine gibt es überall in Europa, aber eben noch nicht in Deutschland. Frau John, ich danke Ihnen für das Gespräch!

John: Ich danke Ihnen auch!

von Billerbeck: Und in unserer Sendung "Kompressor" geht es heute um die künstlerische Aufarbeitung dieser Terrorserie.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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