Friedensprozess in Kolumbien

Der geplatzte Umwelttraum

29:57 Minuten
Mehrere Männer schauen in einem Wald jeweils mit einem Fernglas nach oben.
Tierra Grata Ecotours gehört zu den wenigen Erfolgen rund um Naturschutz und Tourismus nach den Friedensabkommen. Sie organisieren unter anderem Vogelbeobachtungstouren in den Park "Los Tananeos". © Deutschlandradio / Martina Weber
Von Martina Weber und Jochen Dreier · 09.05.2022
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Nach dem 2016 geschlossenen Friedensvertrag zwischen der Regierung und der FARC-Guerilla hofften Umweltaktivisten auf einen besseren Schutz der Natur. Kolumbien ist mit eines der artenreichsten Länder der Erde. Heute ist die Ernüchterung groß.
Ein Schwarm Papageien, Soldatenaras, fliegt in der Ferne über das Gebirgstal und verschwindet wieder im Dickicht des Dschungels. Ihr hellgrünes und türkisblaues Gefieder zeichnet sich nur leicht von den unterschiedlichen Grünschattierungen der Bäume ab. Mit den Ferngläsern sind sie jedoch gut zu beobachten.
Wir sind mit einer Gruppe Vogelbeobachter:innen im trockenen Tropenwald des Perijá-Gebirges an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze unterwegs. Der Biologe und Ornithologe Diego Calderón Franco führt uns durch ein Gebiet, das bis vor einigen Jahren schwer zugänglich war. Im Schutze des Dschungels haben hier Guerillagruppen der FARC operiert und sich zurückgezogen. Heute ist die Gegend ein Hotspot für Vogeltouristen – und Wissenschaftler:innen.
„Wir leben in eine Art viktorianischem Zeitalter der Entdeckungen, sage ich immer. Du kannst hier in das Perijá-Gebirge fahren und eine für die Wissenschaft vollkommen neue Vogelart entdecken. Letztes Jahr habe ich an einer der größten naturwissenschaftlichen Expeditionen zusammen mit dem American Museum of Natural History teilgenommen. Dabei konnten wir feststellen, wie sich Vogelpopulationen durch Landnutzung und Klimawechsel verändert haben, welche Arten heute häufiger sind als noch vor 100 Jahren und welche nicht. Es passieren hier überall neuartige Dinge.“
Kolumbien ist nach Brasilien das Land mit der größten Biodiversität der Erde. In den Anden gibt es einzigartige Hochgebirgsregionen mit Gletschern, etwas darunter wasserspeichernde Ökosysteme – die Páramos, in den tieferen Ebenen trockene Tropenwälder und sogar Wüsten. Dazu eine Pazifik- und Karibikküste.
Und 42 Prozent des Landes werden von Amazonas-Regenwald bedeckt. Kolumbien führt die Liste der Länder mit der größten Anzahl an Vogelarten an und weist gleichzeitig die zweithöchste Anzahl an Amphibien und Süßwasserfischen auf. Ein Großteil dieser weitläufigen Ökosysteme sind unbesiedelt und ohne Infrastruktur.

Im Schatten des Bürgerkrieges

Doch genauso kompliziert und divers wie die Natur des Landes ist, ist auch dessen politische Situation. Der jahrzehntelange Bürgerkrieg zwischen linken Guerillas, der Regierung und rechten Paramilitärs, zermürbte das Land. Im Schatten dieses Konflikts stiegen in den 80er-Jahren brutale Drogenkartelle als weitere Macht auf.
Das traurige Ergebnis: über 200.000 Tote und rund sechs Millionen Binnenvertriebene. Und auch die Natur spürte den Konflikt: Bombenanschläge auf Ölpipelines, Besprühung von Koka-Plantagen mit Glyphosat, chemische Verschmutzung durch illegalen Bergbau.
Das Friedensabkommen der Regierung mit der FARC-Guerilla im Jahr 2016 sollte eine Zeitenwende werden.
„Das Nobelpreiskomitee hat entschieden, den Friedensnobelpreis 2016 an den kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos zu vergeben für seine Bemühungen, den 50-jährigen Bürgerkrieg in dem Land zu beenden.“
Doch die Hoffnung, der Druck auf die Umwelt werde nach dem Waffenstillstand geringer, hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil:
„Wir sehen, dass es nach 2016 eine deutliche Zunahme der Entwaldung gegeben hat, die je nach Jahr etwas schwankt, aber deutlich über dem Niveau der Jahre vor dem Friedensprozess liegt. Das hat auch mit dem Kokaboom zu tun, wo entsprechend gerodet wird.“
Stefan Peters ist Professor für Friedensforschung an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Direktor des Deutsch-Kolumbianischen Friedensinstitut CAPAZ mit Sitz in Bogotá. Sein Institut beobachtet die Entwicklung mit Sorge. Dabei waren nach dem Friedensvertrag die Voraussetzungen für erfolgreichen Naturschutz eigentlich gut.
Abenddämmerung mit Blick auf die Sierra de Perijá.
Die Sierra de Perijá: Für Vogelkundler und Forschende ein Paradies.© Deutschlandradio / Martina Weber
Viele Gebiete des Landes waren während des Bürgerkriegs schwer zugänglich und dadurch vor wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt. In den Jahren von 2000 bis 2015 hatte Kolumbien – nach offiziellen Statistiken – die niedrigste Entwaldungsrate in Lateinamerika. Das änderte sich mit dem langersehnten Friedensschluss. Auch viele Wissenschaftler:innen entdeckten die entlegenen Regionen, die vorher von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten waren:
„Als das Friedensabkommen unterzeichnet wurde, herrschte in der gesamten wissenschaftlichen Community eine Art Glücksgefühl, nicht nur wegen des Friedens an sich, sondern auch, weil wir endlich Zugang zu neuen Regionen bekamen, wie zum Beispiel Caquetá oder Meta. Das war großartig. Wir haben nicht nur neue Arten entdeckt, sondern auch Dauerbeobachtungsflächen angelegen können, das wiederum hat die Biodiversitätsforschung vorangebracht.“

Ein Drittel des Landes für Forschung zugänglich

Nicola Clerici ist Professor für Ökologie an der kolumbianischen Universidad del Rosario in Bogotá. Die Regionen, die Clerici erwähnt, befinden sich im Südosten des Landes zwischen dem Andenhochland und dem Amazonastiefland, in denen sich drei nationale Naturschutzparks befinden – und in denen bewaffnete Akteure jahrzehntelang präsent waren.
Etwa ein Drittel des Landes öffnete sich laut Clerici nach dem Friedensvertrag für die Wissenschaft. Ein Land, in dem mittlerweile 80 Prozent der Bevölkerung in den vier größten Städten wohnt, entdeckte sich selbst wieder, sagt die Biologin Brigitte Baptiste. Sie war acht Jahre Direktorin des Humboldt Instituts in Bogotá und leitet heute die EAN Business-School – eine Privatuniversität, die sich auf nachhaltiges Unternehmertum spezialisiert.
„Das war auch die Zeit, als ich Direktorin des Humboldt-Instituts wurde. Nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens begannen wir in der Wissenschaft unsere Rückkehr ins Feld zu planen, mit neuen Forschungsprojekten und Expeditionen. Und das war sehr wichtig für Kolumbien. Wir haben viele Dokumentarfilme über die biologische Vielfalt gedreht, und jeder spürte eine gewisse Erleichterung gegenüber der Vergangenheit.“

Angst, zwischen die Fronten zu geraten

In der Vergangenheit, in den 90ern und Anfang der 2000er-Jahre, mieden WissenschaftlerInnen wie Baptiste die ländlichen Gebiete, viele zogen sogar ins Ausland, um der Gewalt der rechten und linken Milizen zu entgehen. Andere wie Diego Calderón, die weiter ihren Forschungen nachgingen, mussten damit rechnen, zwischen die Fronten zu geraten.
„Die Situation schien in der Gegend okay zu sein. Aber wir waren einfach am falschen Ort zur falschen Zeit, als wir auf die 41. Front der FARC-Guerilla hier in den Bergen getroffen sind. Und sie sahen unsere GPS-Geräte und Ferngläser und fühlten sich bedroht. Sie dachten: Mist, die sind doch bestimmt Paramilitärs. Nun, zu der Zeit konnte zu jeder Zeit alles Mögliche passieren in Kolumbien, das wussten wir.“
Diego war 2004 ein junger Biologiestudent und auf der Suche nach einer ausgestorben geglaubten Kolibri-Art im Perijá-Gebirge unterwegs – dort wo er heute Vogeltouren unternimmt – als er auf eine Guerillagruppe traf und für 88 Tage in Geiselhaft geriet. Gelderpressung durch Entführungen waren gängige Praxis. Auch Diegos Eltern zahlten Lösegeld. In den folgenden Jahren mied er das Gebiet rund um das Perijá-Gebirge für seine Forschung.
„Der Konflikt hielt die Menschen in vielen Fällen davon ab, an bestimmte Orte zu gehen, zumindest im Amazonasgebiet. Aber das galt auch für die Chocó-Region, San Lucas oder für das Perijá-Gebirge – wo auch Investoren, ländliche Entwicklungsprogramme oder andere Unternehmen ihr Kapital nicht wirklich riskieren konnten oder wollten, weil die Lage sehr instabil war und es schwer abzusehen war, ob ein Projekt in der Zukunft gut laufen würde.“

Der Traum vom “großen ökologischen Experiment”

Die Biologin Brigitte Baptiste ist nicht nur eine der prominentesten umweltpolitischen Stimmen Kolumbiens. Als bekannteste trans Frau des Landes gilt sie auch als ein Symbol für den gesellschaftlichen und ökologischen Wandel. Als das “große ökologische Experiment” bezeichnete Baptiste die Zeit direkt nach dem Friedensvertrag. Naturschutz und Wirtschaft sollten sich Hand in Hand entwickeln.
„Einige Jahre haben wir geglaubt, dass Forschung auf Basis biologischer Vielfalt und der lebenden Ressourcen Möglichkeiten für neues Unternehmertum und neue Geschäftszweige schaffen könnte, ganz nach dem Leitbild der “Green Economy”, die den ländlichen Gemeinden ermöglicht, neue Märkte zu erschließen und vom Kokaproblem wegzukommen.“
Das war auch die Hoffnung der politischen Elite, die den Vertrag ausgehandelt hatte. Von dem Friedensprozess sollten vor allem die ländlichen Regionen profitieren, es sollten neue wirtschaftliche Perspektiven entwickelt werden.
Denn Frieden muss auch finanziert werden. Gleichzeitig wollte die Regierung aber auch den Schutz der natürlichen Ressourcen verbessern. In seiner Nobelpreis-Dankesrede in Oslo 2016 zeichnete Präsident Juan Manuel Santos die Vision einer positiven wirtschaftlichen Zukunft im Einklang mit der Natur.
„Wie gut, sagen zu können, dass das Ende des Konflikts in Kolumbien – dem Land mit der größten Artenvielfalt der Welt pro Quadratkilometer – in Zukunft einen wichtigen Beitrag zum Umweltschutz leisten wird. Durch den Ersatz von illegalen durch legale Anbaubauprodukte wird die Abholzung für den Kokaanbau zurückgehen. Außerdem werden nicht mehr Millionen von Barrel Öl durch Angriffe auf die Ölanlagen in unsere Flüsse und Meere gelangen.“

Der Markt sollte es regeln

Die arme Landbevölkerung setzte große Hoffnungen auf den neuen Präsidenten. Sie hatte am stärksten unter den kriegerischen Auseinandersetzungen gelitten und hoffte auf neue wirtschaftliche Perspektiven. Und auch die ehemaligen Guerillakämpfer:innen mussten integriert werden, neue Jobs sollten geschaffen werden.
Die Regierung setzte auf Unternehmen, die bereit waren, in den früher kaum zugänglichen Regionen zu investieren. Der Friedensvertrag gab da eine klare Richtung vor. Man sprach sogar von einem “pax neoliberal”, einem neoliberalen Frieden. Der Markt sollte alles regeln. Doch es entstand ein Regelvakuum.
Zwei Personen gehen durch eine mit Bäumen und Sträuchern bewachsene Landschaft.
Im Gebiet der ehemaligen FARC haben heute oft Milizen das Sagen. © Deutschlandradio / Jochen Dreier)
„Die FARC-Guerilla hatte in einigen Regionen die Hoheit über die Natur. Es war zum Beispiel verboten, zu jagen, zu fischen und Wälder abzuholzen. Sie hatte eine Art Regulationsfunktion. Und das ist das Problem, das jetzt mit dem Ausstieg der FARC und der Abwesenheit des Staates in einigen Regionen besteht. Illegalen Akteuren sind keine Grenzen gesetzt.“
Die FARC hatte die Entwaldung nur bedingt aus Gründen des Umweltschutzes begrenzt. Der Dschungel war ihr Schutz und Rückzugsgebiet. Und die Guerillaarmeen beschützten die Drogenkartelle und die Koka-Plantagen, sie verdienten am Drogenhandel.
Es war ein brutales, aber jahrzehntelang funktionierendes System, das mit dem Friedensvertrag endete. Die FARC löste sich auf, aber statt des Staates übernahmen kleinere bewaffnete Milizen und ehemalige Guerillagruppen die Kontrolle in diesen Gebieten und machten gemeinsame Sache mit den Drogenkartellen.

Ein Nährboden für kriminelle Banden

Diese Regionen weisen oft eine besonders schlechte Infrastruktur auf. Es gibt wenige Straßen, nur kleine Siedlungen, kaum Polizei oder andere staatliche Stellen. Ein guter Nährboden für kriminelle Banden und ihre illegalen Aktivitäten.
Da niemand kontrolliert, roden sie Naturschutzgebiete für den Kokaanbau, vergiften ganze Ökosysteme durch den Einsatz von Chemikalien bei der Herstellung der Koka-Paste, einem Kokain-Vorprodukt. Den wenigen Kleinbauern bleibt meist keine Wahl. Entweder sie beugen sich dem Druck der Milizen und Kartelle und machen mit oder sie werden vertrieben oder ermordet.
Mit etwa 25.000 Hektar verzeichnet die Region Putumayo-Caqueta die drittgrößte Kokaanbaufläche des Landes. Mit Grenzen zu Ecuador und Peru führen hier wichtige Routen des Drogenhandels lang. Und die Nationalparks sind Hotspots der Entwaldung.
Ich treffe mich mit der kolumbianischen Fotografin und Journalistin Lía Valero. Sie hat für uns im Departamento Putumayo recherchiert, in der die lückenhafte Umsetzung des Friedensabkommens deutlich zu spüren ist. Für Fremde, vor allem für Journalist:innen, kann ein Aufenthalt ohne Schutz durch die lokale Bevölkerung lebensgefährlich werden.
Von der Stadt Puerto Asís fährt Lía zusammen mit dem Ortsvorsteher Santiago eine Stunde lang über Wasserwege und schlammige Pisten in seine Gemeinde, wo er als Kleinbauer mit seiner Familie lebt.
Aus Angst vor Repressalien möchte der Mann anonym bleiben. Wir nennen ihn deshalb Santiago.
Durch den Dschungel und vorbei an vereinzelten Plantagen erzählt Santiago auf der Überfahrt mit dem Motorrad, wie die Gemeinde mit dem Geld aus dem Koka-Anbau eine Flussfähre und Straßen gebaut und saniert hat. Eine Aufgabe, die eigentlich der Staat übernehmen sollte.
Denn über diese Straßen transportieren die Bauern auch legale Agrarprodukte wie Mais, Bananen oder Acaí von den Feldern auf die großen Märkte. Und diese Art von Wirtschaft sollte laut Friedensvertrag gefördert werden. Doch nach wie vor bauen Bauern wie Santiago Koka an. Denn dadurch können sie ein größeres und stabileres Einkommen erzielen, sagt Santiago.
„Die illegalen bewaffneten und Drogenhändler boten den Leuten die Kokapflanzen an, sagten, das sei eine wirtschaftliche Chance. Und die Menschen sahen, dass es sehr einfach war, diese Ernte zu vermarkten und zu transportieren, und vernachlässigten die Landwirtschaft. Die Erträge aus der Landwirtschaft dienen dem Eigenbedarf, und illegale Pflanzen werden vor allem für Gewinn angebaut.“

Regierung hielt Versprechen nicht ein

Bauern wie Santiago waren bereit, aus dem Kokaanbau auszusteigen und auf legale landwirtschaftliche Produkte zu setzen – in der Hoffnung, dass die Regierung und das Friedensabkommen ihnen dabei helfen würden.
„Eine Weile kehrte hier Ruhe ein, nachdem die FARC ihre Waffen ablegten. Die Regierung hat sich aber nicht wie versprochen auf das Gebiet hier konzentriert, sie hat den Substitutionsplan vernachlässigt und nicht die entsprechenden Investitionen getätigt. Zudem kehrten andere illegale Gruppierungen zurück und mit ihnen das gleiche Chaos, was wir zuvor hatten. Viele Menschen kehrten zum Kokaanbau zurück, weil die Regierung nicht die Investitionen tätigte, die sie in den Gebieten tätigen wollte.“
Präsenz zeigte der Staat allenfalls durch sein Militär, und weniger durch wirtschaftliche Hilfen für die Landbevölkerung. Gelegentlich werden sogenannte Cocinas, also Kokaküchen in die Luft gejagt, wie die Journalistin Lia Valero miterleben konnte. Die Militärausgaben gehören auch sechs Jahre nach Unterzeichnung des Friedensabkommens zu den höchsten in Südamerika, während das öffentliche Bildungswesen chronisch unterfinanziert bleibt.
Mit dem Kampf gegen den Kokaanbau wollte die Regierung auch die Natur schützen und alternativen Agraranbau unterstützen. Mithilfe des Nationalen Substitutionsprogramms sollten Bauern einen finanziellen Ausgleich bekommen, wenn sie freiwillig ihre Kokaplantagen aufgeben und legal ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Viele Bauern beteiligten sich an dem Programm, vernichteten ihre Kokaplantagen. Doch die versprochenen monatlichen Subventionen in Höhe von 300 US-Dollar kamen nur zur Hälfte und bei manchen Familien gar nicht an, so heißt es einem Bericht des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung.

Bauern pflanzen wieder verstärkt Koka an

Die Regierung des rechtskonservativen Staatspräsidenten Ivan Duque, der auf den gemäßigteren Juan Manuel Santos gefolgt war, behauptete, es gebe nicht genug Geld, um die Landwirte effektiver zu entschädigen. Aus Frust und durch den bewaffneten Druck der Narcos pflanzten die Bauern jetzt wieder verstärkt Koka an und rodeten noch mehr Wald, sagt Nicola Clerici.
„Die ökologischen Probleme werden mit dem Friedensabkommen benannt, aber die Umsetzung ist eine andere Sache, vor allem, weil die derzeitige konservative Regierung in Kolumbien keine klare Vision für die Umsetzung des Friedensprozesses hat. Tatsächlich war die Partei des derzeitigen Präsidenten Iván Duque während des Referendums 2016 gegen die Unterzeichnung des Friedensabkommens. Es sind dieselben Leute. Und ich sehe von ihnen keine großen Bemühungen, alle Punkte des Abkommens zu verwirklichen.“
Die sozialen und die ökologischen Folgen dieses Versagens sind erschreckend. Große Flächen wurden verwüstet, das haben Nicola Clerici und sein Forscherteam auf Satellitenbildern nachgewiesen.
„Wir haben es mit einem deutlichen Anstieg der Abholzung zu tun – sowohl in den Nationalparks als auch in den Pufferzonen um sie herum, die sehr wichtig sind, weil sie den Druck auf die Ökosysteme etwas ausgleichen können.“
In den Nationalparks wuchs die entwaldete Fläche in den ersten drei Jahren nach 2016 um 177 Prozent. Alleine 2017 wurde Wald in der Größe von 300.000 Fußballfeldern unwiederbringlich zerstört. Der Kokaanbau erreichte eine Rekordhöhe.

Für die Rinderzucht werden Wälder gerodet

Auf der ständig aktualisierten Karte des Projektes Global Forst Watch ziehen sich die roten Flecken der kürzlichen Entwaldungen wie ein Hautausschlag über Kolumbien. Das liege aber leider nicht nur am wachsenden Kokaanbau, meinen die Expertinnen und Experten. Wie in Brasilien wird auch in Kolumbien die sogenannte Agrargrenze immer weiter verschoben. Große Flächen werden für die Rinderzucht gerodet, das geschieht meist illegal und hat verheerende Folgen:
„Rinderzucht und umweltschädliche Landwirtschaft verschmutzen Wasser und vergiften den Boden. Die Viehzucht der Großgrundbesitzer ist mit Auslöser des Konflikts und zerstört schon seit mehr als hundert Jahren die Natur.“
„Dazu kommen dann auch andere Aspekte, die wir in Lateinamerika und der ganzen Welt unter dem Stichwort Extraktivismus kennen. Die Frage von Bergbau, wofür auch gerodet wird. Erdölförderung, die Rohstoffausbeutung. Wir müssen auch von Palmöl sprechen.“
In den letzten Jahren wurde die Rohstoffförderung ausgeweitet. Auch in Regionen mit geschützten Ökosystemen. Im April 2022 bot der kolumbianische Präsident Iván Duque an, dass er die Öl- und Kohleförderung hochfahren könnte, um die Energiekrise zu mildern, die durch den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine ausgelöst wurde. Vier Jahre zuvor, kurz nach seiner Wahl, klang das noch anders. Damals schwärmte er von Ökotourismus und Naturschutz:
„Ich denke, das ist ein sehr wichtiger Akteur. Es gab direkt nach dem Friedensabkommen einen enormen Anstieg der öko-touristischen Aktivitäten in ganz Kolumbien. Dann kam 2020 die COVID-Pandemie. Aber es gibt immer noch ein riesiges Potenzial – nicht nur für den internationalen Markt, sondern auch für den nationalen Markt.
Es ist auf jeden Fall ein Weg, den man gehen kann. Und es ist eine Win-Win-Situation, in der die lokale Bevölkerung etwas Geld verdienen kann und gleichzeitig die Umwelt und die biologische Vielfalt schützt. Es handelt sich also definitiv um einen Schlüsselfaktor in dieser Situation für die Zukunft.“

Ökotourismus als Hoffnungsträger

Nach 2016 sowie nach dem Pandemiejahr 2021 war der Naturtourismus einer der Wirtschaftsmotoren im Land. Viele sehen darin eine Chance, die ländlichen Regionen zu entwickeln und gleichzeitig natürlichen Ressourcen zu schützen. Auch ehemalige FARC-Kämpfer:innen sind im Tourismus aktiv.
„Der Lanzettenschwanzpipra ist mein Lieblingsvogel. Ich erinnere mich sehr gut. Es war das erste Mal, als ich zusammen mit Diego Calderón hier in der Nähe Vögel beobachtet habe. Und es hat mich so sehr bewegt, als dieser Vogel auftauchte und Diego mit diesem Vogel interagierte, ja spielte, und ich mit einem Fernglas alle seine Bewegungen beobachten konnte.“
Ein Willkommensbanner auf einem Grundstück.
"Für das Leben, für den Frieden" – das Öko-Touristenbüro Tierra Grata Eco.© Deutschlandradio / Jochen Dreier
Sandra, die unter ihrem Kampfnamen Cecilia 18 Jahre als FARC-Kämpferin im Dschungel lebte, wohnt heute mit ihrem Mann und ihrem einjährigen Sohn in Tierra Grata, einer von 24 Wiedereingliederungszonen für ehemalige Guerilleros. Mit anderen Bewohner:innen hat sie das Öko-Touristenbüro Tierra Grata Eco Tours ins Leben gerufen, das unter anderem Vogeltouren im Perijá-Gebirge anbietet.
„Wenn Menschen hierher zur Vogelbeobachtung kommen, bedeutet das für uns als Tourenanbieter nicht nur ein wirtschaftliches Einkommen, sondern es ist auch ein Mittel zur sozialen Entwicklung, zur Friedensbildung. Dass Diego unter dem Vorwand der Vogelbeobachtung an den Ort zurückgekommen ist, wo er einst entführt wurde, um uns in unserem Vorhaben zu unterstützen, ist auch ein Zeichen der Vergebung und Versöhnung. Und das ist es, was uns jetzt verbindet.“

Die vereinbarte Landreform blieb aus

Auch in Tierra Grata kommen die staatlichen Gelder nur unzureichend an, man sieht das an den maroden Wohnbaracken. Trotzdem gilt es als Beispiel für ein gelungenes Projekt, wo die Menschen weitgehend in Frieden leben.
Doch solche Beispiele sind die Ausnahme, ein breiter Aufschwung in den ländlichen Gebieten ist nicht in Sicht. Und das hat vor allem einen Grund: die extrem ungleiche Verteilung des Landes. Ein Prozent der großen Farmen besitzt 81 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche, die restlichen 99 Prozent teilen sich die restlichen knapp 20 Prozent.
Zwar hatten sich Regierung und Guerilla im Friedensvertrag auf eine grundlegende Landreform verständigt – passiert ist bislang aber nichts. In kaum einem anderen Land Lateinamerikas sind die Einkommen so ungleich verteilt wie in Kolumbien. Besonders afro-kolumbianische und indigene Menschen sind sozial abgehängt. Demgegenüber steht eine kleine reiche Oberschicht, die auch noch sehr wenig Steuern zahlt.
„Man muss auch konstatieren, dass es am politischen Willen fehlt, die Frage der Landreform auch umzusetzen. Das ist auch eine Frage, dass hier Privilegien angetastet werden müssen, Privilegien von denen, die extrem große Flächen an Land besitzen, die Großgrundbesitzer.
Und hier gibt es natürlich mächtige Interessen, die einer weniger ungleichen Landverteilung entgegenstehen. Man könnte ja auch darüber nachdenken und auf die ketzerische Idee kommen, dass vielleicht diejenigen, die sehr hohe Einkommen haben, auch einen Teil beitragen müssten und dann über eine Anpassung des Steuersystems nachdenken.“
Auch wird immer wieder ein landesweites Kataster gefordert, indem der Landbesitz genau abgebildet wird. Dadurch könnten auch illegale Landnahmen besser verfolgt werden.

Corona hat die soziale Ungleichheit verschärft

Durch die Corona-Pandemie hat sich die Lage noch verschärft. Die Ungleichheit ist weitergewachsen, Rodungen haben zugenommen, der Staat ist in den ländlichen Gebieten noch weniger präsent als vorher.
Ein grundlegender Politikwechsel sei nötig, sagen Umweltschützer:innen und Wissenschaftler:innen wie Brigitte Baptiste und Nicola Clerici.
„Wenn es der nächsten Regierung nicht gelingt, die Kontrolle über die Gebiete zurückzugewinnen, werden wir Zeuge einer riesigen Abholzung und sogar der Zerstörung einiger der wichtigsten Schutzgebiete durch die Drogenbarone, die sich mit unserem kulturellen Schatz wie die Taliban in Afghanistan verhalten.“
„Ich hoffe, dass es mit den Neuwahlen einen Wandel geben wird, um dieses Friedensabkommen zu stärken, um das umzusetzen, was eigentlich geschrieben wurde.“
Stefan Peters vom deutsch-kolumbianischen Friedensinstitut CAPAZ ist da skeptischer. In Kolumbien sei ein “gewaltsamer Frieden” entstanden, vor allem in den ländlichen Gebieten, wo der Staat kaum präsent sei. Dort dominieren Drogenkartelle, Dissidenten der FARC-Guerilla und andere bewaffnete Gruppen, die die Kleinbauern zum Drogenanbau zwingen. Und die Rinderfarmen der Großgrundbesitzer fressen sich immer weiter in den Regenwald hinein. Naturschützer und Indigene, die sich gegen diese Prozesse wehren, werden verschleppt und ermordet.
Vögel kreisen über dem Perijá Gebirge.
Vögel über dem Perijá Gebirge: Ein Schatz für die ganze Menschheit.© Deutschlandradio / Jochen Dreier
Die Aussichten für einen dauerhaften Frieden und eine nachhaltige wirtschaftliche und ökologische Entwicklung in Kolumbien scheinen nicht besonders gut. Das weiß auch der Ornithologe Diego Calderon. Doch das ökologische Erbe des Landes, das ein Schatz für die ganze Menschheit sei, könne auch in schwierigsten Situationen immer wieder Hoffnung geben, sagt er.
Das Feature entstand im Rahmen des Deutsch-Lateinamerikanischen Journalistenstipendiums IJP 2021.
„Du kannst hier einfach sitzen und wenn du einige Zeit still und reglos bist, kannst du aus nächster Nähe Vögel beobachten. In Gefangenschaft habe ich das auch getan, weil ich konnte mich ja nicht frei bewegen. Also habe ich mich nur auf meine Augen und mein Gehör verlassen. Die Beobachtung der Vögel und die Natur haben mir damals das Leben gerettet.“

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