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Aktuell / Archiv | Beitrag vom 18.06.2015

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels Navid Kermani - eine wichtige Stimme für friedliches Zusammenleben

Der Schriftsteller Navid Kermani. (picture alliance / dpa / Thomas Frey)
Der Schriftsteller Navid Kermani. (picture alliance / dpa / Thomas Frey)

Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2015. Er sei eine der wichtigsten Stimmen in unserer Gesellschaft, die für ein friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher nationaler und religiöser Herkunft eintrete, lobte der Stiftungsrat in Frankfurt am Main.

Stephan Detjen, Chefkorrespondent des Deutschlandradio Kultur, saß in diesem Jahr in der Jury des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Er sagte im Deutschlandradio Kultur, auch in diesem Jahr seien wieder viele und beeindruckende Vorschläge eingereicht worden. Es sei für die Jury, die sich zur Verschwiegenheit verpflichtet hat, eine schwere Herausforderungen gewesen, sich durch die Biographien hindurchzuarbeiten.

Aber mit der Wahl von Navid Kermani sei etwas geleistet worden, was auch von der Auszeichnung erwartet wird. So gebe Navid Kermani Antworten auf drängende Fragen unserer Zeit: auf die Veränderungen und Krisen in der Welt und auf die Wandlungsprozesse in unserer Gesellschaft.

"Da ist Navid Kermani eine ganz herausragende Stimme. Deshalb ist er ein besonders guter und würdiger Preisträger in diesem Jahr", sagte Stephan Detjen.

Kermani schaffe es, die richtigen Worte zu finden, so auch in seiner sehr bewegenden Rede zum 65. Jahrestag der Verabschiedung des Grundgesetzes im Bundestag im letzten Jahr. Es sei eine "Liebeserklärung" an Deutschland und an die deutsche Verfassung gewesen, so Detjen.

Es sei eine aufgeklärte, fast patriotische Rede gewesen. Deshalb sei es damals absurd gewesen, dass Unions-Mitglieder das Plenum verlassen haben, weil Navid Kermani sich zu positiv über die Politik von Willy Brandt geäußert habe.

Navid Kermani sei aber nicht nur der Journalist und Essayist, der sich mit den Fragen unserer Gesellschaft beschäftigt, sondern er sei auch ein bedeutender Orientalist. Er habe zwei wichtige Bücher über den Koran und die persische Dichtung geschrieben und das habe auch die Jury so beeindruckt.

"Er ist der öffentliche Intellektuelle seiner Generation", sagte Stephan Detjen.

Experte für Islamfragen

Der 47-jährige Kermani ist als Kinder iranischer Eltern in Siegen geboren. Seit langem lebt er in Köln, in seinen Sachbüchern hat sich der habilitierte Islamwissenschaftler und Muslim unter anderem mit dem Koran und der islamischen Mystik auseinandergesetzt. So ging es in einem seiner letzten Romane "Große Liebe" um Liebe und Sexualität, Verzückung und Tod.

Literaturkritiker Helmut Böttiger sagte im Deutschlandradio Kultur, die Auszeichnung an Navid Kermani sei eine politische Entscheidung und der aktuellen Situation geschuldet. "Er hat schon immer als einer, der einen iranischen Hintergrund hat, den Islam den Deutschen erklärt. Und er legt immer Wert darauf, dass der Islam nichts mit dem IS zu tun hat, mit dem Terrorismus zu tun hat."

Kürzlich hatte Kermani vom Westen ein größeres militärisches Engagement gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verlangt. Nach dem verheerenden Irakkrieg herrsche "allgemeine Kriegsmüdigkeit", sagte Kermani im Deutschlandradio Kultur. Man scheine sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass "über längere Zeit ein quasi-faschistisches Regime über weite Teile des Nahen Ostens herrscht".

Man müsse "ab und zu auch militärisch" eingreifen, "wenn man Völkermorde, Vertreibung, ethnische Säuberung verhindern" wolle, sagte Kermani. Die Luftangriffe der von den USA geführten Allianz reichten gerade aus, "um halbwegs den IS einzudämmen", jedoch nicht, um ihn zurückzudrängen.

Für Navid Kermani stehe die Barmherzigkeit, das höchste Gebot im Islam, im Mittelpunkt. So trete er auch überall als Experte für Islamfragen auf und spiele diesbezüglich ein große Rolle, sagte Helmut Böttiger.

Mehr zum Thema:

Navid Kermani - "Das Christentum ist keine abendländische Religion"
(Deutschlandradio Kultur, Interview, 06.01.2015)

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(Deutschlandradio Kultur, Kulturpresseschau, 25.04.2015)

Navid Kermani: Obama benutzt eine neue Sprache
(Deutschlandradio Kultur, Thema, 28.01.2009)

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