Freiwillige im Ahrtal

    Urlaub nehmen, um Flutschäden zu beseitigen

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    Im Bild gehen freiwillige Helfer in der Ortschaft Bad Neuenahr durch eine von dem Jahrhunderthochwasser zerstörte Straße.
    Für Freiwillige gibt es nach dem Jahrhunderthochwasser im Ahrtal noch immer mehr als genug zu tun. © picture alliance / Geislerfotopress / Christoph Hardt
    Von Anke Petermann · 15.10.2021
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    Drei Monate nach der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal prägen noch immer die Schäden das Bild. Die zu beseitigen, daran arbeiten auch Hunderte Freiwillige mit – in ihrer Freizeit. Für einige von der Flut Betroffene ist das wertvoller als manch Verlorenes.
    Im Juli hat das Ahrtal die schlimmste Flutkatastrophe seiner Geschichte erlebt. 133 Menschen hat sie das Leben gekostet. Die Gegend südwestlich von Bonn ist auch heute noch kaum wieder zu erkennen: Zerstörte Häuser, planierte Flächen, überall Trockengeräte und Schuttberge. Noch immer wird hier jeden Tag gerackert. Neben Ehrenamtlichen des Technischen Hilfswerks und des Roten Kreuzes schuften hier Hunderte Freiwillige, die für ihren Einsatz Urlaub nehmen, Überstunden abfeiern oder ihre Wochenenden opfern.
    Eine davon ist Katja Heininger aus Hameln. In einem der flutgeschädigten Häuser in Schuld stemmen Freiwillige mit einem Bohrhammer den Putz von den Wänden und den Estrich vom Boden, damit der Rohbau trocknen kann. Katja Heininger schleppt einen Eimer Bauschutt nach dem anderen aus dem Haus. Eine feine weiße Staubschicht färbt ihre dunklen Haare silbrig.
    Die Reha-Therapeutin hat Urlaub genommen, wohnt bei einer Cousine in Bonn. Jeden Morgen startet sie zum sogenannten Haribo-Parkplatz an der Autobahn 61. Von dort bringen Shuttlebusse täglich Hunderte von Freiwilligen ins Tal. Das sogenannte Helfershuttle ist ein Synonym für eine komplexe Organisation.

    Helfer trotz anderslautender Gerüchte gebraucht

    "Wir kriegen morgens vom Helfershuttle die Aufträge, und dann wird gefragt, wer kann ein Haus leerstemmen oder den Schlamm rausholen oder den Winzern helfen. Und dann sagt man: 'Hier bin ich', und alles andere ergibt sich dann."
    Freiwillige an die richtigen Adressen zu schicken, sie mit Material und ausreichend Diesel auszustatten, damit Strom fürs Arbeiten bis in den Abend hinein da ist – das alles übernimmt das Helferbüro, gegründet von zwei einheimischen Unternehmern, die selbst von der Flutkatastrophe betroffen sind. Immer wieder mal verbreitet sich das Gerücht, Laien würden nicht mehr gebraucht. Katja Heininger lässt sich davon nicht beirren.
    Schon als sie zum ersten Mal kommen wollte, hieß es, es würden nur Profis gebraucht. Doch sie habe "gleich beim ersten Mal den Erfolg gehabt, dass man irgendwo anpacken, helfen und was voranbringen kann", erzählt sie. Auch ohne handwerklich versiert zu sein.
    "Ich glaube, man muss so ein bisschen Grubenpony sein und offen für alles. Es gibt immer Leute, die sich gut auskennen, und dann wird man angeleitet, und dann passt das alles wunderbar. Und man lernt tolle Leute kennen." Zum Beispiel andere Helfer aus Deutschland und den Nachbarländern – oder auch Einheimische.

    Kontakte wertvoller als manches Verlorenes

    Oft allerdings werkeln die Freiwilligen in leeren Häusern. Die Eigentümer wohnen in teils weit entfernten Ausweichquartieren, müssen selbst arbeiten und fragen über das Helfershuttle Unterstützung an. Ein Dankeschön bekommen Freiwillige also nicht unbedingt zu hören.
    "Man merkt es aber indirekt", sagt Katja Heininger. "Es geht ja schon ans Herz, wenn man diese ganzen Schilder ‚Danke den Helfern‘ sieht, aus den einfachsten Mitteln. Sodass die Leute zeigen, wie sehr ihnen das hilft, wenn wir da sind und unterstützen."
    Ein "Danke" in Buntstift-Großbuchstaben, verteilt auf 5 DIN-A-4 Seiten, hat jemand an die trübe Schaufensterscheibe eines verwaisten Ladenlokals in der Altstadt von Ahrweiler geheftet. Ein paar Häuser weiter wohnt Christine mit ihrer Familie bei ihrem Schwiegervater. Die eigene Wohnung zu kaputt, um dort zu leben, das Haus des Schwiegervaters ein Sanierungsfall mit einsturzgefährdeter Kellerdecke.
    Doch in alldem gibt es auch etwas, was Christine aufrichtet: "Wir hatten superviel Hilfe, wir waren ganz glücklich. Das ist das unfassbar Tolle an dieser Katastrophe: dieser Zusammenhalt, diese Hilfe. Ich habe so viele Kontakte durch die Katastrophe. Das hat mir mehr gegeben als manches, was man verloren hat."

    Nach dem Einsatz noch essen und reden

    So erlebt es auch Helene Heinzen. In der Flutnacht rettet sich die 84-Jährige auf ihre Dachterrasse. Drei Monate nach der Flut ist immer noch reichlich zu tun. "Es dauert", sagt die drahtig wirkende Seniorin: "Aber es gibt tolle Helfer." Sie habe gestern fünf freiwillige Helfer dagehabt, die unglaublich viel geschafft hätten. "Ich war richtig glücklich. Und die auch, dass sie mir helfen konnten." Sie habe sie gut versorgt mit Essen und Getränken. Und: "Wir haben viel zusammen gelacht, trotz der schlimmen Situation, in der wir wohnen."
    Auch wenn die Elementarschadenversicherung fehlt: Heinzens Zuversicht wächst, auch dank der Gratis-Unterstützung.
    Nach den Einsätzen bringt das Helfershuttle die Freiwilligen zum Parkplatz mit angeschlossenem Camp zurück. Dort verteilen Ehrenamtliche warmes Essen. Die Freiwilligen lassen sich an Biertischgarnituren im Großzelt nieder.
    "Es ist ganz wichtig, über das, was man erlebt hat, noch mit Gleichgesinnten zu sprechen", sagt Silvie. Sie ist mit ihrem Mann Bernd drei Stunden aus dem Saarland angereist, mit dem Wohnmobil. Nach einem ganzen Tag körperlicher Arbeit ist Silvie k.o. – aber: "Es ist auch so viel Euphorie dabei, dass das irgendwo wieder trägt."
    Annika Köstlin und Samuel Zettler aus der Gegend von Stuttgart wollen an diesem Sonntagabend noch die vier Stunden nach Hause fahren. Zwei volle Tage lang haben die 19- und der 22-Jährige flussnahe Rebflächen von den zerstörten Stützgerüsten für den Wein befreit.
    Es sei sehr anstrengend gewesen, sagt Samuel Zettler. Aber: "Man merkt, dass die Arbeit was bringt – und man noch viele Leute braucht."

    "Deutschland ist stolz auf euch"

    800 waren es allein an diesem zweiten Oktobersonntag, doppelt so viele wie an mageren Wochentagen. An Spitzentagen sind es auch schon mal 2.000 Freiwillige – und alle ausgelastet. Thomas Pütz ist einer der beiden selbst betroffenen Unternehmer, die das Helferbüro gegründet haben und das Camp inzwischen mit 50 Mitarbeitern betreiben, samt ehrenamtlicher Busfahr- und Catering-Kräfte.
    Fluthelfer der Organisation "Helfershuttle", die freiwillige Hilfskräfte an Einsatzorte bringt, tanzen für die Produktion eines Videos. 
    Die Helfer tanzen für einen Film für Social Media im Camp des Helfershuttles: Der Zuspruch an Freiwilligen soll nicht abreißen.© dpa / Thomas Frey
    "Wir hatten ja einen deutlichen Helferschwund erlitten", sagt er im Zelt. "Vor allen Dingen durch die sozialen Medien haben wir unsere Helferzahlen wieder verdoppelt."
    Dann trifft in einer Limousine Bundespräsident Frank Walter Steinmeier ein, nach einem niederdrückenden Tag bei trauernden Flutopfern.
    Den Helferinnen und Helfern sagt er: "Da, wo ihr seid, ist Zuversicht. Seid stolz auf euch. Deutschland ist stolz auf euch. Herzlichen Dank." Er erntet Jubel.
    Die Anwesenheit des Bundespräsidenten lenkt die Aufmerksamkeit auf das Ehrenamt, das im Ahrtal Langfristaufgabe bleibt.
    Katja Heininger aus Hameln sagt nach ihrem staubigen Einsatz, sie finde es schön, dass der Einsatz der Freiwilligen gewürdigt wird. Aber sie meint: "Was wirklich helfen würde, ist weniger Bürokratie." Die Politik solle sich ein Beispiel an der Freiwilligenarbeit im Ahrtal nehmen. "Wenn die Politiker sich mal ein bisschen weniger bürokratisch geben und das Ganze ein bisschen einfacher handhaben würden, dann würde wahrscheinlich viel mehr viel schneller in die Wege kommen."
    (abr)
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