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Weltzeit | Beitrag vom 08.05.2019

Frauen in Indien kämpfen um SelbstbestimmungBusiness trotz Bügeln und Babypause

Von Nicole Graaf

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(Nicole Graaf)
Fest in Frauenhand: Drei Frauen in den Straßen von Guntur, einer Kleinstadt im Bundesstaat Andhra Pradesh. (Nicole Graaf)

Für indische Frauen bedeutet die Heirat oft das Ende ihrer beruflichen Karriere. Der Mann geht arbeiten, die Frau bleibt zu Hause – in den meisten Familien herrscht immer noch die klassische Rollenverteilung. Doch es gibt Ausnahmen.

Ob in einer kleineren Stadt oder in einer Metropole: Tagsüber sind die Gassen in indischen Wohnvierteln fest in Frauenhand, bis auf einen vereinzelten Händler oder Handwerker. Mancherorts sitzen die Hausfrauen zusammen vor der Türe auf einem Sims, unterhalten sich oder vertreiben sich ihre Zeit mit gemeinsamen Handarbeiten.

Nur 24 Prozent der Frauen haben bezahlte Jobs

Der Wohlstand in Indien ist in den letzten zehn, 20 Jahren gestiegen. Es hat sich inzwischen eine beachtliche Mittelschicht etabliert, gebildet und in vielerlei Hinsicht modern denkend. Auch auf die Situation von Frauen haben sich Modernisierung und mehr Wohlstand positiv ausgewirkt. Mehr Familien achten heute darauf, dass nicht nur ihre Söhne, sondern auch ihre Töchter eine gute Schulbildung bekommen. Jedoch ist es immer noch weit verbreitet, dass Frauen nach der Heirat nicht einem Beruf nachgehen, sondern zu Hause bleiben. Nur 24 Prozent der indischen Frauen haben bezahlte Jobs.

Jayanthi Rajagopal wohnt in einem dieser typischen Mittelklasse-Viertel im südindischen Bangalore, das über Indien hinaus für IT-Firmen und Start-Ups bekannt ist. Jayanthi sitzt in einem Café auf einem avantgardistischen lilafarbenen Sessel. Die 53-jährige trägt eine edle schimmernde grüne Bluse aus Rohseide auf einer khakifarbenen Hose. Die langen mit einigen Silberfäden durchzogenen Haare hat sie leger zu einem Pferdeschwanz gebunden. Um sie herum sitzen fast nur junge Leute zwischen 20 und 30. Manche arbeiten an einem Laptop. Andere sitzen in Grüppchen mit Freunden zusammen und schwatzen.  

Jayanthi Rajagopal sitzt lächelnd auf einem Sessel. (Nicole Graaf)"Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet zu heiraten", sagt Jayanthi Rajagopal. (Nicole Graaf)

Früher wäre es undenkbar gewesen, dass Jayanthi Rajagopal abends alleine ausgeht. Ihre Schwiegermutter wollte immer, dass sie zu Hause ist, sobald ihr Mann von der Arbeit kommt. Auch selbst arbeiten gehen war für sie lange undenkbar. Dabei hat sie einen Master in Business Adminstration. Doch erst mit etwa 40 Jahren konnte sie beginnen, eine Karriere für sich aufzubauen.

"Ich war überhaupt nicht darauf vorbereitet zu heiraten, aber ich hatte keine Wahl. Als diese Gelegenheit kam, sagten meine Eltern: "Wir wissen nicht, wann wir nochmal so eine Möglichkeit finden. Wir müssen dich verheiratet haben, bevor dein Vater in Rente geht".

"Ich war eigentlich sehr ehrgeizig"

Das war damals normal sagt Jayanthi - vor allem in ihrer Community. Ihre Familie gehört zur Kaste der Brahmanen aus dem südöstlichen Bundesstaat Tamil Nadu, die sehr konservativ eingestellt waren. Sie ist ein Einzelkind, was in ihrer Generation selten ist.

"Ich war eigentlich sehr ehrgeizig, ich wollte meinen Master abschließen, unabhängig sein, arbeiten, und meine Eltern versorgen. In meiner Klasse war ich die Beste und bei meinem Masterabschluss erhielt ich eine Goldmedaille."

Und fertig ist der Blütenkranz: Zwei Frauen in einem Hof vor ihrem Haus in Südindien. (Nicole Graaf)Und fertig ist der Blütenkranz: Zwei Frauen in einem Hof vor ihrem Haus in Südindien. (Nicole Graaf)

Für Jayanthi war es keine Frage, dass sie nach der Heirat weiter studieren, vielleicht ihren Doktor machen und dann arbeiten gehen würde. Während der Verhandlungen über die Eheschließung wurde das Thema jedoch nie angesprochen.

"Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass sie vielleicht nicht erlauben würden, dass ich arbeiten gehe. Ich war ziemlich naiv."

Sie fiel aus allen Wolken

Nach der Heirat ging sie zunächst zurück aufs College, um ihr Masterstudium zu beenden. Als dann die Sprache darauf kam, dass sie auch arbeiten wolle, fiel sie aus allen Wolken.

"Meine Schwiegermutter war die Herrin im Haus. Ich erwähnte, dass ich mir gerne einen Job suchen möchte. Sie sagte: 'In unserem Haushalt arbeiten Frauen nicht. Frauen sind wie die Achse an einem Rad, die das ganze Konstrukt zusammenhält. Wenn die Achse bricht, dann bricht das ganze System zusammen. Denn wenn eine Frau arbeitet und erst einmal finanziell unabhängig ist, dann wird sie arrogant und respektiert ihren Mann nicht mehr.' Tja, also, so lange jemand abhängig ist, hat man die Kontrolle über ihn, nicht wahr? Meine Welt brach zusammen. Doch ich war so erzogen worden, dass ich den Älteren in der Familie gehorchen muss, es stand außer Frage zu widersprechen. Also sagte ich 'ok'. Und ich arbeitete nicht."

Drei junge Inderinnen mit Smartphones. (dpa / EPA / Piyal Adhikary)Immer online: Drei junge Inderinnen in Kalkutta (dpa / EPA / Piyal Adhikary)

Selbst viele junge Leute befürworten, dass Frauen zu Hause bleiben. 2017 hat die Konrad-Adenauer-Stiftung zusammen mit dem indischen "Centre for the Study of Developing Societies" eine Studie zu den Ansichten junger Inder durchgeführt. Befragt wurden rund 6000 junge Leute zwischen 15 und 34 Jahren. Dabei wurde gefragt, ob sie folgender Aussage zustimmen würden: "Es ist nicht richtig, wenn Frauen nach der Heirat arbeiten gehen." 21 Prozent der Befragten stimmten dem vollkommen zu, 20 Prozent teilweise. Nur 36 Prozent der befragten Frauen, die verheiratet waren, gingen einem Beruf nach. Bei Männern waren es 88 Prozent. Selbst jene, die es eigentlich anders handhaben wollen, entkommen der Sogkraft vorherrschender gesellschaftlicher und familiärer Normen nur schwer.

Anu Daniel und ihre Tochter sitzen an einem Schreibtisch nebeneinander.  (Nicole Graaf)Anu Daniel und ihre Tochter in ihrem Büro: Aus der kurzen Babypause wurden 13 lange Jahre. (Nicole Graaf)

Anu Daniel hatte es eigentlich zur Vorbedingung gemacht, dass sie nach ihrer Heirat ihren Master abschließt und auch weiter arbeitet. Sie war damals 21 und hatte ihren Mann in ihrer Kirchgemeinde kennengelernt. Eine Liebesheirat, nicht arrangiert durch die Familie. Heute arbeitet die 35-Jährige in einer Jobvermittlungsagentur speziell für Frauen. Sie sitzt in einer Wabe in einem Großraumbüro, trägt eine schwarze Hose und ein schwarzweißes Hemd, die krausen Haare sind zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden. Um sie herum herrscht Gewusel.

Mitarbeiterinnen im Büro der Agentur "Jobs for her" (Nicole Graaf)Geballte Frauenpower: Anu Daniel arbeitet bei der Agentur "Jobs for her". (Nicole Graaf)

Rund 20 weitere Mitarbeiter tippen auf den Tasten ihrer Laptops oder laufen mit Papieren durch den Raum. Fast alle ihrer Kolleginnen sind Frauen und viele von ihnen haben nach einer längeren Pause wieder angefangen zu arbeiten. Anus  Schwiegerfamile hatte nichts dagegen, dass sie ihr Studium beendet und nebenbei arbeitet.

"Das war eines der Kriterien, auf die mein Vater bestanden hatte, als wir heirateten. Die Ehe meiner Schwester verlief nicht so glücklich. Ihr Mann war sehr besitzergreifend und wollte nie, dass sie arbeitet. Ich wollte selbst jemanden finden, damit er hoffentlich nichts dagegen hat, was immer ich tun will. Und zum Glück klappte das auch so, als ich meinen Mann kennenlernte. Er hatte nichts dagegen, dass ich arbeiten wollte."

"Ich war nicht mehr auf der Höhe der Zeit in meinem Beruf"

Nach ihrer Hochzeit machte sie ihren Masterabschluss und arbeitete nebenbei. Doch dann kamen die Kinder. Es sollte nur eine kurze Babypause sein, aber es wurden daraus 13 lange Jahre.

"Ich bekam mein erstes Kind und dann musste ich aufhören zu arbeiten, denn meine Schwiegereltern waren schon sehr alt und konnten nicht auf das Baby aufpassen. Ich wollte zwar in den Job zurückkehren, aber das war mit einem Kleinkind nicht möglich und bevor ich es merkte, waren zwei Jahre um. Und dann dachte ich, ok dann eben jetzt noch das zweite Kind und danach schaue ich nach einer Stelle. Doch dann wusste ich nicht, wie ich das anstellen sollte, ich war nicht mehr auf der Höhe der Zeit in meinem Beruf."

Anus inzwischen zwölfjährige Tochter sitzt brav neben ihr und macht Hausaufgaben, während sie aus einer Lunchbox nascht. Sie kommt an manchen Tagen nach der Schule hierher und wartet, bis ihre Mutter mit der Arbeit fertig ist und sie zusammen nach Hause gehen können. Die Firma, bei der Anu arbeitet, handhabt das zu ihrem Glück sehr flexibel.

In indischen Wohnvierteln - wie hier in einer Kleinstadt im Süden Indiens -  dominieren tagsüber Frauen das Straßenbild. Zwei Frauen in einer Straße in Südindien. (Nicole Graaf)In indischen Wohnvierteln - wie hier in einer Kleinstadt im Süden Indiens - dominieren tagsüber Frauen das Straßenbild. (Nicole Graaf)

Die Familie ist in Indien extrem wichtig, sie kommt vor allem anderen. Und es sind fast immer die Frauen, die dafür zurückstecken. Wenn die älteren Familienmitglieder Hilfe brauchen oder wenn Kinder da sind, sind fast immer sie es, die zu Hause bleiben. Weltweit ist Indien da keine Ausnahme. Doch der Druck familiärer und häuslicher Verpflichtungen ist hier größer. Auch wenn sie arbeiten gehen, wird von den Frauen erwartet, dass sie zusätzlich die Hausarbeit erledigen und das Essen kochen.

Und dann ist da noch die fehlende Kinderbetreuung, die es Frauen erschwert, nach einer Babypause rasch wieder arbeiten zu gehen. Immerhin hat die Regierung 2017 ein neues Gesetz verabschiedet, das bezahlten Mutterschaftsurlaub über 26 Wochen garantiert und Firmen ab 30 weiblicher Angestellten dazu verpflichtet, Kinderbetreuung zu organisieren. Ein guter Ansatz mit Haken, denn die Verpflichtungen machen es für Firmen teurer, Frauen einzustellen, was dazu führen kann, dass bei Neueinstellungen Männer bevorzugt werden.

Außerdem kommt die Regelung nur Frauen in formalen Arbeitsverhältnissen zugute. Rund 90 Prozent der arbeitenden Frauen, sind jedoch im informellen Bereich beschäftigt, zum Beispiel als Freelancer von zu Hause aus oder als Haushaltshilfe.

"Mir war zu Hause so langweilig"

Bei den  gut ausgebildeten Frauen, die zu Hause bleiben, kommt oft Langeweile auf, wenn sie sich auf Haushalt, Kinder und Treffen mit anderen Hausfrauen beschränken müssen. Für Jayanthi Rajagopal, die Frau mit der Goldmedaille, deren Schwiegermutter sie nicht arbeiten ließ, flossen die Jahre nur so dahin.

"Wir zogen um und ich war nur zu Hause. Mir war so langweilig. Den ganzen Tag wartete ich nur darauf, dass mein Mann am Abend nach Hause kommen würde. Drei Jahre nach meiner Hochzeit kam meine Tochter zur Welt. Ab da war ich wenigstens beschäftigt. Ich bin ein sehr sozialer Mensch. Ich wollte Leute treffen und ich brauchte etwas zu tun. Also schnappte ich mir meine Tochter, besuchte Bekannte zu Hause und versuchte Freunde zu finden, denn den ganzen Tag saß ich nur bei meinen Schwiegereltern, machte die Hausarbeit, kochte und hatte sonst nichts zu tun. Ich war ja erst 24."
Anu Daniel und zwei Kollegen teilen ihr Mittagessen. (Nicole Graaf)"Ich hatte gar kein Selbstvertrauen mehr", sagt Anu Daniel. (Nicole Graaf)

Auch Anu Daniel war nach der Geburt ihrer Kinder ziemlich frustriert. Heute lächelt sie darüber, denn sie fühlt sich in ihrem Job inzwischen sehr wohl. An das Leben mit Kind, Fernsehen und Haushalt denkt sie nicht besonders gerne zurück.

"Ich kam da in so eine komische Stimmung, fühlte mich down. Ich hatte gar kein Selbstvertrauen mehr. Ich wusste ja, dass ich eine Pause machen musste, denn ich fühlte mich nicht wohl dabei, mein Kind einem fremden Babysitter anzuvertrauen, und in meiner Familie gab es niemanden, der einspringen konnte. Aber mir war nicht klar, wie lange diese Pause dauern würde. Ich putzte und machte die Wäsche, aber meine Schwiegereltern mochten meine Kochkünste nicht. Daher hatte ich viel freie Zeit. Ich wurde süchtig nach Fernsehen. Jeden Tag brachte ich meine Kinder zur Schule und holte sie wieder ab. Manchmal sagte mein Mann: "Ah du machst ja nichts den ganzen Tag zu Hause". Das machte mich sauer. Wenn es mir zu viel wurde, sagte ich: "Ich bleibe ja nur wegen deiner Eltern zu Hause. Ich hatte mir mein Leben auch anders vorgestellt."

Immer den Mann nach Geld fragen müssen

Ihr größter Frustfaktor bestand darin, kein eigenes Geld zu haben und immer ihren Mann fragen zu müssen, sagt Anu Daniel und zieht die Augenbrauen hoch.  Es gab zwar kein Vertrauensproblem mit ihrem Mann, aber er wollte dennoch wissen, was sie wofür ausgab.

"Als ich gearbeitet habe, habe ich einiges investiert und gespart, aber nach drei Jahren war das aufgebraucht. Immer wenn ich einkaufen ging oder meine Kinder irgendetwas haben wollten, musste ich rechnen. Mein Mann gab mir zwar eine Kreditkarte, aber ich musste immer Rechenschaft ablegen, was ich ausgegeben hatte. Das sind die blödesten Dinge: Ich möchte meiner Schwester ein Geschenk kaufen, oder ich brauche 200, 300 Rupien zum Tanken. Die blödesten Kleinigkeiten, aber ich musste es immer abrechnen und erklären. Das setzte mir zu. Ich denke, mein Mann war sich auch nicht so bewusst, dass er mich das immer fragte. Manchmal hatte er auch gerade kein Bargeld und sagte, ich gebe es dir heute Abend. Dann wartet man den ganzen Tag und manchmal vergisst er es. Dann muss ich ihn wieder erinnern."

Vielleicht etwas Kreatives?

Manche der Frauen, die für die Familie ihren Job aufgegeben haben, versuchen von zu Hause aus zu arbeiten, auf freiberuflicher Basis oder sie gründen ein eigenes Geschäft, oft etwas Kreatives, aber das funktioniere nicht immer, erzählt Anu:

"Bastelarbeiten gefielen mir. Erst versuchte ich es mit Origami. Ich machte ein paar Sachen zu Hause, keine großartigen Dinge, aber ich versuchte, sie meinen Freunden zu verkaufen. Dann versuchte ich es mit Papierlampen, mein Mann half mir und wir verkauften das in der Kirchengemeinde für einen guten Zweck. Am Ende ist das Problem: wenn es nicht so läuft, dann stresst man sich, warum es denn keiner kauft. Mein Mann kam aus einer Familie von Geschäftsleuten. Für ihn war es einfach zu sagen: Ok, das hat nicht geklappt, versuchen wir etwas anderes. Aber wenn man sein ganzes Herzblut da hineinsteckt..."

Amrita Gowthama in einem Café neben Ihrem Büro in Bangalore. (Nicole Graaf)"Ich musste klein anfangen", erzählt Amrita Gowthama. (Nicole Graaf)

Auch für Amrita Gowthama lief das Arbeiten von zu Hause aus nicht gut. Sie hat darum gebeten, ihren Namen zu ändern. Ihr Mann würde es nicht gutheißen, wenn sie öffentlich im Radio über ihre privaten Verhältnisse spricht, sagt sie.

"Manchmal arbeitete ich von zu Hause aus, nur um etwas zu tun zu haben. So etwas wie Content-Writing oder Korrektur, aber die Bezahlung ist sehr gering. Das Honorar ist ja schon eine Motivation. Und es gibt auch viele unlautere Angebote. Ein paarmal habe ich Aufträge übernommen für eine Woche oder zehn Tage und am Ende bin ich nicht bezahlt worden."

Amrita ist ein karriereorientiertes Energiebündel

Amrita ist ein Energiebündel. Still zu Hause sitzen ist überhaupt nicht ihr Ding. Um die Mittagszeit sitzt sie in einem Café im Osten Bangalores. Nur eine knappe Stunde habe sie Zeit, sagt sie, dann müsse sie wieder hoch in ihr Büro, gleich nebenan, noch schnell die restliche Arbeit erledigen und dann kommt ihre Sohn aus der Schule. Sie hatte nach ihrer Heirat, als ihr Sohn unterwegs war, ihren Job aufgegeben. Ihr Mann hatte zwar explizit nach einer Frau gesucht, die auch berufstätig war. Gowthama ist Telekommunikationsingenieurin, ein sehr spezifisches Arbeitsfeld. Sie war sehr karriereorientiert und arbeitete im Schichtdienst, aber das gefiel ihrem Mann dann doch nicht.

"Während des ersten Jahres unserer Ehe haben wir uns kaum gesehen. Ich arbeitete nachmittags oder abends und wenn ich nach Hause kam, schlief er schon. In einer arrangierten Ehe muss man den Partner erst einmal kennenlernen, mental, emotional, auf jede Weise. Gerade die erste Zeit ist dafür am wichtigsten. Deshalb beschlossen wir gemeinsam, dass ich eine Pause mache, um ihn besser zu verstehen und um eine Familienplanung zu machen. Er motivierte mich, Kurse zu belegen, die gut waren für meinen Lebenslauf, sobald ich wieder anfangen würde. Aber vieles kam dazwischen, das Kind, ein neues Haus, eine Krankheit der Schwiegereltern und all diese Dinge."

"Wenn ich das schaffe, dann schaffe ich alles"

Nach neun Jahren Pause schaffte es Gowthama mit Hilfe von "Jobs for her", der Agentur bei der auch Anu Daniel arbeitet, wieder ins Berufsleben zurückzukehren, aber sie musste klein anfangen, erzählt sie. Sie arbeitet nun halbtags bei einer kleinen IT-Firma im Kundenservice, obwohl sie eigentlich hoch qualifiziert ist und größere Ambitionen hätte.

"Mein Mann wollte, dass ich einen Job bei einer großen Firma finde, wie vorher. Aber wer gibt mir denn nach neun Jahren einfach so einen Job. Man muss sich erst wieder beweisen. Ich suchte mir also erstmal eine Halbtagsstelle mit flexiblen Arbeitszeiten, auch wenn sie weniger zahlen. Ich muss erst mal schauen, wie ich das schaffe und auch, ob ich das durchhalte. Dadurch qualifiziere ich mich dann wieder für einen Vollzeitjob in einer großen Firma. Sie wissen dann, wenn ich das schaffe, dann schaffe ich alles."

Inzwischen gibt es in Indien mehrere Vermittlungsagenturen nur für Frauen. Sie vermitteln Jobs und versuchen Firmen davon zu überzeugen, Frauen einzustellen, auch solche, die schon eine Weile aus dem Job raus sind.

Frauen bei einem Workshop im Büro von "Jobs for her" (Nicole Graaf)Im Büro von "Jobs for her": Bei den Workshops hier gewinnen die Klientinnen neues Selbstvertrauen. (Nicole Graaf)

Im Büro von "Jobs for her" sitzen rund ein Dutzend Frauen zwischen Anfang 20 und Mitte 40 auf niedrigen Sofas in einem Raum, der mit einer Glasscheibe von dem Großraumbüro abgetrennt ist. Viele haben einen Laptop auf den Knien. Der Dozent, ein großer beleibter Mann circa Ende 30 mit Schnauzbart und gestreiftem T-Shirt leitet sie an, eine geschäftliche E-Mail zu verfassen. Die Teilnehmerinnen arbeiten in Zweiergruppen und beraten sich, wie sie die Mail am besten formulieren. Bei manchen geht das ganz schnell, andere haben auch nach zehn Minuten kaum den ersten Satz getippt.

Den meisten hier geht es wie Jayanthi, Anu und Amrita. Sie haben geheiratet, Kinder bekommen und sind seit fünf oder zehn Jahren oder noch länger raus aus ihrem Beruf. Die Geschäftsgepflogenheiten haben sich geändert, selbst E-Mails haben heute einen anderen Stil, es gibt neue Fachbegriffe in jeder Branche. So kann es bei manchen, die zu lange aus dem Job raus sind bereits für große Verunsicherung sorgen, eine geschäftliche Mail schreiben zu müssen.

Der Kampf, studieren zu dürfen

Trainings wie diese helfen ihnen, sich auf den neuesten Stand zu bringen und auch, sich mit anderen Wiedereinsteigerinnen auszutauschen. Sagt Kaajal Ahuja, die mit langen offenen Haaren und buntem Halstuch durch das Großraumbüro wirbelt. Sie ist bei "Jobs for her" für die Kommunikation und die Website zuständig. Und trotz ihres resoluten Auftretens: Auch sie ist eine Wiedereinsteigerin, nach 13 Jahren Haushalt und Kindererziehung. Ihre Geschichte ähnelt der von Jayanthi Rajagopal: Auch sie stammt aus einer sehr konservativen Community, den Sindhis aus dem Nordwesten Indiens. Die heute 40-Jährige musste darum kämpfen, überhaupt ihr Studium abschließen zu können.

"Heute ist das zwar anders, aber damals hatte man noch nie gehört, dass eine Schwiegertochter arbeiten geht. Arbeiten war höchstens etwas, das Mädchen nach dem College machten, wenn sie sich für ein, zwei Jahre ausprobieren wollen. Ich war aber erst 17, als ich heiratete."

Auch bei ihr dauerte es viele Jahre, bis sie endlich anfangen konnte zu arbeiten. Kaajal beschreibt, dass die meisten Frauen mit ähnlichen Schwierigkeiten kämpfen, wenn sie versuchen in die Arbeitswelt zurückzukehren.

"Viele denken: 'Das schaffen wir nicht, unsere Welt besteht nur aus Familie, den Kindern, vielleicht dem Schulumfeld der Kinder.' Für sie spielen arbeitende Frauen in einer anderen Liga."

Das Foto zeigt eine lange Reihe von Frauen in Kerala/Indien. Sie nehmen an einer Kundgebung für Gleichberechtigung teil. (imago stock&people)Demonstration im indischen Kerala. Die Frauen nehmen an einer Kundgebung für Gleichberechtigung teil. (imago stock&people)

Immer in Kontakt mit den Kollegen bleiben

Deshalb bietet "Jobs for her" ihnen nicht nur Training an, um Fähigkeiten wieder aufzufrischen oder neue zu erlernen. Was noch viel wichtiger ist, ist das Selbstwertgefühl wieder herzustellen, sagt Kaajal, die Frau mit dem modisch-rustikalen Punjabi-Hosenanzug:

"Selbstbewusstsein ist ständig ein Thema. Frauen, die eine Jobpause gemacht haben, haben vielleicht  Angst in einem Arbeitsumfeld, etwas Falsches zu sagen. Sie ziehen ihre Fähigkeiten in Zweifel und sind nicht sicher, ob sie noch das leisten können, was Firmen von ihnen erwarten. Solche Ängste lassen sie dann in der Isolation verharren. Wir sagen unseren Frauen immer, wenn sie eine Karrierepause planen: 'Findet Wege, wie ihr auf dem neuesten Stand bleibt, bleibt in Kontakt mit euren früheren Kollegen, oder vernetzt euch über Karriereplattformen im Internet.' Dann steht man nach der Rückkehr nicht so völlig vor einer weißen Wand, sondern weiß, was in der Branche los ist, zumindest allgemein."

"Ich kenne Frauen, die leicht wieder einen Job gefunden haben, weil sie eben mit Kollegen in Kontakt geblieben sind. Oder sie machen Kurse, um nicht einzurosten, geben ihrem Gehirn Futter. Bei solchen Kursen treffen sie andere Leute, können netzwerken und auf dem Laufenden bleiben."

Eine glücklichere Mutter bewirkt ein glücklicheres Umfeld

Kaajal sagt auch, die Erfüllung, die Frauen darin fänden, wieder arbeiten zu gehen, wirke sich auch positiv auf ihre ganze Familie aus.

"Sie werden einfach zufriedenere Menschen und wenn der Mann und die Kinder verstehen, dass Mama arbeiten muss, damit es ihr gut geht, dann wissen sie: Wir müssen ihr helfen. So ändert sich die ganze Dynamik zu Hause. Sie werden dann mithelfen im Haus, so dass das klappt. Eine glücklichere Mutter bewirkt auch ein glücklicheres Umfeld."

Amrita Gowthama stimmt dem vollkommen zu. Ihr Sohn ist inzwischen von der Schule gekommen und setzt sich mit seinem Schulheft und einem Kakao neben seine Mutter, während sie weitererzählt. Wenn es nach ihr geht, sollten sich die Verhältnisse in der nächsten Generation ändern, und das versucht sie, ihrem Sohn zu vermitteln.

"Ich habe angefangen, meinem Sohn beizubringen was seine Pflichten sind: Egal, wie spät du vom Spielen zurückkommt, diese Dinge musst du erledigen: Zum Beispiel seine Wäsche falten und in den Schrank legen, seine Kleidung für den nächsten Tag rauslegen oder in der Küche den Abwasch zurück in den Schrank zu stellen. Er hilft mir mit diesen Dingen. Wenn er mal heiratet, dann will ich, dass er seine Frau emotional unterstützt und natürlich die Hausarbeit teilt."

Jayanthi Rajagopal sieht das ähnlich. Wenn sie vor dem Hintergrund ihrer eigenen Geschichte an ihre Tochter denkt, muss sie lachen. Es ist ihr völlig klar, dass die sich nicht mehr den Traditionen unterwerfen, heiraten und danach zu Hause bleiben wird.

"Mein Sohn ist 25 und meine Tochter 29. Beide sind weit davon entfernt, zu heiraten. Wir sind da weit vorangekommen, vor allem in Südindien. Meine Generation, wir sind ziemlich progressive Eltern. Ich und alle meine Freunde: Wir haben unseren Kindern so viel Freiheit gegeben, um sich zu verwirklichen. Meine Tochter ist Dokumentarfilmerin, sie macht Filme über Wildtiere. Ihre Karriere ist ihr viel wichtiger als zu heiraten."

Mehr zum Thema

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(Deutschlandfunk, Hintergrund, 16.01.2014)

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(Deutschlandfunk Kultur, Thema, 10.01.2013)

Wohin steuert Indien? - Der hindu-industrielle Komplex
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