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Literatur | Beitrag vom 19.07.2020

Frauen in der Weimarer RepublikGegen die Norm

Christina von Braun und Aris Fioretos im Gespräch mit Dorothea Westphal

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Signierte Postkarte mit einem Foto von von Melli Beese (1886-1925) in einem Flugzeug sitzend mit dem Hinweis "Frl. Beese auf Rumpler-Taube" (picture alliance / Bernd Oertwig/SCHROEWIG)
Postkarte mit einem Foto von Melli Beese, Deutschlands erster Pilotin, die in Aris Fioretos Roman "Nelly B.s Herz" literarische Gestalt annimmt. (picture alliance / Bernd Oertwig/SCHROEWIG)

Zwei starke Frauen: Die erste Pilotin Deutschlands steckt hinter der Hauptfigur im Roman "Nelly B's Herz" von Aris Fioretos. Christina von Braun geht im Buch „Stille Post“ dem Leben ihrer Großmutter nach, die in der Weimarer Republik Karriere machte.

Nelly B. ist Deutschlands erster Pilotin Mellie Beese nachempfunden. Sie hat "Kohlensäure im Blut", heißt es im Buch "Nelly B.s Herz" von Aris Fioretos. Ihr ist das Fliegen wichtiger als das Leben - bis ihr der Arzt wegen einer Herzkrankheit das Fliegen endgültig verbietet. Ein biografischer Roman ist "Nelly B.s Herz" dennoch nicht. Die Leerstellen in Melli Beeses kurzem Leben hat Aris Fioretos imaginativ gefüllt. So beschließt sie, "ein Leben zu führen, von dem ich nicht wusste, wie es sein mochte" - und verliebt sich in eine Frau, die in der Werbebranche arbeitet.

Das neue Selbstbewusstswein der Frauen in der Weimarer Republik hat auch die Kulturwissenschaflterin und Gendertheoretikerin Christina von Braun untersucht. In ihrem Buch "Stille Post" geht sie dem Leben ihrer Großmutter nach. Sie starb 1944 - also während der Nazizeit - im Gefängnis, da sie im Widerstand engagiert war.

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Auch Christina von Braun musste Leerstellen füllen, denn in der Familie wurde wenig über diese Großmutter gesprochen. Da deren Mann im ersten Weltkrieg gefallen war, hatte sie allein zwei Kinder zu versorgen. Mit einer genialen Geschäftsidee machte sie Karriere und engagierte sich außerdem für Frauenfragen und -rechte.

Großmutter mit Vorbildcharakter

"Diese Großmutter war ein wenig der schwarze Fleck in unserer Familie," sagt Christina von Braun. "Und als meine Mutter starb, sagte ich mir: "Jetzt will ich mehr über diese Großmutter wissen" und habe angefangen, zu recherchieren und dann doch sehr Interessantes gefunden, was ihr Leben betrifft", erzählt sie.

"Wie sie sich als junge Frau und Kriegswitwe alleine durchgeschlagen hat und einen wirklich beeindruckenden Weg gemacht hat. Insofern hatte sie fast Vorbildcharakter. Und was ich eben auch bemerkte, ist, dass sie sich mit vielen der Themen, mit denen ich mich heute beschäftige, auch schon beschäftigt hat."

Mellie Beese als literarische Gestalt

Aris Fioretos stieß schon in den 90er-Jahren auf Mellie Beese. Doch erst vor vier, fünf Jahren kam er wieder darauf zurück. Wie auch schon in anderen Romanen - beispielsweise in "Mary" über die Studentenproteste Anfang der 70er-Jahre gegen die Militärjunta in Griechenland -, verknüpft er historische Fakten mit literarischer Fantasie. Interessiert haben ihn dabei gerade die Leerstellen in Mellie Beeses Leben.

"Im Fall von Mellie Beese ist es ja so, dass sie sich 1923 nach etlichen Schicksalsschlägen von ihrem Mann getrennt hat und noch weitere zwei Jahre in Berlin gelebt hat und dann ist sie gestorben", sagt Fioretos.

"Über diese beiden Jahre weiß man praktisch nichts. Und ich dachte, das ist vielleicht die Zeit, in der du dein Buch spielen lassen kannst. Und ein paar Häärchen aus dem realen Leben der Figur, auch die enthalten so viel DNA, die ausreichen, um daraus eine richtige literarische Gestalt zu machen, die allerdings sehr wenig mit der realen Person zu tun hat."

Fiktive Briefe an die Großmutter

Christina von Braun schreibt in ihrem Buch "Stille Post" auch fiktive Briefe an eben jene Großmutter, die sie selbst nicht mehr kennengelernt hat. Diese Briefe reflektieren ihre Gedanken bei der Recherche. Ob das Bild, das letztlich dabei herausgekommen ist, nicht auch eine Fiktion sei, diese Frage müsse offen bleiben, erklärt sie.

"Ich musste meine Wunschprojektion auf diese Großmutter ausfüllen. Ich glaube, vieles stimmte und traf wirklich auf ihre Biografie zu, aber vieles weiß man einfach nicht. Ihre Priorität waren politische Fragen, aber eben auch Frauenrechte. Es gab ja ganz viele Frauen in ihrer Situation damals, alleinstehend mit kleinen Kindern. Wie kann ich diesen Frauen helfen, sich so durchzuschlagen, wie sie es selbst getan hatte."

Chancen durch das Wahlrecht für Frauen

Die eine Frau Pilotin, die andere Unternehmerin. Beide geborem im 19. Jahrhundert und beide nutzten die Chancen und Freiheiten, die sich ihnen mit dem Wahlrecht für Frauen boten. Auch wenn Mellie Beese noch nach Stockholm gehen musste, um Bildhauerei zu studieren, so konnte sie doch später in Deutschland Flugzeugtechnik studieren und - wenn auch gegen den massiven Widerstand ihrer Kollegen - ihren Pilotenschein erwerben.

Wie es zu dem rasanten Wandel innerhalb weniger Jahrzehnte kam, auch darüber hat sich Christina von Braun Gedanken gemacht. So habe unter anderem die Zeugungsforschung viel zu einem anderen Verständnis der Geschlechter und zum Hinterfragen der patriarchalen Ordnung beigetragen. Plötzlich war klar, dass nicht nur männliche, sondern auch weibliche Gene in der Eizelle zusammenkommen. Mit dieser Entdeckung wurden Frauen auch geistige Eigenschaften zugestanden.

Ein neuer Frauentypus

Nelly B. und auch Christina von Brauns Großmutter entsprachen einem neuen Frauentypus im Berlin der 20er-Jahre, der aufkam, nachdem das Wahlrecht für Frauen 1918 die Geschlechterrollen ins Wanken gebracht hatte. Viele Frauen profitierten davon. Sie kamen aus dem Umland nach Berlin, um hier ihr Glück zu machen.

Auch die Werbung entdeckte sie als Zielgruppe. Aris Fioretos interessierte sich dabei weniger für die goldenen 20er-Jahre als für das Alltagsleben am Beispiel von Nelly B. und der Frau, in die sie sich verliebt. Um dieses Alltagsleben beschreiben zu können, hat Aris Fioretos genau recherchiert.

"Mich interessieren die vielen kleinen Geschichten, die meistens das Leben der Menschen ausmachen. Und diese zu finden und in Beziehung zu der großen Geschichte zu setzen, das ist, glaube ich, eine große Aufgabe", erzählt er. Und: Dass man ein Trüffelschwein sein müsse, wenn man Wert auf korrekte Details lege.

Dass er für seinen Roman "Nelly B.s Herz" wieder einmal die Perspektive einer Frau gewählt hat, erklärt der Autor so: "Es fühlt sich spannender an, Erfahrungen zu schildern, die man selbst nicht machen kann. Ich glaube, in meinem Fall hat das auch damit zu tun, dass ich der festen Überzeugung bin, dass Literatur Empathie ist."

Familiär übertragene Botschaften

Christina von Brauns Buch über ihre Großmutter und im zweiten Teil auch über ihre Mutter hat den Titel "Stille Post". Sie habe damit die Art und Weise gemeint, auf die sich Botschaften oft sogar ohne Worte jahrhundertelang von der Mutter auf die Tochter übertragen haben.

Frauen seien immer wieder aus der Geschichtsschreibung herausgefallen. Und doch seien Fortschritte gemacht worden. "Ich habe den Eindruck, dass Frauen aus den beiden Katastrophen des 20. Jahrhunderts, den beiden Weltkriegen, gestärkt hervorgegangen sind, mit dem Wahlrecht und der Gleichberechtigung im Grundgesetz." Ob das auch für die Coronakrise gelte, sei noch nicht absehbar.

(dw)

Christina von Braun: Stille Post. Eine andere Familiengeschichte
Propyläen, Berlin (überarbeitete und ergänzte Auflage) 2020
332 S., 26 Euro

Aris Fioretos: Nelly B.'s Herz
Hanser, München 2020
496 S., 24 Euro

"Literatur trifft Wissenschaft" heißt die Veranstaltungsreihe des Literaturhauses Berlin in Kooperation mit Deutschlandfunk Kultur. Unter dem Titel "Gegen die Norm: Frauen in der Weimarer Republik" trafen die Kulturwissenschaftlerin und Genderforscherin Christina von Braun und der schwedische Schriftsteller Aris Fioretos aufeinander. Eine kürzere Version wurde in der Sendung Zeitfragen am 10. Juli diesen Jahres gesendet.

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