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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 14.01.2019

Frauen in AfghanistanWeit entfernt von Gleichberechtigung

Laila Noor im Gespräch mit Andre Zantow

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Frauen, die 2014 bei der Präsidentschaftswahl in Afghanistan ihre Stimme abgeben. Unter Taliban-Herrschaft undenkbar. Sie zeigen das Victory-Zeichen. (picture alliance / dpa / S. Sabawoon)
Frauen, die 2014 bei der Präsidentschaftswahl in Afghanistan ihre Stimme abgeben. Unter Taliban-Herrschaft undenkbar. (picture alliance / dpa / S. Sabawoon)

Noch immer sind rund 60 Prozent der erwachsenen Afghanen Analphabeten. Besonders Frauen haben viel nachzuholen. Genug Geld sei da, aber die Regierung agiere korrupt und tue zu wenig, kritisiert Laila Noor. Sie hilft Frauen und Kindern in Afghanistan.

Zantow: Rund die Hälfte der 34 Millionen afghanischen Bevölkerung hat seit dem Einmarsch der internationalen Koalition  2001 massiv profitiert: Was sich für Frauen getan hat und was noch fehlt, darüber soll uns jetzt Laila Noor vom deutschen Verein "Independent Afghan Women Association" in Bremen mehr erzählen. Hallo.

Laila Noor: Hallo Herr Zantow.

Zantow: Sie wurden in der afghanischen Hauptstadt Kabul geboren – 1949 als Tochter des Oberbürgermeisters –, sind  später zum Studium nach Deutschland gekommen, anschließend wieder zurück nach Afghanistan und mussten wegen des Einmarschs der sowjetischen Armee 1979 flüchten. Seit dem Sturz der Taliban 2001, was hat sich für Frauen verändert in Afghanistan?

Noor: 2002 bin ich das erste Mal wieder nach Afghanistan gereist, wegen unseren Schulprojekten, und da war ich natürlich sehr, sehr schockiert. Das war nach der Taliban-Herrschaft. Die tragische Entwicklung des Landes hat mich sehr mitgenommen. Es waren kaum Frauen auf der Straße zu sehen. Wenn überhaupt, dann waren die verschleiert mit Burka. Da ich jedes Jahr zweimal wegen unserer Schulen nach Afghanistan fliege, bin ich auch eine Zeugin dieser Entwicklung in den vergangenen 16 Jahren. Jedes Jahr gehen mehr Mädchen zur Schule, zur Universität und ohne Schleier auf die Straße. Die Frauen sind selbstbewusster. Frauen arbeiten in vielen Behörden und Ministerien, einige Frauen sind auch im Parlament vertreten. Und Frauen wurden auch als Ministerin eingesetzt. Man darf aber auch nicht vergessen, dass sich großartige Frauen während der Taliban-Herrschaft für die Bildung von Mädchen eingesetzt haben. Heimlich haben sie zuhause Mädchen unterrichtet und sind damit ein großes Risiko eingegangen.

"Fast vier Millionen Kinder ohne Bildungszugang"

Zantow: Trotzdem bleibt Bildung ein zentrales Thema. Die Rate der Analphabeten ist schon gesunken, aber noch bei rund 60 Prozent. Und Frauen müssen da noch mehr aufholen. Wie kann das gelingen und was tun Sie dafür?

Noor: Natürlich, der Nachholbedarf ist groß. Es fehlen fast 2000 Schulen und fast vier Millionen Kinder haben keinen Zugang zu Bildung. Die Regierung muss hier große Leistungen vollbringen. Wir mit unserem kleinen Verein haben vor 16 Jahren angefangen und die erste Schule gegründet für 500 Mädchen und Jungs. Heute sprechen wir von 14.000 Schülerinnen und Schülern. Wir arbeiten im Verein alle ehrenamtlich und haben es geschafft, mehr als zehn Schulgebäude zu bauen. Man sieht, wenn der Wille da ist, kann man auch viel machen. Leider ist die Regierung korrupt. Geld genug ist eingeflossen. Man hätte viel mehr machen können. Es lag aber auch am Erziehungsministerium oder am System überhaupt, dass es leider noch immer zu wenig Schulen gibt."

Zantow: Wer bereitet Ihnen mehr Sorgen – die korrupte Regierung oder die schlechte Sicherheitslage – damit es Fortschritte gibt in Afghanistan?

Noor: Beides. Die Stabilität ist nicht vorhanden. Die Sicherheit ist nicht da. Wir brauchen Frieden im ganzen Land. Und auch die Herstellung der sozialen und gesellschaftlichen Infrastrukturen. Und vor allem die Bekämpfung der Korruption und des Drogenhandels. Wenn sich die Taliban mit Regierungsleuten bekämpfen, leiden wir darunter, die zivile Bevölkerung. Das ist meine ganz große Sorge. Und wie Sie wissen: Die Attentate haben stark zugenommen, besonders nach 2016. Das ist nicht nur meine Sorge, sondern von der gesamten afghanischen Bevölkerung. Sie lebt in einer Unsicherheit und großer Sorge.

"Ich sehe kaum Chancen für Kandidatinnen"

Zantow: In dieser Sorge wählen die Menschen in Afghanistan im Juli ihren Präsidenten neu. Welche Rolle spielen hier Frauen, sowohl auf der Seite der Wählerinnen als auch auf der Kandidatenseite?

Noor: Sei wissen, dass es für Frauen immer sehr schwierig ist. Es gibt natürlich verschiedene mutige Frauen, die sich auch zur Wahl gestellt haben, aber ich sehe leider kaum Chancen für sie. Meine große Sorge ist zurzeit, dass auch Verbrecher wie Gulbuddin Hekmatyar, auf dessen Kopf die US-Amerikaner damals fast 20 Millionen ausgesetzt hatten, seit drei Jahren nun mit der Regierung zusammen arbeiten darf. Seitdem hat auch die Zahl der Attentate zugenommen. Hekmatyar hat sich auch als Kandidat dargestellt. Also, wenn man da einige Namen liest, wird einem schon angst und bange.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und die afghanische Politikerin Schukria Barakzai machen 2015 ein Selfie. (dpa/Wolfgang Kumm)Bundeskanzlerin Angela Merkel und die afghanische Politikerin Schukria Barakzai machen 2015 ein Selfie. (dpa/Wolfgang Kumm)

Zantow: Wenn Sie auf die Zukunft von Frauen blicken in Afghanistan, was glauben Sie, wieviele Jahre braucht es noch, damit Gleichberechtigung und Ermächtigung Realität geworden ist?

Noor: Von Gleichberechtigung sind wir sehr, sehr weit entfernt. Das ist ein sehr langer Prozess. Bevor das geschieht, müssen noch viele andere Sachen passieren: Sicherheit, Bildung, Rolle der Frau anders gestalten. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Es gibt großartige Frauen, die alle engagiert sind, die trotzdem viel Mut haben. Aber das ist ein ganz langer Weg.

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