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Lesart / Archiv | Beitrag vom 29.01.2019

Franzobels Österreich-DystopieEin Roman über das Leben vor der Diktatur

Franzobel im Gespräch mit Frank Meyer

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Susanne Thier, Bundeskanzler Sebastian Kurz und Autorin Waris Dirie auf dem Wiener Opernball 2018. (picture alliance/APA/picturedesk.com)
Österreichs aktuelle Regierung - hier vertreten durch Kanzler Sebastian Kurz - habe ihn mit sehr viel Material für seinen Krimi "gefüttert", sagt Autor Franzobel. (picture alliance/APA/picturedesk.com)

Im Krimi "Rechtswalzer" wird das künftige Österreich von einer rechtsextremen Partei autoritär regiert. Sie bestraft "Volksschädlinge", schließt Moscheen. Überraschenderweise war die Zukunftsvision "nahe an der Wirklichkeit dran", sagt Autor Franzobel.

Frank Meyer: Jetzt schauen wir nach Österreich. Österreich wird von einer neuen Partei regiert, Limes nennt sich diese Partei, wie der römische Grenzwall. Limes ist die Partei des wahren Sozialismus, das sagen jedenfalls die Limes-Führer, ist eine Partei, die vor allem gegen den Islam vorgeht, die Moscheen schließt, die sogenannte Volksschädlinge bestraft, die Bürgerwehren mit Gummiknüppeln auf die Straßen schickt und überhaupt aus Österreich einen stramm autoritären Staat macht.

Dieses Österreich ist gar nicht so weit weg. Nur fünf Jahre in der Zukunft in dem Kriminalroman "Rechtswalzer" des Wiener Autors Franzobel. Der hat schon andere Krimis geschrieben. Vor zwei Jahren war sein Roman "Das Floß der Medusa" viel im Gespräch. Und jetzt ist Franzobel in Wien für uns im Studio. Also guten Tag nach Wien!

Franzobel: Ja, schönen guten Tag!

Meyer: Wie war das denn für Sie, sich so ein stramm rechtsnational durchregiertes Österreich vorzustellen, wie Sie das tun in Ihrem Roman? War das jetzt belastend, oder war es eher eine Lust – jetzt zeige ich euch mal, wohin all das führen könnte, was ja heute schon in Ansätzen passiert?

Franzobel: Überraschenderweise war es ja nahe an der Wirklichkeit dran. Ich habe es zwar in die Zukunft verlegt, bin aber oft gar nicht nachgekommen mit dem Nachsehen an Nachrichten, die meine Fantasie bereits wiederholt haben, weil Österreich natürlich jetzt schon eine rechte Regierung hat und auch irgendwo auf dem Weg ist, noch rechter zu werden. Zum Beispiel der Innenminister hat vor ein paar Tagen gesagt, das Recht hat sich nach der Politik zu richten und nicht mehr umgekehrt. Also nicht mehr die Politik nach dem Recht, sondern das Recht nach der Politik.

Und solche Dinge passieren in Österreich seit mindestens einem Jahr eigentlich ständig, und insofern bin ich in meiner Vorstellung dieses dystopischen Zukunftsszenarios von der Wirklichkeit eigentlich mit sehr viel Material gefüttert worden in der Zeit des Schreibens.

"Ein Gegenentwurf zum Houellebecq"

Meyer: Bevor man in den Roman selbst hineingeht, liest man ein Motto von einem französischen Kollegen von Ihnen, von Michel Houellebecq aus seinem Roman "Unterwerfung". Warum steht dieses Motto vor Ihrem Roman?

Franzobel: Weil es so ein Gegenentwurf zum Houellebecq ist. Beim Houellebecq ist es irgendwie die islamische Regierung, die an die Macht kommt, und bei mir ist es halt die antiislamische Regierung, die sehr rechte Regierung, die eben diese ganzen antiislamischen Maßnahmen setzt, wie wir sie auch aus dem Dritten Reich kennen, wie wir sie aus sehr vielen Diktaturen kennen.

Mich hat dabei irgendwie interessiert jetzt gar nicht der Zustand im Leben einer Diktatur, sondern das Leben davor. Inspiriert hat mich dazu ein Gespräch in der Türkei mit einer Germanistikprofessorin, die gesagt hat, jetzt hat man wieder 40 Personen aus dem Lehrkörper verhaftet. Sie weiß, die sind alle eigentlich unpolitisch. Und sie kann aber sehr wenig dagegen tun. Und da habe ich mir gedacht, dieser Zustand – man merkt, ein System verändert sich. Es werden Leute ausgegrenzt, es wird die Opposition weggesperrt oder verboten. Es werden Verlage geschlossen, Galerien geschlossen, also es passieren lauter furchtbare Dinge. Und der Einzelne kann sehr wenig dagegen machen, wenn er da irgendwie gesettelt ist.

Die Ohnmacht gegenüber der Diktatur

Ich meine, der kann jetzt natürlich in den Hungerstreik treten oder man kann irgendwie eine Selbstverbrennung machen oder das Land verlassen oder was immer. Aber im Prinzip, der Normalbürger, der jetzt auf seine Familie nicht verzichten will, der weiter leben will, weiterhin einigermaßen existieren will, der kann so eine Entwicklung fast nur staunend beobachten. Und diese Ohnmacht hat mich irgendwie sehr beschäftigt und das habe ich versucht, in diesem Roman zu verarbeiten.

Meyer: Das spielen Sie ja durch, genau diese Frage. Was kann ein Einzelner tun, der Familie hat, einen Beruf hat, seinen Beruf eigentlich auch nicht verlieren will? Das spielen Sie durch, vor allem an Ihrem Polizeikommissar, Falt Groschen. Den kennt man schon aus zwei früheren Romanen von Ihnen. Und bei dem im Kommissariat, da hängen dann auch bald lauter Plakate der neuen Regierungspartei Limes. Er selbst soll auf Parteilinie gebracht werden. Er soll zum Beispiel gegen einen sogenannten patriotischen Bauunternehmer, wo es Korruptionsverdacht und alles mögliche andere gibt, gegen den soll er nicht weiter ermitteln. Wie verhält sich denn der Kommissar unter diesem politischen Druck?

Der Schriftsteller Franzobel lehnt gegen eine weiße Wand und hat die Arme vor dem Körper verschränkt. (dpa/Arno Dedert)Der Schriftsteller Franzobel spricht auf Deutschlandfunk Kultur über seinen neuen Roman "Rechtswalzer". (dpa/Arno Dedert)

Franzobel: Der Kommissar ist ein bisschen eine autobiografische Figur, muss ich sagen. Er versucht, dagegen anzukämpfen, aber – ich kann es jetzt nicht wirklich vorwegnehmen, wie dann das Ende ist –, aber er hat schon schwer zu kämpfen mit diesem System, wie halt der Einzelne, der dann einen Beruf hat, eine Familie hat, der kann natürlich nicht so ohne Weiteres das alles aufs Spiel setzen.

Ich bewundere die Leute, die das in solchen Systemen machen oder gemacht haben, aber der Normalmensch kann das eher nicht. Und dieser Kommissar ist eben auch so ein Durchschnittsbürger, der natürlich sehr wohl sieht, was da passiert. Seine Frau ist noch ein bisschen politisch aktiver, aber dann wirklich dagegen vorzugehen, das fällt ihm nicht leicht. Und er spürt natürlich auch eine Unsicherheit. Jeder seiner Kollegen ist plötzlich ein möglicher Denunziant, der ihn irgendwie verrät, weil man natürlich schon weiß, der ist jetzt nicht wirklich auf Parteilinie.

"Mittlerweile wird das irgendwie hingenommen"

Meyer: Der Einzelne kann vielleicht wirklich nicht viel tun, aber zusammen kann man ja was machen. Aber wenn man Ihren Roman liest, hat man jetzt den Eindruck, es gibt nicht viel Gegenwehr, nicht viele Gegenkräfte gegen diese "Orbanisierung" Österreichs oder wie immer man das nennen will. Sehen Sie das tatsächlich so? Gibt es so wenig Gegenwehr in Österreich gegen so einen möglichen Ruck nach ganz Rechtsaußen?

Franzobel: Es gibt im aktuellen Österreich natürlich schon Demonstrationen, aber man hat diese rechte Regierung, die wir momentan haben, eigentlich viel achselzuckender und somit quasi dieser typischen österreichischen Einstellung – na ja, das ist halt so – hingenommen, wie man noch Schwarz-Blau vor, wann war das jetzt, vor 17, 18 Jahren hingenommen hat, wo man wirklich massiv dagegen protestiert hat, wo auch die Europäische Union damals Sanktionen gesetzt hat.

Mittlerweile wird das irgendwie hingenommen. Gut, die sind zwar auch rechts, aber so ganz rechts sind sie ja doch noch nicht. Das ist irgendwie schon ein massiver Rechtsruck, der hier stattgefunden hat, auf jeden Fall.

"Auch ein Buch über Korruption und Nepotismus"

Meyer: Und davon erzählen Sie jetzt, von einem möglichen noch größeren Rechtsruck in der Zukunft, in fünf Jahren, in der Form eines Kriminalromans. Warum haben Sie diese literarische Form dafür genommen? Was sind die Vorteile?

Franzobel: Einerseits ist dieser Kommissar, Falt Groschen, bereits eingeführt, weil es ihn in bereits zwei Krimis nimmt. Zum anderen sehe ich im Kriminalroman diese Chance, dass ja ein Kommissar sehr glaubhaft in verschiedene Gesellschaftssysteme einsteigen kann. Es ist ja auch nicht nur ein Buch über diesen Rechtsruck, sondern auch ein Buch über Korruption und Nepotismus, wie sie in Österreich gerade herrschen. Ein Buch, das auch dann am Opernball letztlich kulminiert. Und es kommen eben einige so Gesellschaftsbereiche vor. Da finde ich den Kriminalroman nach wie vor eine sehr gute Form.

Dann bietet es die Möglichkeit, einfach spannend etwas zu erzählen. Im geglückten Fall will man ja doch spätestens ab Seite 15 einfach wissen, wie geht das aus, wo führt das hin, wie löst er all diese Fäden auf. Und da finde ich den Kriminalroman schon eine ganz spannende Form.

Meyer: Und man kann sich bizarre Tötungsmethoden überlegen. Da haben Sie offenbar ein Händchen für. Eines kann man, glaube ich, verraten, weil das relativ bald passiert. Da wird ein Mann sozusagen von innen heraus gekocht, das ist äußerst schräg. Und ich hab mich aber auch gefragt beim Lesen, es gibt eine ganze Menge ziemlich unglaubliche Zufälle in Ihrem Buch. Es bleibt am Ende manches auch unaufgelöst, sodass ich mich gefragt habe, wollten Sie eigentlich das Genre Krimi so demonstrativ nicht besonders ernst nehmen oder einen ironischen Krimi schreiben?

Franzobel: Ein bisschen satirischer Unterton ist bei mir natürlich immer der Fall. Und wenn man jetzt über die Gesellschaft schreibt, dann muss man das, glaube ich, auch ein bisschen satirisch machen.

Ich war lange Zeit unentschieden und auch der Verlag, ob wir das als Krimi auf den Markt bringen oder als Roman. Für mich war es als Krimi konzipiert und dann sind sehr viele Dinge hinzugekommen, eben dieses Schreiben über das politische System. Dann hat irgendwie die Hauptfigur, die im Gefängnis landet, auch mehr und mehr Platz bekommen. Es ist so ein Hybrid zwischen Kriminalroman und nur Roman und das ist dann irgendwie eine Vermarktungsstrategie des Verlags. Aber wenn es jetzt nur Roman hieße, wäre es mir auch recht im Prinzip.

Showdown auf dem Opernball

Meyer: Jetzt haben Sie schon gesagt, der Roman steuert zu auf den Showdown beim Opernball, also bei dem gesellschaftlichen Großereignis in Österreich. Was hat Ihnen denn daran so besonders gut gefallen, das Ganze beim Opernball so richtig in sich zusammenstürzen zu lassen?

Franzobel: Ich kenne den Opernball aus sehr vielen Perspektiven. Ich hab in den 90er-Jahren selbst dagegen demonstriert, oder in den 80er-Jahren war es eigentlich. Dann habe ich einmal für den österreichischen Rundfunk als Kabelträger dort gearbeitet. Dann hat meine Frau irgendwann einmal beim Opernball als Sängerin bei der Mitternachtseinlage mitgesungen und dann waren wir selbst, glaube ich, acht, neun Mal als Gast am Opernball.

Meyer: Ziemlich oft.

Franzobel: Ja, sehr oft. Ich hab immer gesagt, ich mache das eigentlich nur mit, weil ich irgendwann einmal darüber schreiben will, und habe halt wirklich jahrelang auch immer Notizen gemacht. Es gibt ja schöne Bilder.

Am Ende von dieser Veranstaltung ist dann das ganze Tanzparkett übersät mit lauter Haarspangen zum Beispiel. Oder Leute stehlen dann so aus den Blumenarrangements und nehmen sich da etwas mit. Angeblich werden jährlich 22 Sektkübel gestohlen. Also so ein paar Details, die mir dann irgendwie aufgefallen sind. Und das hat mir irgendwie gefallen.

Das ist so ein seltsamer Sehnsuchtsort der Österreicher, wo so diese K-und-K-Zeit noch einmal hochgelebt werden kann. Aber gleichzeitig kann sich natürlich auch die neue Regierung hier sehr schön darstellen und Europa zeigen, wie aufgeschlossen und wie modern man nicht ist. Und insofern hat mir das als Kulminationspunkt für die ganzen Geschichtsstränge, die sich so bis dahin entwickelt haben, eigentlich sehr gut gefallen. War auch von Anfang an so konzipiert.

Meyer: Der Kriminalroman "Rechtswalzer" von Franzobel, der läuft auf den Opernball zu. Das Buch ist im Zsolnay-Verlag erschienen mit 416 Seiten, 19 Euro ist der Preis. Herr Franzobel, vielen Dank für das Gespräch!

Franzobel: Gern!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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