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Lesart | Beitrag vom 07.12.2018

Franz Kafka: "Ein Käfig ging einen Vogel suchen"Kafka konnte auch lachen

Von Helmut Böttiger

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Franz Kafka lächelt verschmitzt in die Kamera. Davor das Buchcover. (Verlag Klaus Wagenbach / dpa / picture alliance / akg-images)
Sonst blickt er eher ernst drein, auf diesem Bild lacht er auch mal verschmitzt. Ein neues Buch zeigt, dass Kafka auch komisch sein konnte. (Verlag Klaus Wagenbach / dpa / picture alliance / akg-images)

Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg galt Franz Kafka als düsterer, mystischer Gottsucher. Dabei hatte er auch Sinn für Humor, beweist Klaus Wagenbach in einem neuen Sammelband: Darin geht es um Katzen und Mäuse, Trapezkünstler und Lachkrämpfe.

Klaus Wagenbach bezeichnet sich immer verschmitzt als "die letzte Kafka-Witwe". Er hat in den fünfziger Jahren als junger Mann den Prager Jahrhundertautor für sich entdeckt, sich seine Studentenbude schwarz angestrichen und seine Dissertation über Kafka geschrieben. Doch schon bald merkte er, dass mit der Kafka-Rezeption etwas nicht stimmte. Gerade im großen Existenzialismus-Boom nach dem Zweiten Weltkrieg galt der Autor als düster, als eine Art mystischer Gottsucher.

Prosastücke mit irrsinnigem Witz

Wagenbachs große Entdeckung war Kafkas Humor. Das war durchaus provokativ, genauso wie der Hinweis, dass der Schriftsteller sich als Versicherungsangestellter mit den zeitgenössischen Arbeitsbedingungen sehr gut auskannte und zum Beispiel eine "Sicherheitshobelwelle" propagierte.

Jetzt hat Wagenbach endlich eine Beweiskette für seine bevorzugte Lesart von Kafka vorgelegt. Darin sind nicht nur die einschlägigen, berühmten kurzen Texte verzeichnet, die zum Standard gehörten, als es noch Lesebücher gab – wie etwa der Schutzmann einem Umherrirrenden zuruft: "Gib's auf!", wie "Leute", und das ist der Clou, "die mit ihrem Lachen allein sein wollen." Oder wie die Katze zur Maus sagt: "Du musst nur die Laufrichtung ändern!" Das sind unausschöpfliche Prosastücke, die einen irrsinnigen Witz in sich bergen.

Kafkas Lachkrampf

Wagenbach kramt aber auch eher entlegene Stellen aus, versteckte Romanpassagen oder Zitate aus Briefen. Und schon sein Auftakt ist grandios. Der erste Text beginnt mit dem Satz: "Ich kann auch lachen, Felice", und bereits das wirkt wie ein Trompetenstoß. Der Abschnitt entstammt einem der Briefe an Felice Bauer und Kafka erzählt hier eine wirklich irrwitzige Geschichte: Wie er einmal zusammen mit ein paar Kollegen bei dem Präsidenten seiner Versicherungsanstalt vorsprechen musste und plötzlich, angesichts des gravitätischen und nahezu kaiserlichen Betragens des obersten Chefs, unwillkürlich einen Lachkrampf bekam, der nicht aufhören wollte. Allein dieser Moment charakterisiert Kafka mehr als die Hunderte von Regalmetern fachwissenschaftlicher Abhandlungen.

Besseres Verständnis von Kafkas Geschichten

Wie in einem Buster-Keaton-Film sieht Kafkas Protagonist Karl Rossmann einmal, wie eilige Fußgänger in Amerika durch endlos sich stauende Taxis hindurchgehen und zwar durch das Wageninnere selbst. Und wenn der berühmte Trapezkünstler plötzlich weinend nach einem zweiten Trapez verlangt, kommt es zu einer unvermuteten Steigerung der an sich schon absurd verwegenen Handlung.

Dass der Herausgeber auch die Wahnsinnsgeschichte "Die Sorge des Hausvaters" aufnehmen musste, ergab sich zwangsläufig: Generationen von Germanisten zerbrachen sich den Kopf darüber, was es mit diesem ominösen "Odradek" auf sich haben könnte. Man muss den Text nur im Rahmen dieser Wagenbach-Auswahl wahrnehmen und es fällt einem wie Schuppen von den Augen.

Franz Kafka: "Ein Käfig ging einen Vogel suchen." Komisches und Groteskes, zusammengetragen von Klaus Wagenbach.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2018 (Reihe "Salto")
139 Seiten, 18 Euro

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