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Frühkritik | Beitrag vom 08.10.2021

Frank Göhre: "Die Stadt, das Geld und der Tod"Verbrecher unter sich

Von Thomas Wörtche

Das Cover des Krimis "Die Stadt, das Geld und der Tod" von Frank Göhre auf orange-weißem Grund. (Deutschlandradio / CulturBooks)
Ein epischer Stoff als Konzentrat: "Die Stadt, das Geld und der Tod" ist ein großer Wurf. (Deutschlandradio / CulturBooks)

Zwischen Elbphilharmonie und organisierter Kriminalität: Frank Göhre erzählt in "Die Stadt, das Geld und der Tod" eine Gangsterstory vor dem Hintergrund des Hamburger Geldadels.

In "Die Stadt, das Geld und der Tod", dem aktuellen Roman von Frank Göhre, geht es zunächst um das Filetstück Hamburger Bautätigkeit, "damals im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends", die Elbphilharmonie. Es geht um die Gier, mit der im Baugewerbe eine goldene Nase verdient werden kann. Und es geht um den Aufstieg und Fall des rumänischstämmigen Immobilienunternehmers Nicolai Radu, der mit der feinen Hamburger Gesellschaft ebenso geschäftlich verbandelt ist wie mit dem organisierten Verbrechen.

Radu ist beides: seriöser Geschäftsmann und Teil der organisierten Kriminalität, so wie seine Hamburger Geschäftspartner auch. Aber eines ist er nicht: seit Generationen Hamburger Pfeffersack. Als es ernst wird, ist er für seine deutschen Partner nur noch der schmierige Gangster vom Balkan. Auch wenn Radu im "Atlantic" mit den lokalen Größen Karten spielt, hindert das die nicht, ihn über den Tisch ziehen zu wollen. Freundschaft und Loyalität dienen der Vorteilsnahme.

Der Soldat und der Pate

Daraus macht Göhre keine moralisierende Haupthandlung, diese Konstellation bildet das nicht lauthals thematisierte Unterfutter des Buches. Komplexion in verdichteten Erzählräumen, und da spielt sich eine Tragödie ab: Radu hat einen treuen Gefolgsmann, Ivo, er nennt ihn zwar seinen "Blutsbruder", aber das ist de facto Mafiakitsch. Radu ist der Pate, Ivo der Soldat. Ivo geht tapfer in den Knast, weil er seine Leute nicht verpfeift. Als er herauskommt, ist sein Sohn ermordet. Radu weiß, warum und von wem, kann es aber Ivo nicht sagen, weil das seinen Geschäftsinteressen zuwiderlaufen würde. Aber Ivo bekommt es heraus, und die Tragödie ist da.

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Das ist die Gangsterstory, ein klassischer Noir über eine Figur, die nie wirklich eine Chance hat. Das Immobilienthema, die allfälligen Kiezkonflikte, die keiner besser kennt als Frank Göhre, die Drogenkriege, die Medienstadt Hamburg, die bessere Gesellschaft und ihre Gier, all das sind die Voraussetzungen dafür, dass Ivo scheitern muss. Die Logiken sinnloser Ehrenkodizes und die Logiken des Neoliberalismus ergänzen sich perfekt, wenn es um die Vernichtung eines Individuums geht, das diese Logiken stört, so oder so. Das alles muss man sich aber selbst denken.

Von globaler Gültigkeit

Denn Göhre erzählt eine Geschichte, mehr nicht. Eine Geschichte aus einer Gesellschaft, in der es Polizei und Justiz nur am Rande gibt, in der fast alles mit allem zu tun hat, jeder mit jedem zusammenzuhängen scheint, wissentlich oder nicht. Eine Geschichte, die sich so nur in dem Soziotop Hamburg abspielen kann, aber genau deswegen von globaler Gültigkeit ist, gnadenlos präzise geschildert.

Ein epischer Stoff, schon fast zu narrativen Vignetten verknappt, schnell, klar und bitterböse. Göhres Prosa ist ein Konzentrat, das identifikatorisches Lesen radikal verweigert, ohne Figuren zu dämonisieren oder, die große Falle des Kitsch-Noir, sie zu romantisieren. Ein großer Wurf auf knapp 160 Seiten.

Frank Göhre: "Die Stadt, das Geld und der Tod"
CulturBooks, Hamburg 2021
159 Seiten, 15 Euro

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