Francis Fukuyama: "Der letzte Mensch"
© Hoffmann und Campe
Ein Hoch auf die Bürokratie!
06:02 Minuten

Francis Fukuyama
Der letzte MenschHoffmann und Campe, Hamburg 2026272 Seiten
26,00 Euro
Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama wurde berühmt, indem er das "Ende der Geschichte" heraufbeschwor. In seinem neuen Buch verteidigt er seine These - wie auch den liberal-demokratischen Staat gegen seine libertären und autoritären Feinde.
Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama wurde im Jahr 1989 berühmt mit einem Aufsatz über „Das Ende der Geschichte“. Darin vertrat er die These, dass sich nach dem Ende des Kalten Krieges das Gesellschaftsmodell der liberalen Demokratie weltweit durchsetzen werde.
Daraus ist, wie man weiß, nichts geworden. Weswegen Fukuyama bis heute gefragt wird, wie es ihm damit geht, sich so geirrt zu haben, und ob er seine These nicht widerrufen will. Das schreibt er jedenfalls zu Beginn seines neuen Buchs „Der letzte Mensch“. Und er findet es ungerecht: Die meisten Menschen hätten seinen Aufsatz gar nicht zu Ende gelesen.
In der letzten Passage erläutere er nämlich, dass nach dem Ende der Geschichte eben der "letzte Mensch" die Bühne der Welt betreten werde: Dieser habe nicht mehr um eine gerechte Gesellschaft und um wirtschaftlichen Wohlstand zu kämpfen – und beginne nun deswegen aus "Langeweile … gegen Frieden und Wohlstand und gegen die Demokratie zu kämpfen".
Jetzt leben wir schon seit fast vierzig Jahren im Zeitalter der Langeweile und des letzten Menschen. Deswegen blickt Francis Fukuyama in seinem neuen Buch auf diese Epoche zurück und zugleich auf sein Leben; indem er seine Biografie und Familiengeschichte erzählt, will er begründen, wie er zu seiner These kam und warum er bis heute Recht hat.
Ein Kind des Westens
Fukuyama wird 1952 in Chicago geboren und von seinen aus Japan stammenden Eltern streng westlich erzogen. Sie sprechen mit ihm nur Englisch, weswegen er bis heute kein Japanisch beherrscht. Er studiert Klassische Altertumswissenschaften und wird zu einem Verfechter des westlichen Kanons der Geistesgeschichte.
Dieser ist für ihn damals wie heute etwas, das gegen den Relativismus der "postmodernen" Wissenschaftsmoden – oder das, was Fukuyama dafür hält – verteidigt werden muss. Zu seinen ersten Lehrmeistern gehört passenderweise Allan Bloom, der schon in den 1980er-Jahren den Verfall der Bildung in den USA beklagte, und der Philosoph Leo Strauss.
Wie Fukuyama auch mithilfe der Erläuterung ihrer Werke die Entstehung und Entwicklung seines konservativen Denkens schildert, ist überaus interessant. Gelegentlich nervt die Eitelkeit, mit der er auf intellektuelle Mitbewerber blickt, etwa wenn er Jacques Derrida schlicht als destruktiven Hochstapler abkanzelt – ohne auch zu erwähnen, dass Derrida mit "Marx’ Gespenster" schon in den 1990ern die erste und differenzierteste Kritik am „Ende der Geschichte“ veröffentlichte.
Misstrauen gegenüber dem Staat
Noch mehr nerven die länglichen Intermezzi, in denen Fukuyama von seinen nicht besonders originellen Hobbys erzählt, zum Beispiel Schreinern und Fotografieren. Lesenswert wird das Buch vor allem wegen der Passagen, in denen er sich – inzwischen als Politikwissenschaftler – mit der US-amerikanischen Politik nach dem 11. September 2001 befasst.
Er erläutert die Frage, warum die USA nach dem „War on Terror“ daran gescheitert sind, im Irak und in Afghanistan funktionierende staatliche Strukturen aufzubauen. Seine Antwort ist ebenso einfach wie einleuchtend: Die verantwortlichen Strategen haben sich überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, weil sie nämlich aus einer politischen Kultur kommen, in welcher man dem Staat grundsätzlich misstraut.
Dieses Misstrauen findet man, so Fukuyama, bei republikanischen Politikern ebenso wie bei postmodernen Philosophen, die an Elite-Universitäten lehren. Viele von diesen würden den Staat als "kaltes Monster" betrachten und stattdessen die Freiheit der Anarchie preisen. Dazu Fukuyama trocken: "Afghanistan und der Irak waren Anfang der 2000er-Jahre beide staatenlose Gesellschaften und wirkten keineswegs sonderlich friedlich und glücklich."
Lernen, die Bürokratie zu lieben
Zu einem veritablen Problem sei diese Aversion gegen den Staat aber nun unter der Regentschaft von Donald Trump geworden: Dessen Zerstörung staatlicher Institutionen ziele letztlich ja auf die Errichtung einer Oligarchie, in welcher die Macht und der Wohlstand in den Händen Weniger liegt.
Dagegen müsse man – und das ist eine originelle Schlusswendung – wieder „lernen, die Bürokratie zu lieben“. Denn nur gute Bürokratien mit ihrer klaren Verteilung von Zuständigkeiten und Entscheidungswegen könnten ein Gemeinwesen so stabilisieren, dass die weiterhin unentwegt aus Langeweile gegeneinander kämpfenden Menschen dieses nicht zerstören.
Ob Langeweile jetzt wirklich der richtige Begriff für die Motivationslage der politischen Konflikte der Gegenwart ist, sei dahingestellt; durchweg sind Fukuyamas Versuche, die eigene Geschichtsphilosophie von anno dazumal zu retten, nicht überzeugend.
Bedenkenswert ist hingegen sein Entwurf einer konservativen Staatsphilosophie, die den liberal-demokratischen Staat ebenso gegen seine libertären wie gegen seine autoritären Verächter verteidigt: Keine andere Gesellschaftsform, so Fukuyama, ermögliche es den Menschen wie diese, Anerkennung füreinander und Respekt voreinander zur Grundlage des politischen Handelns zu machen.
So möchte man dieses am Ende doch lesenswerte Buch als erstes all jenen Konservativen in die Hand geben, die gegenwärtig immer mehr Sympathie für antiliberale Positionen entwickeln.






