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Im Gespräch | Beitrag vom 08.12.2020

Fotograf Andreas Mühe"Mit Licht spielen ist wie Bildhauerei"

Moderation: Ulrike Timm

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Schwarzweissaufnahme von Andreas Mühe im Sakko, eine Hand am Ohr, die andere in Bewegung vorm Mund. (Stefan Heinrichs)
Wollte nie "Kanzlerfotograf" sein. Andreas Mühe. (Stefan Heinrichs)

Seine Bilder sind verstörend, meisterlich gearbeitet und oft von großer Kälte. Andreas Mühe inszeniert Fotos wie rätselhafte Bühnenbilder. Seine aktuelle Ausstellung beschäftigt sich mit Tschernobyl. Und mit Weihnachtsbäumen.

Wenn man von Andreas Mühe und seiner Familie erzählen wollte, könnten einem die Bilder von 38 Weihnachtsbäumen helfen, die gerade in Berlin in der aktuellen Ausstellung des Fotografen zu sehen sind.

"Es sind 38 Bäume der Familie Mühe-Hahn. Das sind die Bäume von 1979 bis 2016", berichtet Mühe. Jeder Baum sei eine Rekonstruktion. "Man kann an einem Baum eine Familiengeschichte ablesen", ist er überzeugt.

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Andreas Mühe wird 1979 geboren, im damaligen Karl-Marx-Stadt, seine Mutter ist  die Regisseurin Annegret Hahn, sein Vater der Schauspieler Ulrich Mühe.

"Meine Bilder sind die Sprache"

Den Eltern nacheifern, ans Theater gehen, das sei nicht sein Weg gewesen, sagt Andreas Mühe. "Vielleicht hat es etwas mit meinem Inneren zu tun. Meine Bilder sind die Sprache. Für mich sind Orte wie das Theater, oder das Set, Orte des Wartens. Es sind kinderunfreundliche Orte. Warten hat viel mit diesem Beruf zu tun."

Mühe macht eine Ausbildung zum Fotolaboranten, später wird er selbständiger Fotograf. Mehrfach wird er für seine Bilder ausgezeichnet.

Bevor der Künstler auf den Auslöser drückt, vergeht Zeit, viel Zeit. Etliche Fotos sind wahre Inszenierungen, Licht ist dabei elementar. "Das Fotografieren ist das Geringste meines Berufsfeldes. Mit Licht spielen ist ja wie Bildhauerei. Man hebt Sachen hervor, man dunkelt Dinge ab."

Immer wieder taucht die Familie auf

Andreas Mühe porträtiert zahlreiche Prominente, darunter Musiker und Künstler, auch Politiker sind darunter. Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel lassen sich von ihm ablichten, als "Kanzlerfotograf" wird Andreas Mühe deshalb auch bezeichnet. "Das wollte ich nie sein", sagt er.

Und immer wieder taucht die Familie in seinen Werken auf. Durch Scheidungen und Hochzeiten gehören auch die Schauspielerin Anna Maria Mühe, seine Halbschwester, oder die 2006 verstorbene Schauspielerin Jenny Gröllmann, seine Stiefmutter, zur Familie.

Für eine Ausstellung hatte er die Toten und Lebenden in einem Bild vereint. Andreas Mühe durchforstete alte Familienfotos, ließ nach diesen Vorlagen Puppen herstellen, die den Verstorbenen gleichen. Für ein Foto standen dann alle zusammen.

Von den menschlichen Nachbildungen wollte sich Mühe aber bald wieder trennen, "die sind zum Glück von uns gegangen. Man möchte nicht wissen, dass der Vater als Puppe noch im Keller steht."

Helden für eine Flasche Schnaps

Die aktuelle Ausstellung in der St. Matthäus-Kirche am Berliner Kulturforum hat drei Teile, der eine hinterfragt das Heldentum. Im Mittelpunkt stehen die sogenannten Liquidatoren von Tschernobyl, die nach der Reaktorkatastrophe von 1986 die gröbsten Trümmer beseitigen sollten, weil herkömmliche Roboter aufgrund der Strahlung versagten.

"Das sind Helden, an die nie wirklich gedacht wurde", sagt Mühe: "Die haben ein bisschen Geld bekommen, eine Flasche Wodka, und sind dann wieder in den Breiten der Sowjetunion verschwunden."

Und weil die dreiteilige Ausstellung dem Kirchenjahr folgt, sind dort jetzt auch die 38 Weihnachtsbäume seiner Familie zu sehen, kunstvoll in Szene gesetzt. Den diesjährigen Baum wird Mühe wahrscheinlich mit seinen drei Kindern schmücken. Fotografieren wird er ihn nur möglicherweise, und wenn, dann nicht aufwendig inszeniert. Dieses Jahr reicht ein "Schnappschuss".

(ful)

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