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Fazit | Beitrag vom 09.06.2019

Fotoausstellung "This Place" im Jüdischen MuseumPoetische Polyphonie

Von Andrea Handels

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Eine Familie am Strand (Frédéric Brenner, Courtesy Howard Greenberg Gallery)
Die Ausstellung "This Place" geht auf eine Idee von Frédéric Brenner zurück. Hier ist sein Werk "The Aslan Levi Family" aus dem Jahr 2010 zu sehen. (Frédéric Brenner, Courtesy Howard Greenberg Gallery)

Die Ausstellung „This Place“ sucht eine neue Sicht auf Israel und das Westjordanland. Sie zeigt Arbeiten von zwölf internationalen Fotografen, die zwischen 2009 und 2012 in Israel und dem Westjordanland entstanden sind.

Eine israelische Familie mit drei erwachsenen Kindern, darunter eine Soldatin, stapft mit Badetaschen und Klappliegestühlen ausgestattet durch den Sand. Offenbar wollen sie zum Schwimmen gehen. Aus dem Boden ragt rostiges Metall. Man weiß nicht recht, wo genau sie sich befinden, ob es vielleicht eine ehemalige Grenzsicherungsanlage ist.

Das Foto stammt von dem französischen Fotografen Frédéric Brenner. Eine von insgesamt 200 Aufnahmen aus Israel und dem Westjordanland, die jetzt im Jüdischen Museum Berlin zu sehen sind.

Frédéric Brenner hat das Projekt ins Leben gerufen, hat elf andere Fotografinnen und Fotografen aus Nordamerika, Europa und Asien eingeladen, mitzumachen; renommierte Fotokünstler wie den Tschechen Josef Koudelka, den Amerikaner Stephen Shore und den Deutschen Thomas Struth.

Dichter mit eigener Syntax

"Die Idee war, Autoren einzuladen, Dichter, die ihre eigene Grammatik, ihre eigene Syntax entwickelt haben, ihren eigenen Blick auf Israel und die Westbank – jenseits von Politik, ohne aber diese zu ignorieren; zu versuchen, die Wurzeln zu sehen, die archaischen Zustände, bevor sie politisch oder religiös werden", sagt Frédéric Brenner.

Dafür hatten die eingeladenen Fotografen viel Zeit. Manche sind gleich ein halbes Jahr geblieben, andere sind mehrmals hingereist. Am Anfang stand eine organisierte gemeinsame Erkundungstour, danach hat jeder gemacht, was er wollte.

Sehr unterschiedliche Fotografen

Frédéric Brenner hat sechs Millionen US-Dollar für das Projekt zusammenbekommen, hauptsächlich von amerikanischen Stiftungen. Es sollte eine poetische Polyphonie entstehen durch diese sehr unterschiedlichen Fotografen, manche kommen eher von der Reportage, andere wie Thomas Struth aus der Fotokunst:

"Ich war ja noch nie in Israel, und als Nachkriegsdeutscher, geboren 1954, hat man eine besondere Beziehung dazu, und als diese Sache auf mich zukam, habe ich gemerkt: Das ist jetzt der Moment, mich damit auseinanderzusetzen. Und da ich immer mit Großbild fotografiere: Da steht man lange herum und hat eine Erfahrung, die man sonst nicht hat."

Eigene Blicke auf das Land

Thomas Struths beeindruckendste Bilder in dieser Ausstellung sind seine Aufnahmen von ausgetrockneten Landschaften mit ruinösen Häusern oder Stadtvierteln im Hintergrund, die wie Gemälde alter Meister wirken, aber alles andere als eine heile Welt spiegeln:

"Vor allen Dingen dachte ich dann: Ja gut, das ist so ein undankbarer Flecken Erde - wahnsinnig heiß. Kein Wunder, dass hier die Weltreligionen herkommen, weil da muss man einfach eine Menge spinnen, ja, dass die Fantasie sozusagen da mit den Leuten durchbrennt."

Die Fotografen und Fotografinnen blicken jeweils sehr eigen auf das Land, auch auf die Konflikte - das merkt man. Joseph Koudelka beispielsweise hat sich in seinen Schwarz-Weiß-Fotos auf das Trennende, auf die Mauern, konzentriert.

Wendy Ewald ließ die Einwohner selbst Fotos machen

Fazil Sheikh hat lauter Luftaufnahmen von der Negev-Wüste gemacht, die er wie ein großes Puzzle zusammensetzt. Jedes Quadrat zeigt eine andere rätselhafte Oberfläche. In den Texten erfährt man, was in den Mustern im Sand zu sehen ist: Rückstände einer Militärübung zum Beispiel oder Wiederaufforstungsversuche.

Familien- und Soldatenporträts, die Wüstenlandschaft, desolate Orte: Das sind, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise fotografiert, wiederkehrende Themen in der Ausstellung.

Eine Frau mit langen schwarzen Haaren steht mit dem Gesicht zur Wand. Zu sehen ist ihr Rücken. (Wendy Ewald)Wendy Ewald, At Home (fotografiert von Amal), 2013 (Wendy Ewald)
Die Amerikanerin Wendy Ewald hatte allerdings eine ganz andere Idee: Sie hat die Einwohner selbst Fotos machen lassen - angefangen hat es mit zwei Schulklassen:

"Ich habe mit zwei Schulen in Nazareth und außerhalb von Nazareth zusammengearbeitet, weil ich mich da wohlgefühlt habe. Und sehr schnell haben die Kinder wirklich tolle Fotos mit den kleinen Digitalkameras gemacht. Und sie haben dann anderthalb bis zwei Jahre mit mir weitergearbeitet. Solche Bilder hatte ich noch nie vorher gesehen."

Abbildung unterschiedlicher Lebenswelten

Mit 14 verschiedenen Gruppen hat Wendy Ewald am Ende gearbeitet: Schulklassen, aber auch eine Gruppe orthodoxer Soldatinnen oder Mitarbeiterinnen des Büros für soziale Angelegenheiten im arabischen Ost-Jerusalem. Es sind persönliche, intime Aufnahmen, die einen Einblick in die sehr unterschiedlichen Lebenswelten der verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Israel und den besetzten Gebieten bieten.

In Postgartengröße hängen sie zu jeweils 30 Fotos pro Rahmen im Jüdischen Museum und zeigen in Klein noch einmal, was die Bilder der berühmten Fotografen im Großen zeigen: wie vielstimmig das Leben in Israel und dem Westjordanland auch jenseits aller Konflikte ist.

"This Place" - die Fotoausstellung über Israel und das Westjordanland macht jetzt im Jüdischen Museum Berlin Station – bis zum 5. Januar 2020.

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