Seit 11:05 Uhr Tonart

Dienstag, 22.10.2019
 
Seit 11:05 Uhr Tonart

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 19.03.2015

Forscher zeigen Prototypen Datenbrille für Gehörlose

Von Michael Engel

Podcast abonnieren
(picture alliance / dpa)
Mann mit Datenbrille: Die Geräte sollen in Zukunft Gehörlosen, Schwerhörigen oder auch Nicht-Muttersprachlern ein Kinoerlebnis ermöglichen - wenn die Filmindustrie mitspielt. (picture alliance / dpa)

Was haben Gehörlose vom Kino? Nicht viel! Synchronisierte oder deutsche Filme werden nicht untertitelt, sind also für Gehörlose nicht verständlich. Eine Datenbrille soll nun Abhilfe schaffen. Auf der Cebit wurde sie vorgestellt.

Atmo "Der Medicus": "Spar dir deinen Atem. Sie sind alle tot."

Ein monomentaler Spielfilm, präsentiert im Miniformat, auf einem Laptop. Um "großes Kino" soll es hier, in der Forschungshalle 9 der Computermesse Cebit aber auch gar nicht gehen. Die Hauptrolle spielt eine Datenbrille mit dicken Plastikbügeln an der Seite. Nicht sonderlich modisch, doch begeistert ist Prof. Rigo Herold von der Westsächsischen Hochschule Zwickau dennoch.

Momentan sieht’s noch nicht so aus wie eine schicke Sonnenbrille. Aber die kann natürlich auch einiges mehr als eine normale Sonnenbrille. Zum Beispiel rechts der etwas massivere Bügel, der beinhaltet zum Beispiel die ganze Elektronik, die dafür sorgt, dass für die Kinoanwendungen die Informationen angezeigt werden können, und dass ein kleines, miniaturisiertes Display diese Daten vergrößert und virtuell vor die Leinwand projiziert.                                                                                   

Atmo "Der Medicus": "
Mein Sohn soll bestattet werden wie ein Held."                              

Die Dialoge im Film sieht Rigo Herold nun auch als Text – eingespiegelt in ein durchsichtiges Display vor seinem rechten Auge - entwickelt für hörgeschädigte Menschen, die nun mitlesen können, was gerade gesagt wird. Die Datenbrille als Anzeigegerät für Untertitel ist allerdings nur Teil "A" des Systems. Mindestens genauso wichtig ist "B" die dazugehörige App auf dem Smartphone.       

Das ist halt so, dass man momentan sich die App – den Film - herunterlädt. Dort sind die Informationen gespeichert. Und dieses Smartphone synchronisiert den Audiokanal, über den gesprochenen Ton des Films mit der Untertiteldatenbank, die ich mir herunter geladen habe, und zeigt somit synchron zum gesprochenen Film die Untertitel an. Das hat den Vorteil, wenn ich doch mal zum Popcorn rausgehe aus dem Kino und wieder reinkomme, dann muss ich nicht spulen, sondern es dauert zwei, drei Sekunden, bis es wieder synchronisiert ist und ich sehe wieder zur aktuellen Szene die Untertitel.                                                                                  
Atmo "Der Medicus": "
Deine Augen sind nur auf diese Welt gerichtet. Die Welt der Träume ist doch viel besser."                                                                                                

Die App wurde von dem Berliner Unternehmen "Greta & Starks" entwickelt. Rund vierzig Filme sind schon mit der Untertitel-Datenbank verknüpft – darunter "Fifty Shades of Grey" oder "Im Labyrinth des Schweigens".               

Die Hürden für das Produkt sind juristischer Natur

Es gibt zig Millionen Gehörlose in Deutschland. Es gibt unheimlich viele ausländische Mitbürger, die nicht ins Kino können. Dass jeder Kinobetreiber sagt, wir haben jetzt ein "rundes Verleihgerät", um eben wirklich auch diese Personengruppen ins Kino lassen zu können.                                             

Technisch gesehen sind die Einblendungen im Kino – dank Datenbrille - kein Problem. Hürden, die noch genommen werden müssen, sind eher juristischer Natur. Die Filmindustrie muss die mit dem Film produzierten Untertitel freigeben, so der wissenschaftliche Mitarbeiter, Markus Penzel.                   

So einfach ist es wiederum nicht, weil es dann natürlich diese Lizenzprobleme gibt. Und dann müssen sich natürlich alle Kinobetreiber und alle miteinander absprechen - aus den verschiedenen Ländern. Das ist derzeit eine Hürde, die dann hoffentlich bald fällt.                                                

In wenigen Monaten – so die Hoffnung – könnte der Testbetrieb in einem Kino vor Ort in Zwickau losgehen.

Die Kinobetriebe müssen diese Datenbrillen dann kaufen, dass sie die verleihen können an die Kinobesucher. Wie 3D-Brillen, so ähnlich. Und die Filmverleiher müssen sich natürlich darum bemühen, dass sie ihre Rechte für die Untertitel an "Greta & Starks" freigeben. Dass diese dann in die Untertiteldatenbank aufgenommen werden können.                        

Deutsch, englisch, türkisch: Oft liegen die Untertitel in vielen Sprachen vor, je nachdem, für welche Länder der Film synchronisiert wurde. Gehörlose aus all diesen Ländern können von der Datenbrille profitieren. Und welche Erfahrungen hat Rigo Herold mit den Betroffenen gemacht?

Die sind begeistert. Also da wurden direkt mal Gehörlose zum Testen mit einbezogen. Und die fanden das wirklich toll. Weil sie eben jetzt nicht mehr warten müssen, bis ein Kinofilm auf DVD erscheint. Sondern sie können die aktuellen Filme sehen, können sofort in jedes Kino gehen, wenn es die Datenbrillen zum Ausleihen gibt, und können sich zu jeder Zeit Filme anschauen.                    

Premierenstimmung im Kino – bald also auch bei gehörlosen Menschen. Das Kino ist nicht der einzige Anwendungsbereich. Einsetzbar wäre die Bille im Museum als virtueller Führer. Oder auf Reisen in ferne Länder – ein Dolmetscher für die Ansagen auf dem Bahnhof. Servicetechniker wiederum könnten auf dem Flughafen Schritt für Schritt die Anleitung abarbeiten. Damit kein Schräubchen vergessen wird.                                                                

Mehr zum Thema:

Technologie - Datenbrille oder Funkchip im Hirn?
(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 26.06.2014)

Überwachung vor Augen - Die Datenbrille als Tor zum User
(Deutschlandfunk, Computer und Kommunikation, 28.12.2013)

Datenbrille oder Funkchip im Hirn?
(Deutschlandradio Kultur, Elektronische Welten, 05.11.2013)

Datenbrille mit Weitsicht

Zeitfragen

Zögerliche JustizAnschlag auf Journalisten
Ein Mann in einem dunklen Kapuzenpulli hält einen Schlagring in der Hand. (picture alliance/dpa/Philippe Turpin/Photononstop)

Im Frühjahr 2018 wollen Journalisten über das Treffen eines NPD-Funktionärs in Thüringen recherchieren, als sie von zwei vermummten Männern brutal attackiert werden. Seit neun Monaten gibt es eine Anklage, aber immer noch keinen Verhandlungstermin.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur