Datenbrille mit Weitsicht

Informationen werden in das Sichtfeld der Brillengläsern einblendet. © picture alliance / dpa / Google
Von Jörg Schieb · 06.07.2013
Sie wiegt nur wenige Gramm, man setzt sie auf die Nase wie eine Brille, aber nicht als Sehhilfe: Die neue Google Glass lässt die Grenze zwischen digitaler und realer Welt verschwimmen. Die Technik begeistert, stößt aber auch auf Kritik - vor allem bei Datenschützern.
Noch kann man Google Glass nicht offiziell kaufen, lange soll es aber nicht mehr dauern. Insider rechnen damit, dass die Datenbrille in der zweiten Jahreshälfte 2013 offiziell auf den Markt kommen wird und zwischen 350 und 500 Dollar kostet. Erste Modelle sind bereits verteilt, an Journalisten, Blogger und Entwickler, die Apps speziell für Glass entwickeln ("Glassware" genannt). Wer die Datenbrille aufsetzt, kann auf einem Auge ins Glass projizierte Inhalte erkennen, etwa aus dem Internet abgerufene Daten, Onlinekarten, Fotos, Videos und mehr.

Bedienung gewöhnungsbedürftig
Google Glass ist ein Minicomputer, der in einer Brille versteckt ist. Im Bügel ist die nötige Technik untergebracht: Prozessor, Arbeitsspeicher, Kamera, GPS-Modul, Akku und mehr. Bedient wird die Brille durch gesprochene Anweisungen, aber auch durch Gesten am Brillenbügel. Ein Tippen ist wie ein Mausklick, wer Inhalte scrollen will, wischt über den Bügel. Auch aber Bewegungen mit dem Kopf werden von der Brille zuweilen interpretiert: Ein kurzes Nicken kann als Bestätigung gewertet werden. Die Bedienung der Datenbrille setzt etwas Übung voraus, ebenso die Tatsache, dass in der Brille ununterbrochen Daten und Inhalte zu sehen sind.

Obwohl noch gar nicht auf dem Markt, spendieren die Entwickler der Brille bereits ständig neue Funktionen: So wurde beispielsweise gerade erst die Auflösung und Funktionsfähigkeit der eingebauten Fotokamera verbessert. Google Glass kann nicht nur Sprachbefehle verstehen, sondern auch Ergebnisse und Antworten vorlesen. Auch an Gimmicks mangelt es nicht: Die Datenbrille kann zum Beispiel auch Musik erkennen. Wer die entsprechende Funktion aktiviert, kann die Brille veranlassen, einen gerade gespielten Song mitzuhören. Danach wird in einer Datenbank nach Interpret und Titel gesucht.

Apps für die Datenbrille
Technisch gesehen ist Google Glass eine neue Art von Internetgerät, so wie ein Smartphone oder Tablet, allerdings in Form eines Alltagsgegenstandes. Im Inneren werkelt ein Android-Betriebssystem, das auf die besonderen Bedürfnisse und Eigenheiten der Datenbrille angepasst wurde. Nicht alle Funktionen, die der Brille spendiert werden, kommen von Google selbst. Entwickler können eigene Apps anbieten, so wie für Smartphones und Tablets. Diese Google Glassware genannten Apps lassen sich über den App-Store Google Play laden und installieren.

Aber auch erste Apps, die Google für Glass nicht sehen möchte, gibt es. Darunter fallen alle Apps, die das Ziel haben, Gesichter oder Personen zu erkennen. Technisch wäre es weiter kein Problem, mit der in der Brille eingebauten Kamera Personen zu erfassen und die Gesichter erkennen zu lassen. Doch Google will offensichtlich Diskussionen und Bedenken im Vorfeld vermeiden. Man möchte wohl nicht, dass Passanten panisch weglaufen, wenn andere mit einer Google-Glass-Brille auf der Nase auftauchen.

Ein Besucher geht am 25. September 2007 an einem Stand des Internetkonzerns Google auf der Messe in Duesseldorf vorbei.
Google will Diskussionen und Bedenken im Vorfeld vermeiden.© AP
Kritik an der Brille nimmt zu
So fasziniert viele von den Möglichkeiten und der kompakten Technik der Brille sind: Es gibt auch Kritik und konkrete Bedenken. Kritisch wird vor allem das Thema Datenschutz gesehen. Es macht eben einen Unterschied, ob man eine Kamera oder ein Smartphone zückt und jeder weiß, dass nun Fotos oder Videos gemacht werden können, oder ob jemand eine Brille auf hat, von der nicht klar ist, ob es sich um eine Datenbrille handelt und ob diese gerade aufnahmebereit ist oder sogar gerade Aufnahmen macht.

Diese Erfahrung haben auch viele gemacht, die die Datenbrille bereits im Alltag getestet haben. Passanten fragen teilweise interessiert nach oder fühlen sich unwohl, weil beobachtet. Datenschützer befürchten nun eine groß angelegte Beobachtungswelle durch die Datenbrille. Auch Abgeordnete des US-Kongresses haben Google aufgefordert, Fragen zur Privatsphäre zu beantworten. Dabei geht es vor allem um die möglich Gesichtserkennung, die Google erst mal deaktiviert hat. Andere befürchten, Google Glass könnte – indirekt – auch von Geheimdiensten und Behörden genutzt werden, etwa um Personen aufzuspüren. Es gibt eine Menge zu diskutieren, was die Brille alles können soll und können darf.

Deutsche eher skeptisch und zurückhaltend
Die meisten Deutschen sind eher skeptisch, was die Datenbrille betrifft. Das ist das Ergebnis der aktuellen W3B-Studie von Fittkau und Maaß, bei der 69.282 deutsche Internet-Nutzer mitgemacht haben. Nur drei Prozent der Deutschen finden, die Datenbrille sei "ausgesprochen interessant". Jeder fünfte Deutsche ist nach eigener Einschätzung über Google Glass nicht wirklich informiert und hat sich bislang noch keine Meinung gebildet. 40 Prozent können sich nicht vorstellen, so eine Brille dauerhaft zu tragen.


Mehr zum Thema:

Mit Datenbrillen oder Datenuhren durch die Welt
Chancen und Risiken tragbarer Minicomputer (DLF)

Die technische Optimierung des Menschen
Wie Smartphones & Co unser Leben verändern (DKultur)

Eine gelungene Provokation
Robert M. Sonntag: "Die Scanner", Fischer (DKultur)

Die Google-Brille und ihre Folgen
Der Medienpsychologe Bert te Wildt im Corsogespräch (DLF)