Forensic Architecture im Frankfurter Kunstverein

Künstlerische Ermittlungen zu tödlichem Rassismus

05:52 Minuten
In der Frankfurter Ausstellung äußern sich Angehörige und Überlebende auf zwei Bildschirmen in Videos zum Attentat in Hanau.
Der Gegenöffenlichkeit Gehör verschaffen: In der Frankfurter Ausstellung äußern sich Angehörige und Überlebende zum Attentat in Hanau. © Frankfurter Kunstverein / Norbert Miguletz
Von Rudolf Schmitz · 02.06.2022
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Der Fall Oury Jalloh und das Attentat in Hanau erschütterten die Republik. Zu beiden Komplexen präsentiert eine Ausstellung in Frankfurt nun neue Erkenntnisse. Die Recherchen liefern Hinweise auf schwere Versäumnisse der Sicherheitsbehörden.
Im Januar 2005 verbrennt in einer Dessauer Gefängniszelle der Asylsuchende Oury Jalloh aus Sierra Leone. Im Februar 2020 tötet ein rassistischer Attentäter neun Menschen türkischer Herkunft in Hanau, anschließend bringt er sich selbst und seine Mutter um. Die Gerichtsverfahren werden bald eingestellt, die Angehörigen der Opfer mit quälenden Fragen alleingelassen. Sie organisieren sich daraufhin in Initiativen und beauftragen die von Kulturschaffenden gegründete Rechercheagentur Forensic Architecture mit Nachforschungen.

An Händen und Füßen gefesselt

Die erschütternden Ergebnisse präsentiert jetzt der Frankfurter Kunstverein in einer Ausstellung, um einer Gegenöffentlichkeit Gehör zu verschaffen.
Aus gegebenem Anlass trägt diese Ausstellung den Titel "Drei Türen". Es geht um den verschlossenen Notausgang der Arena Bar in Hanau-Kesselstadt, in der sechs Menschen ermordet wurden. Es geht um die Haustür des Täters, die von der Polizei weder gesichert noch überwacht wurde. Und es geht um die Tür der Polizeizelle in Dessau, in der Oury Jalloh verbrannte, nachdem er, an Händen und Füßen gefesselt, angeblich selbst die Matratze angezündet hatte.
Bestimmend für alle Ausstellungsebenen mit ihren Filmen, Zeugenaussagen, Tatortrekonstruktionen und 3D-Modellen sind große Diagramme: Zeittafeln kollektiver Handlungen. Es geht um fünf schematisierte und einander zugeordnete Foren: um Gerichtsbarkeit, Politik, Zivilgesellschaft, Erinnerungskultur und Medien. Man sieht, wo etwas geschah beziehungsweise nicht geschah.

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Durch öffentlichen Druck und beharrliches Insistieren der Hanauer Opferfamilien wurden ihre Vertreter:innen in einem Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages gehört. Was sie dort sagten und worüber sie Aufklärung verlangten, wird in dieser Ausstellung in eindrucksvollen Filmporträts vorgeführt.
Immer wieder geht es um den verschlossenen Notausgang der Arena-Bar. Forensic Architecture kommt nach Untersuchungen von Räumlichkeit und Fluchtgeschwindigkeit - ermittelt anhand der Bilder von Überwachungskameras - zu dem Schluss, dass mindestens zwei Personen ihr Leben hätten retten können, wäre die Tür offen gewesen.

Der Notausgang war zu

Doch der Notausgang war zu. In einem Video in der Ausstellung heißt es: Als der Täter die Bar betreten habe, "hatten die Opfer nur einen möglichen Fluchtweg: diesen Notausgang. Der Überlebende Piter Minnemann erklärte jedoch: 'Wir wären ja zum Notausgang gelaufen, aber wir alle wussten, dass er zu ist. Schon seit Jahren.' Andere Überlebende bestätigten das. Es gibt Anschuldigungen, dass der Umgang der Polizei und anderer Behörden und deren Kontrollen dazu beigetragen haben könnten, dass der Notausgang versperrt war."
Die Polizei hatte seit Jahren in der Bar Razzien durchgeführt und deshalb ein Interesse daran, dass niemand durch den Notausgang fliehen konnte.
Die Kraft der Ausstellung bestehe darin, dass sie einerseits über das von Forensic Architecture gesammelte Wissen sehr objektiv funktioniere und sehr sachlich sei, sagt Kunstvereinsleiterin Franziska Nori. Auf der anderen Seite werde aber auch die Gerechtigkeitsfrage gestellt, "die im Raum steht und beantwortet werden muss“. 
Und so werden Punkt für Punkt strittige und quälende Fragen zum Rassismus in der Polizei, zum dilettantisch desinteressierten Einsatz am Täterhaus und zum Ausfall der Notrufnummer in einer präzise recherchierten Gegenerzählung dargestellt.

Rekonstruktion einer Zelle

Im Fall Oury Jalloh ist die Gefängniszelle rekonstruiert und mit entsprechenden Brand- und Schmauchspuren versehen worden, die aus Polizeiberichten und Videos stammen. Von Forensic Architecture mithilfe eines irischen Brandsachverständigen durchgeführte Abbrandversuche haben ergeben, dass zweifelsohne Brandbeschleuniger benutzt wurden.
Der Frankfurter Kunstverein macht sich mit dieser beklemmenden Ausstellung zum Sprachrohr einer Zivilgesellschaft, die den Rassismus als Kernproblem unserer Gesellschaft begreift. Wunsch und Hoffnung sei, dass der Diskurs lebendig gehalten werde über das, was gesellschaftlich Not tue, sagt die Kunstvereinsleiterin Franziska Nori: "Wie wollen wir unsere Gesellschaft in Zukunft denken, was ist eine solidarische Gesellschaft?"
Schon jetzt ist "Three Doors" die wichtigste Ausstellung des Jahres und wird zweifellos für heftigen Medientumult sorgen. Und hoffentlich ein paar bislang verschlossene Türen aufsprengen.
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