Dienstag, 14.08.2018
 

Länderreport | Beitrag vom 16.05.2018

Folgen der Treuhandpolitik Die "Bad Bank" der Ostdeutschen

Von Bastian Brandau

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1992 brachten Aktivisten in Thüringen ein Schild an: Treuhand-Mitarbeiter unerwünscht! (Zentralbild / dpa)
1992 brachten Aktivisten in Thüringen ein Schild an: Treuhand-Mitarbeiter unerwünscht! (Zentralbild / dpa)

Die Privatisierungen der Treuhand in der Nachwendezeit sind das Hauptthema des Historikers Marcus Böick. Auf Diskussionsveranstaltungen in Sachsen ist für den Wissenschaftler ebenso wie für das Publikum zu spüren: Die Wunden der Treuhand-Privatisierungen sind nicht verheilt.

Thüringer Kali-Kumpels im Hungerstreik, der von Eiern getroffene Helmut Kohl, die Namen längst untergegangener DDR-Betriebe. In seinem Vortrag ließ Marcus Böick, Historiker an der Ruhr-Uni Bochum die Nachwendezeit aufleben. Schon vor zehn Jahren hatte sich Böick in seiner Masterarbeit mit der Treuhand befasst, nun veröffentlicht er Anfang Juli seine Doktorarbeit zum Thema.

"Und dieser Hungerstreik war dann so eine Art Fanal, es gab eine sehr sehr scharfe mediale Auseinandersetzung um diesen Fall Bischofferode. Und deswegen hat sich Bischofferode so symbolhaft eingebrannt in mehrerlei Hinsicht. 'Symbolhaft' weil Bischofferode als Fanal gilt für einen ostdeutschen Widerstand gegen diese Treuhandpolitik, auf der anderen Seite aber auch wird dieser Hungerstreik geendet, nachdem man umfassende Sozialplanregelungen triff. Man kauft also quasi wieder die Ruhe ein. Das ist auch wieder charakteristisch. Dieser Aufstand in Bischofferode führt nicht zu einem breiten, flächendeckenden, sagen wir mal, Ausstand in den neuen Bundesländern."

90 Prozent der DDR-Betriebe hat die Treuhand abgewickelt

Zugriff auf die Akten der Treuhand hatte Böick für seine Arbeit nicht. Sie lagen zu dieser Zeit noch unter Verschluss im Bundesfinanzministerium. Böick hat darum unter anderem Interviews mit Treuhand-Managern und Gewerkschaftern geführt. Die Entscheidung zur Wiedervereinigung sowie das schnelle Zusammenführen beider Wirtschaftssyteme sei für damalige Beobachter überraschend gewesen. Doch mit letzterem sei man damals schlicht überfordert gewesen. Die Treuhand hatte ursprünglich einen anderen Auftrag. Sie sollte das Volksvermögen der DDR bewahren und verteilen. Doch mit der Entscheidung zur Währungs- und Sozialunion wurde dies unmöglich.

"Und zwar, jetzt sollen sie die Betriebe entstaatlichen. Und zwar privatisieren, an private Investoren. Die Erlöse sollen Teil des Bundeshaushaltes werden. Das ist der zweite radikale Schwenk im Sommer 1990."

An der Spitze der Treuhand standen westdeutsche Manager, ein Großteil der Mitarbeiter waren ostdeutsche Referenten, die vorher in den Betrieben gearbeitet hatten. Weil es schwer war, Management-Personal zu finden, kommen in den Betrieben oft junge Manager aus dem Westen zum Einsatz. Bei den ostdeutschen Mitarbeitern seien die oft negativ in Erinnerung geblieben, beschreibt es Böick. Bis 1992 habe die Treuhand mehr als 90 Prozent ihrer Betriebe abgewickelt, über drei Millionen Menschen wurden arbeitslos - eine extreme Entwicklung, die bis heute nachwirke, sagt Böick:

"Wir reden hier von über 8.000 Betrieben, die innerhalb von zwei Jahren privatisiert oder abgewickelt werden. Alle gleichzeitig. Und noch im Betrieb. Von sehr kleinen bis zu sehr großen Betrieben. Und das macht uns bis heute zu schaffen, weil natürlich die Politik, die Gesellschaft und die Medienöffentlichkeit völlig den Überblick verliert."

Ursache für anhaltenden Unmut: die Ungerechtigkeiten nach der Wende

Der Umbruch und die Ungerechtigkeiten nach der Wiedervereinigung – das trägt auch in Sachsen mit zur Unzufriedenheit bei. Davon ist die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping, SPD überzeugt. Sie hat vor eineinhalb Jahren dazu aufgerufen, über Ungerechtigkeiten in der Nachwendezeit zu reden. In Hoyerswerda sitzt Köpping mit auf dem Podium. In der Oberlausitz hatten Mitarbeiter ihr Emaille-Werk für Stromanlagen fortführen wollen, aber keinen Kredit bekommen. Letztlich habe ein westdeutscher Investor für eine Mark den Zuschlag erhalten – und das Werk geschlossen.

"Und dass dann jemand heute sagt: 'Also das ist im Grunde genommen Betrug gewesen!'Das ist klar. Und wir wollen dazu beitragen, dass man aufklärt: Was ist richtig, was ist wahr? Was ist wirklich so gewesen? Was ist Mythos? Was entsteht auch, wenn man etwas nicht aufklärt?"

Eine Arbeit, die Zeithistoriker mit den Treuhand-Akten nun angehen können, denn die Akten kommen ins Bundesarchiv und sind somit für Wissenschaftler zugänglich. Die Geschichte der Treuhand sei weder schwarz noch weiß, sagt Historiker Marcus Böick. Im Publikum berichtet ein ehemaliger Mitarbeiter einer sächsischen Papierfabrik über seine Erfahrungen:

"Wir haben als Betriebsrat und als Betrieb alle Wünsche und Forderungen der Treuhand erfüllt und haben durchgehend Erschwerniszulagen, Treuezulagen und alle Zulagen, Urlaubsgeld… was eben in der deutschen Papierindustrie üblich war, in der DDR, in Westdeutschland, haben wir weiterbezahlt."

Weshalb das alles nun noch einmal aufrühren?

Als ein Investor den Fortbestand des Werkes nur für fünf Jahre garantieren wollte, habe der Betriebsrat abgelehnt und die Treuhand dies akzeptiert. Trotzdem: Die "Band Bank" der Ostdeutschen, wie sie hierzulande oft genannt wird, bewegt nach wie vor die Gemüter. Was aber kann eine Aufarbeitung bringen? - Das durchweg ältere Publikum in Hoyerswerda hat dazu unterschiedlicher Meinungen: 

- "Ich denke auch für jüngere Leute ist es wichtig zu verstehen, warum ältere Leute ärgerlich sind, warum sie sagen, sie sind betrogen worden."
- "Mit welchem Ziel? Was hat denn das für einen Sinn?"
- "Wir müssen zusehen, dass wir neue Ungerechtigkeiten verhindern."
- "Die gibt es nicht, es gibt keine gerechte Welt. "

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