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Interview / Archiv | Beitrag vom 24.07.2015

Flüchtlinge vom Westbalkan"Es handelt sich um Menschen aus unserer europäischen Familie"

Klaus-Michael Bogdal im Gespräch mit Christopher Ricke und Anke Schäfer

Ein Slum in Baia Mare im Nordwesten Rumäniens. Roma laufen zwischen den Gleisen einer Eisenbahn. (picture-alliance / Zsolt Czegledi)
In vielen Ländern Südosteuropas leben die Roma in Elendssiedlungen, wie hier im Nordwesten Rumäniens. Sie fliehen vor der Armut in die reichen Länder der EU. (picture-alliance / Zsolt Czegledi)

Als unselige Tradition hat der Buchautor Klaus-Michael Bogdal Forderungen der CSU nach Lagern für die Flüchtlinge vom Westbalkan kritisiert. Das eigentliche Problem seien die krassen Unterschiede von Arm und Reich in Europa.

"Das Lager hat für Rechtspopulisten immer eine ganz hohe symbolische Bedeutung", sagte der Buchautor Klaus-Michael Bogdal im Deutschlandradio Kultur. "Einsperren, kontrollieren, ausgrenzen, bestrafen, demütigen und vor allem das Lager macht diese Menschen sichtbar", kritisierte der Literaturwissenschaftler die CSU-Forderung nach Lagern für die Flüchtlinge aus den Ländern des Westbalkan, bei denen es sich vor allem um Roma handelt.

"Es handelt sich um Menschen aus unserer europäischen Familie", betonte Bogdal. Wenn man sie in einem Lager zusammensperre, mache man sie auch sichtbar für die Bevölkerung und könne damit Politik machen. "Das hat schon eine unselige Tradition."

Vorurteile gegen Roma

Es gebe europaweit tiefsitzende Vorurteile gegen Roma, beklagte Bogdal. Der Bevölkerungsgruppe werde unterstellt, dass sie unfähig sei, ein modernes und zivilisiertes Leben zu organisieren. Außerdem gebe es rassistische Sichtweisen. Dabei seien diese Vorurteile  weit von der Lebensrealität der Menschen entfernt.

Es sei wichtig, drei Gruppen der Roma zu unterscheiden. Es handele sich um Einwanderer, aber auch um Saisonarbeiter, ohne die eine Ernte von Erdbeeren oder Spargel kaum zu bezahlen sei. Über die dritte Gruppe der Armen werde am meisten geredet, weil man ihnen als Bettler in den Städten begegne.

Neue Gastkultur in Deutschland

Der Buchautor beschrieb aber auch eine positive Entwicklung der letzten zwei, drei Jahre in Deutschland: "Unsere Bürger entdecken doch zunehmend, dass es auch so etwas wie eine deutsche Gastkultur gibt", sagte er. "Das bezieht sich auch durchaus auf diese Gruppe der Roma." Es gebe dafür auch historische Wurzeln, wenn man an die Aufnahme der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg denke.

Der Westbalkan verarmt zunehmend 

Das eigentliche Problem seien die großen Unterschiede zwischen Arm und Reich in Europa, wobei der Westbalkan zunehmend verarme. "Ein vereinigtes Europa kann nicht existieren, wenn es diese räumliche Verteilung von Armut und Reichtum gibt, denn das geht nicht gut." Arme Menschen wollten dahin gehen, wo es etwas zu verdienen gebe.

Klaus Michael Bogdal, Europa erfindet die Zigeuner – eine Geschichte von Faszination und Verachtung, Suhrkamp Verlag, 24,90 Euro

Mehr zum Thema:

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(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 07.04.2015)

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