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Nachspiel | Beitrag vom 26.05.2019

Flucht aus dem OstblockAls Hockey-Legende Peter Ihnačák rübermachte

Von Martin Hyun

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Peter Ihnačák als Eishockeyspieler 1994 in Krefeld (Werek / imago)
Peter Ihnačák als Eishockeyspieler 1994 in Krefeld. (Werek / imago)

Der Pass wurde ihm entzogen, der KGB überwachte ihn. Hätte sein Land ihn nicht gezwungen, Peter Ihnačák hätte Anfang der 80er-Jahre kein Eishockey mehr gespielt. Bei der WM in Finnland nutzte er seine Chance und setzte sich in den Westen ab.

Der 9. Oktober 1982 ist für Peter Ihnačák ein Datum, daß er nicht vergessen wird. Denn an diesem Tag bestreitet er eines seiner ersten Spiele im Trikot der Toronto Maple Leafs. Vorausgegangen war ein langer und steiniger Weg in die Freiheit für den im Mai 1957 im slowakischen Poprad geborenen Ihnačák.

Er ist elf Jahre alt, als die militärische Besetzung der Tschechoslowakei durch Truppen des Warschauer Paktes beginnt. Der Prager Frühling, die Hoffnung auf einen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", wird gewaltsam niedergeschlagen.

Da drei der insgesamt neun Geschwister von Ihnačák in die USA fliehen, hat das Konsequenzen für ihn. Man geht davon aus, dass auch er Republikflucht begehen wird.

Zu Olympia 1980 darf er nicht ausreisen

Ihnačák entwickelt sich zu einem der besten Spieler seines Landes. 1980 gehört er zum Olympia-Kader für Lake Placid und spielt ein starkes Vorbereitungsturnier. Doch es kommt anders:

"Wir sollten Sonntagmorgen abreisen. Doch am Samstagabend erhielt ich einen Anruf vom Management. Das Management teilte mir mit, wie ich bereits erwähnte, galt ich als fluchtgefährdet. Russland war in Afghanistan einmarschiert. Man sorgte sich über einen möglichen Fluchtversuch meinerseits. Wenn dieser Fall eintreffen würde, dann würde sich dies sehr negativ auf die tschechoslowakische Nationalmannschaft auswirken. Es war sehr enttäuschend. Es brach mir das Herz."

Die Eishockey-Legende Peter Ihnačák im Gespräch mit dem Deutschlandradio (Martin Hyun / Deutschlandradio)Die Eishockey-Legende Peter Ihnačák im Gespräch mit dem Deutschlandradio. (Martin Hyun / Deutschlandradio)
Aufgrund eines Visa-Antrages für die Bundesrepublik Deutschland zieht die tschechische Staatssicherheit den Reisepass von Ihnačák ein.

"Ein paar Tage später erhielt ich einen Brief mit der Erklärung, dass ich ein Staatsfeind bin und es mir aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt sei, einen Pass zu besitzen."

"Sie zwangen mich, Eishockey zu spielen"

Niedergeschlagen beschließt Ihnačák, seine Karriere als Eishockeyspieler zu beenden, und geht in seine Heimatstadt Poprad zurück. Doch sein Arbeitgeber Sparta Prag schickt ihm einen Brief, in dem er ihn an seine Pflichten als Arbeitnehmer des Vereins erinnert. Danach muss Ihnačák am Trainingsbetrieb teilnehmen. Ein Verstoß kann sogar zu einer Gefängnisstrafe führen.

"Sie zwangen mich dazu, wieder Eishockey zu spielen."

Als mit Miroslav Fryčer ein weiterer tschechischer Nationalspieler nach Kanada flüchtet, erhält Ihnačák zunächst seinen Pass doch nicht zurück. Erst fünf bis sechs Monate später bekommt er ihn wieder. Zu dieser Zeit existieren zwei Arten von Pässen in der Tschechoslowakei – ein Reisepass und ein Pass vom Arbeitgeber. Als Ihnačák 1982 doch noch zur WM in Finnland darf, gibt er wie alle Mitspieler seinen Arbeitgeber-Pass an den Mannschaftsleiter ab. Auf dem Weg zum Hotel erklärt ein Mannschaftskollege, dass KGB-Agenten die Spieler streng observieren.

"Jedes Mal, wenn ich in die Umkleidekabine kam, nahm ich Pass und Geld aus meiner Jacke und steckte es in die Eishockeyhose. Ich trainierte und spielte mit dem Pass und Geld. Nach dem Spiel habe ich beides einfach wieder in meine Jacke gesteckt und ins Hotel zurückgebracht."

Schicksalshafte Begegnung im Flugzeug

Dann ruft er heimlich seinen Bruder John in New York an. Er sagt ihm, dass er nicht in die Tschechoslowakei zurückkehren wird. John setzt sich in das nächste Flugzeug nach Helsinki. Zufällig sitzen in der gleichen Maschine die Verantwortlichen der Toronto Maple Leafs, die bei der WM auf der Suche nach einem guten tschechoslowakischen Mittelstürmer sind, der mit Miroslav Fryčer eine Reihe bilden soll. John erzählt ihnen von seinem Bruder Peter, der genau in das Profil der Maple Leafs passt. Erst so wird der Verein auf Peter Ihnačák aufmerksam. Doch um in die Freiheit zu gelangen, muss zunächst die Flucht aus Helsinki gelingen.

Peter Ihnačák in seiner Saison als Trainer der Hannover Scorpions (Rust / imago)Peter Ihnačák Anfang der 2000er in seiner Saison als Trainer der Hannover Scorpions. (Rust / imago)

"Es war eigentlich eine 'Mission Impossible'. Wir fuhren zum Hafen von Helsinki. An Wochenenden pendelte eine große Fähre zwischen Stockholm und Helsinki. Als wir ankamen, sahen wir einen Offizier auf dem Boot, der die Passagiere überprüfte. Daraufhin sagte mein Bruder, dass es nicht funktionieren wird. Wir werden den Hafen nicht verlassen können. Aber als wir zu dem Offizier gingen, sagte er nur 'Tickets'. Mein Bruder nahm die Tickets heraus und er sagte 'Okay, die Nächsten bitte! ' Und so waren wir auf dem Boot."

Beim Abendessen fehlt ein Spieler

Erst zum Abendessen gegen 18 Uhr bemerkt die Mannschaft, dass Ihnačák fehlt. Doch da befindet er sich bereits auf schwedischem Hoheitsgebiet. Insgesamt bestreitet Ihnačák 417 Spiele für die Toronto Maple Leafs ehe er 1990 zum letzten Mal für den kanadischen Klub aufläuft. Danach lässt er seine Spielerlaufbahn in der Schweiz und Deutschland ausklingen. Heute ist Peter Ihnačák Talentscout für die Washington Capitals.

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