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Breitband | Beitrag vom 22.12.2018

FitnesstrackerJeder Schritt zählt

Von Matthias Finger

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Ein Smartwatch am Handgelenk.
Fitnesstracker zählen jeden Schritt und schätzen, wie viel Kalorien man dabei verbraucht hat.

Jeder dritte Deutsche zeichnet seine Gesundheitsdaten auf – mit dem Mobiltelefon oder einer Smartwatch. Doch was macht es mit einem, wenn man sich ständig selbst überwacht? Unser Autor Matthias Finger hat es getestet.

8.000 Schritte pro Tag schlägt mir die kleine Maschine am Handgelenk vor. Na gut, ich könnte weniger Autofahren und mit meinem Sohn zum Kindergarten laufen. Der Nachwuchs willigt – zu meinem Erstaunen – ein. "Ja, wir könnten lieber mit dem Fahrrad fahren. Ich fahre mit meinem Fahrrad und du läufst. Das ist gesünder."

Ich mag ihn

Ja, Schweinchen schlau. Allerdings ist dein Kindergarten endlose 20 Minuten zu Fuß entfernt. Und ich habe es morgens nun mal eilig. Ganz so einfach ist das wohl doch nicht. Trotz Autofahrerei bin ich von dem Fitnesstracker angetan: Ich mag ihn.

Um 13.42 Uhr habe ich 3881 Schritte gelaufen. Heißt also: Ich bin 3,3 Kilometer gelaufen und habe 252 Kalorien verbrannt. Von meinem Ziel, 8.000 Schritte am Tag, ist das gar nicht so weit: Das ist die Hälfte, und der Tag ist ja erst halb rum.

Wenn ich jetzt noch laufen gehe, ist die vereinbarte Schrittzahl in Nullkommanichts erreicht. Normalerweise quäle ich mich ins Stadion, aber der Fitnesstracker motiviert mich: Ich bin angefixt von der immer weiter steigenden Zahl auf dem Display.

Ich schaue extrem gerne auf meinen Fitnesstracker beim Laufen. Weil ich wissen will, wie viele Schritte ich schon gelaufen bin und muss aufpassen, dass ich nicht hinfalle dabei.

Ich freue mich über jeden Schritt

Bei einer streng empirischen Recherche stelle ich jedoch fest, dass von fünf Läufern hier kein einziger so ein Gerät hat: Auf deinen Körper hören und so – klaro. Meine Theorie: Vielleicht werden Fitnesstrecker gar nicht für echte Sportler gemacht, sondern für technikaffine Normalos, die sich einfach nur mal sportlich fühlen wollen.

Im Display des Fitnesstrackers finden sich viele bunte, wichtig aussehende Symbole. Die Auswertungsdiagramme in der Handy-App sehen amtlich aus. Und endlich treffe ich noch einen Nutzer – beim Rundendrehen. Für das Gespräch muss ich mitlaufen.

Läufer: "Was ich daran ganz gut finde ist, dass mir die Uhr ein Trainingsprogramm schreibt. Wenn du einen Halbmarathon laufen möchtest, dann erstellt sie dir einen ganzen Plan dafür. Ich benutze die nicht im Alltag im Sinne: Ich will 10.000 Schritte laufen, sondern ich habe sie mehr als Trainingsuhr."

Ok, hier ist ein Profi am Werk. Ich hingegen freue mich über jeden zusätzlichen Schritt, den das Gerät zählt. Meine Vermutung: Fitnesstracker arbeiten nach dem Belohnungsprinzip.

Was nicht getrackt wurde, ist nicht passiert

Wir sind gierig nach der steigenden Schrittzahl auf dem Display. Das passt in unsere Zeit, meint Professor Marcus Kleiner von der Hochschule der Populären Künste in Berlin: "Wir sind immer mehr gewohnt, uns in Zahlen zu denken. Nicht nur wenn wir konsumieren, sondern auch wenn wir uns selbst darstellen im Bereich Social Media etwa. Da sind wir so viel wert, wie wir Freunde, Abonnenten, Follower haben. Und das ist etwas, was relativ alltäglich geworden ist. Die Quantifizierung des Sozialen, die Quantifizierung von mir selbst ist zum Alltagserlebnis geworden."

Was nicht getrackt wird, ist nicht passiert: Manche Nutzer nehmen sogar den Fahrstuhl statt der Treppe – nur weil sie ihr Fitnessarmband vergessen haben. Korrumpierungseffekt heißt das, weil die Belohnung in - Form von registrierten Bewegungseinheiten – ausbleibt.

Ich kann mit den Zahlen wenig anfangen

Um 16.15 Uhr bin ich 8.291 Schritte gelaufen. Wow, Tagesziel erreicht. Ich fühle mich richtig toll. Zudem werden auch Puls und Blutdruck, Schlafmuster und Sauerstoffsättigung registriert. Anfangen kann ich mit den Zahlenkolonnen allerdings wenig.

Wir sammeln Zahlen über unseren Körper, aber was sie bedeuten wissen wir nicht. Klaro, das medizinische Grundwissen fehlt. Jetzt aber noch mal schnell zum Minibaumarkt an der Ecke, mit dem Jungen ins Kindercafé und in Küche rumwirbeln. Am Ende des Tages bin ich schwer beeindruckt.

Um 20.49 Uhr bin ich 14.177 Schritte gelaufen. Wow, ich habe mich kaum mehr bewegt als an anderen Tagen. Aber allein das Wissen um die gelaufenen Kilometer macht glücklich, nur meine Freundin ätzt: "Das kann ich mir wirklich nicht erklären wie du 5.000 Schritte nur in der Küche gemacht haben sollst – im Zeitraum von zwei Stunden."

Tja, ich kann das eben: Ganze 1.000 Kalorien habe ich heute nur durch Bewegung verbrannt. Da lasse ich mir doch den Burger mit Pommes mal so richtig schmecken.

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