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Interview / Archiv | Beitrag vom 21.11.2017

Fischen mit StromElektro-Fischnetze als "Schuss ins Blaue für das Ökosystem"

Guido Westhoff im Gespräch mit Julius Stucke

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Fischer Martin Heiden fährt mit vollen Stellnetzen mit Hering über den Greifswalder-Bodden. (Christian Charisius / dpa picture-alliance)
Fängt noch mit konventionellen Netzen: Heringsfischer auf dem Greifswalder-Bodden. (Christian Charisius / dpa picture-alliance)

Fische mit Elektronetzen fangen und betäuben ist jetzt EU-weit erlaubt. Das sei zwar schonender für die Fische und energiesparender, erklärt Biologe Guido Westhoff. Aber die Auswirkungen auf das Ökosystem seien noch weitgehend unerforscht.

"Ich esse kein Fleisch, aber Fisch", sagt so mancher "Halb-Vegetarier" - und hofft damit, das Tierleid zu minimieren. Vor allem, wenn der Fisch nicht aus Zuchtanlagen, sondern direkt aus dem Meer kommt. Wie akzeptabel die aktuellen Fischereimethoden aber sind, darüber erfährt der Verbraucher eher wenig.

Die Europäische Kommission hat sich heute dem Thema Fischfang gewidmet - und zwar mithilfe einer neuen Methode, die angeblich schonender sein soll: per elektrisch geladener Netze. Diese scheuchen, knapp über den Meeresboden gezogen, zum Beispiel Schollen oder Krabben auf - und betäuben sie. Belgische und niederländische Fischer haben das schon getestet - nun soll die Methode EU-weit praktiziert werden.

Eines der Hauptargumente für diese neue Methode sei, dass man nicht mehr - wie bisher meist der Fall - Fischereinetze mit schweren Ketten über den Boden zieht und damit den Meeresboden aufpflügt, erklärte Guido Westhoff im Deutschlandfunk Kultur. Der Biologe ist Leiter und Kurator des Tropen-Aquariums Hagenbeck in Hamburg. Die Elektronetze würden knapp über dem Meeresboden gezogen. Ein weiteres Pro-Argument sei, dass die Schiffe damit deutlich an Diesel sparen würden.  

Gefahr der Überfischung schlecht untersucht

Es gebe jedoch noch einige ungeklärte Fragen. So sorge bislang eine gewisse Maschenweite dafür, dass die kleineren Fischen durch das Netz schlüpfen können. Wenn nun ein elektrisches Feld alle Fische, egal welcher Größe, hochjage und betäube, dann sei unklar, ob das den Bestand beeinträchtigt, so Westhoff.

Sehr schlecht sei bislang etwa untersucht, ob Überfischung durch Elektronetze wahrscheinlicher wird. Ebenfalls sei noch unklar, inwieweit dieses Netz die Nahrung der Fische - etwa Wirbellose und Garnelen - stört und nachhaltig beeinflusst.

"Das heißt, es ist also ein bisschen ein Schuss ins Blaue, wo man erst mal auf der Habenseite die Energieeinsparung hat, aber noch nicht so genau weiß, was dabei für das Ökosystem rauskommt."

"Leben im Wasser deutlich ferner als das an Land"

In jedem Fall sei die Methode aber fischfreundlicher als die bisherige Praxis. "Was jetzt mit Fischen passiert, wie sie zerquetscht werden und dann ersticken oder im Eis landen, das ist alles kaum noch zu überbieten." Die Elektrobetäubung sei immerhin eine Betäubung, sodass die Fische im besten Fall nicht mitbekämen, wie sie an Bord gehievt werden und was weiter mit ihnen passiert.

Das alles zeige auch, dass wir unsere Sicht auf den Fisch verändern müssen. "Das Leben im Wasser ist uns deutlich ferner als das Leben an Land", sagte Westhoff. "Vom Mitgefühl her hat der Fisch alles Mitgefühl verdient, was ein sensibles Säugetier auch verdient hat - von seiner Sinnesleistungen, seiner kognitiven Leistung und seiner sozialen Kommunikation." Die Haltung "Der kriegt das eh alles nicht mit" sei vollkommen falsch.

(abr)

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