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Im Gespräch | Beitrag vom 27.05.2021

Filmwissenschaftlerin Bärbel DalichowHalb wild, halb gezähmt

Moderation: Britta Bürger

Brandenburgs Kulturministerin Johanna Wanka (CDU, l) und die Direktorin des Filmmuseums Bärbel Dalichow zeigen zwei Originalfotos aus dem Filmen "Totentanz der Liebe" (l) von 1926 mit Greta Garbo und Antonio Moreno und aus dem verschollenenen Film "Four Devils" von Friedrich Wilhelm Murnau aus dem Jahr 1928 (picture-alliance/ dpa / Bernd Settnik)
Bärbel Dalichow in ihrer Zeit als Direktorin des Filmmuseums Potsdam mit einer Fotografie aus Friedrich Wilhelm Murnaus verschollenem Film "Four Devils". (picture-alliance/ dpa / Bernd Settnik)

23 Jahre war Bärbel Dalichow Direktorin des Filmmuseums Potsdam. Zu DDR-Zeiten kündigte sie ihren Job als Abteilungsleiterin und verkaufte lieber Uhren. Die Tochter einer SED-Funktionärin wählte stets ihren eigenen, oft unbequemen Weg.

Wer kann schon einen Garten sein Eigen nennen, der "im Karl Marx'schen Sinne" gestaltet ist? Bärbel Dalichow kann es. Die ehemalige Direktorin des Filmmuseums Potsdam liebt ihr kunterbuntes Anwesen in der Uckermark, das ihr Mann, seines Zeichens Gartengestalter, in diesem Sinne geprägt habe, erzählt sie schmunzelnd.

"Also, Aufhebung der Arbeitsteilung, von dem Moment an, wo man sich was ausdenkt, bis zu dem Moment, wo er fertig ist: eine Art Bergwerk im Freien." Das Ergebnis liebe sie: "halb wild, halb gezähmt". Diese Beschreibung trifft auch auf das wechselvolle Leben Bärbel Dalichows zu.

Kein klassisches Familienleben

Geboren wird Dalichow 1953 in Potsdam. Ihre Mutter ist SED-Funktionärin, mehr als zwei Jahrzehnte Oberbürgermeisterin in Potsdam, bis 1990 Abgeordnete der Volkskammer und Mitglied des Staatsrates der DDR. Der Vater ist Kulturwissenschaftler. Als kleines Kind wächst Bärbel Dalichow in einem Wochenheim auf, nur sonntags ist sie bei ihren Eltern.

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Ihre Erinnerung an das Heim: "Die Kinder mussten bewältigt, erledigt werden, und zwar, wenn es ging, möglichst anständig." Ein klassisches Familienleben habe es nicht gegeben, dafür sei besonders die Mutter zu eingespannt gewesen. Später im Internat hält Bärbel Dalichow es nur zwei Jahre aus, setzt durch, dass sie an ein Gymnasium kommt.  

Der missglückte Fluchtversuch

Mit ihren Eltern gerät sie öfter aneinander: "Man wollte, dass ich zum 1. Mai gehe, marschieren. Ich wollte nicht marschieren gehen. War aber Pflicht. Dann hat mein Vater gesagt: 'Du ziehst die FDJ-Bluse an.' Dann habe ich zu ihm gesagt: 'Zieh du sie doch an, wenn sie dir so gut gefällt. Mir gefällt sie nicht. Ich will nicht.'"

Ihre Ablehnung der DDR gipfelt Ende der 70er Jahre in einem letztlich missglückten Fluchtversuch. Die Stasi kommt ihr und ihrem damaligen Mann auf die Schliche. Wie sie später erfährt, werden sie durch einen guten Freund verraten.

Direktorin des Filmmuseums Potsdam

Nach langen Verhören, kommt sie frei und kann an die Arbeit am Filmmuseum Potsdam wiederaufnehmen. Dort wirkt sie insgesamt 30 Jahre, von 1990 bis 2013 ist sie Direktorin des Hauses. Zu ihren Aufgaben gehört es, das Erbe der Filmstudios in Babelsberg und der DEFA zu bewahren. Deren Märchenverfilmungen habe sie als Kind geliebt, erinnert sich Dalichow:

"Für mich war das eingesogen mit der Muttermilch, dazu habe ich bis heute noch ein sentimentales Verhältnis, auch wenn ich jetzt ganz andere Dinge darin sehe. Je älter ich wurde, desto befremdeter war ich von den DEFA-Filmen."

Sie habe die Filme von Tarkowski, Fellini und Chaplin geliebt. Den DEFA-Streifen habe etwas gefehlt: "Vor allem fehlte ihnen Wahrhaftigkeit, und zwar in mannigfacher Hinsicht. Zum Beispiel beim Schauspiel, oder die Dialoge - du liebes bisschen: Pappmaché, hölzern!"

Schicksalsschläge

Parallel zu ihrer Arbeit am Filmmuseum stellt sie sich ihren Stasi-Akten. Sie habe einen Weinkrampf bekommen, als sie feststellen musste, wer sie alles bespitzelt hatte. Stolz ist sie, dass ihre heute 91-jährige Mutter allen Bedrängungen der Stasi wiederstanden hat: "Sie ist ein echter Mensch."

Bärbel Dalichow und ihr Mann müssen einen weiteren Schicksalsschlag erleben: den Suizid ihres jüngeren Sohnes. Es falle ihr noch heute schwer darüber zu sprechen, gesteht sie: "Man hat eine Nachricht bekommen, und diese Nachricht bringt einen um. Aber gleichzeitig lebt man sinnloserweise weiter. Und wie man lebt jeden Tag, was man macht, damit der eine Tag vergeht und dann der andere und noch einer."

Gerettet habe sie auch das Schreiben, das sie nach ihrem Abschied aus dem Filmmuseum für sich entdeckte. Sie verfasse jedes Jahr ein Buch, alle unter dem Obertitel "Abseits mit Montaigne": Selbstgespräche, Selbstvergewisserung – auch, um den Verlust in irgendeiner Weise zu begreifen.  

Geholfen habe ihr aber auch ihr Garten, in dem sie oft tagelang mit sich allein sei; dort tanke sie Kraft.

(sus)

Hilfsangebote für Menschen mit Depressionen, Suizidgefährdete und ihre Angehörigen:
Wenn Sie sich in einer scheinbar ausweglosen Situation befinden oder das auf einen Ihrer Angehörigen zutrifft, zögern Sie nicht, Hilfe anzunehmen bzw. anzubieten.

Hilfe bietet unter anderem die TelefonSeelsorge in Deutschland:
0800 111 0 111 (gebührenfrei) 0800 111 0 222 (gebührenfrei). Die Robert-Enke-Stiftung hat in Zusammenarbeit mit der Klinik für Psychatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der RWTH Aachen eine Beratungshotline ins Leben gerufen.

Diese Hotline bietet Informationen über Depressionen und deren Behandlungsmöglichkeiten an: Tel. 0241–80 36 777 (Montag bis Freitag von 09 bis 12 Uhr und von 13 bis 16 Uhr) Die Stiftung hat auch eine App entwickelt, die an Depression erkrankten Menschen unter anderem Notfall-Hilfe per SOS-Notruf anbietet.

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