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Vollbild | Beitrag vom 07.11.2020

Filmwelt in Zeiten von CoronaKinoschließungen und nervenaufreibende Dreharbeiten

Von Christian Berndt

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Ein leerer Kinosaal mit samtroten Sesseln, verstreutes Popcorn liegt vor der ersten Reihe auf dem Boden. (Getty / Digital Vision)
Durch die Corona-Pandemie spitzt sich für viele Kinos die wirtschaftliche Situation noch zu. (Getty / Digital Vision)

Das Traditionskino "Metropol" in Stuttgart schließt nicht nur den November über, sondern für immer. Derweil laufen die Filmproduktionen trotz erneuten Lockdowns in erstaunlicher Zahl weiter – eine Folge des Drehstopps im Frühjahr.

"Das wäre er, das riesige Monster. In den Tropen auch als weißer Killer bekannt. Man glaubte, dass diese Rasse längst ausgestorben sei. Aber offensichtlich muss davon noch ein Exemplar existieren."

"Der weiße Hai" ist zurück. Jetzt, mitten im Lockdown, kann man die Mutter aller Blockbuster wieder auf großer Leinwand erleben. Denn Autokinos dürfen in einigen Bundesländern auch im November weiterspielen. Aber während Spielbergs Horrorklassiker im Autokino Essen auf die Leinwand zurückgekehrt ist, endet in Süddeutschland eine Kino-Ära.

"Wir sind alle geschockt"

Mit dem Traditionskino "Metropol" schließt nach dem Ufa-Palast das zweite große Stuttgarter Filmtheater während der Corona-Pandemie.

"Wir sind alle schon geschockt", so der Filmkritiker von "Stuttgarter Zeitung" und "Stuttgarter Nachrichten", Bernd Haasis: "Das war das wichtigste Kino hier, denn in diesem Kino spielte unter anderem das Trickfilmfestival, das Indische Festival, das Dokumentarfilmfestival des SWR, das war alles im Metropol."

In Kinosälen, die noch aus den 20er-Jahren stammen und die Hollywood-Stars wie Errol Flynn zur Premiere ihrer Filme beehrt haben. Die Betreiber des Metropol wollten zwar trotz gestiegener Pachtpreise und sinkender Zuschauerzahlen weitermachen, entschieden sich dann aber aufgrund der unsicheren Corona-Situation zuletzt dagegen.

"Insofern ist das die generelle Kinokrise, aber Corona hat das natürlich verschärft", sagt Bernd Haasis.

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Und damit steht das Metropol symptomatisch für die Situation der Kinobranche. In Deutschland kommt der erneute Lockdown für die Kinos zum ungünstigsten Zeitpunkt, erklärt Film- und Fernsehproduzent Uli Aselmann, "weil vor allem gerade am vergangenen Wochenende die Zahlen so exorbitant noch einmal gestiegen sind, ein Zuschauer-Anstieg von 44 Prozent in den deutschen Kinos mit ja fast nur deutschen Filmen. Das ist natürlich jetzt eine Vollbremsung."

Dreharbeiten finden weiter statt

Für Uli Aselmann von der deutschen Produzentenallianz bringt der neue Lockdown erst einmal wenig Veränderungen. Filmdrehs finden weiterhin statt, nur eben mit Corona-Hygieneregeln. Bislang würden diese Dreharbeiten in Deutschland den Umständen entsprechend gut verlaufen. "Soweit ich informiert bin", sagt er, "sind 27 Kinofilmproduktionen angemeldet, und soweit ich richtig verstanden habe, hat es da fünf Fälle gegeben."

Trotz dieser Corona-Vorfälle musste noch kein Dreh komplett abgebrochen werden. Für Fälle coronabedingter Drehabbrüche wurde im September ein staatlicher Ausfallsfonds von 50 Millionen Euro eingerichtet. Der gilt bislang nicht für die meisten Fernsehproduktionen, aber es wird über einen "Ausfallfonds II" verhandelt, der nicht nur Kino- und sogenannte High-End-Serien-Drehs abdecken soll.

"Und das sieht Moment, glaube ich, ganz gut aus", sagt Uli Aselmann. Er vertraut auch auf die für den Zeitraum des erneuten Lockdowns zugesagten staatlichen Hilfen. Die sehen 70 Prozent des Umsatzes vom November des Vorjahres für Betriebe über und 75 Prozent für Betriebe unter 50 Beschäftigten vor.

"Ich bin grundsätzlich sicher, bei 25 Milliarden, die ja dafür zur Verfügung stehen, dass sowohl die Kulturschaffenden als auch die Kinobesitzer und Verleiher und dann im zweiten Gang sicher auch die Produzenten berücksichtigt werden", meint er.

Auch deshalb hält Aselmann im Moment nichts von den Überlegungen in der Kulturbranche, gegen Lockdown-Beschränkungen – wie etwa die Kinoschließungen – zu klagen. Erst müsse abgewartet werden, ob die Hilfen ankommen. Was die Filmproduktionen betrifft sei die Situation in Deutschland im Vergleich zu vielen anderen Ländern noch relativ komfortabel.

Nachwirkung der Drehstopps im Frühjahr

"Interessanterweise wird ja unglaublich viel gedreht im Moment, Sie kriegen ja kaum Teams", erzählt Regisseur Friedemann Fromm, der gerade eine neue Folge der ZDF-Krimiserie "Helen Dorn" dreht. Dass gerade viel gedreht wird, hänge auch mit den Drehstopps im Frühjahr zusammen. Aber die Filmarbeiten gestalten sich kompliziert:

"Wir haben uns entschlossen, das über Schnelltests zu machen", erklärt Fromm. "Die Komparsen werden morgens schnell getestet, bevor sie aufs Set kommen. Und wenn Schauspieler sich nahekommen, wir testen sowieso alle einmal die Woche, und wenn Schauspieler sich nahekommen, werden sie am Beginn eines Drehtages einem Schnelltest unterzogen." Im Falle einer Bettszene würden die Schauspieler vorher außerdem in Quarantäne geschickt.

Zwar hat Fromm schon härtere Drehs erlebt: "Wenn ich mir überlege, dass wir in Finnland bei minus 45 Grad gedreht haben oder auf offenem Meer bei Windstärke sechs auf einem Segelboot über drei Wochen. Das ist natürlich eine andere Form von Stress."

Trotzdem sei der Dreh mit Corona im Nacken mitunter nervenaufreibend: "Ich finde es psychologisch belastend, weil immer so eine Bedrohung wie ein Damoklesschwert über dem Dreh hängt. Das merke ich, das wird von Tag zu Tag mehr. Es macht einen so mürbe."

Wenigstens könne man davon ausgehen, dass es nächstes Jahr einen sehr großen Bedarf an Filmen geben werde, denn der Produktionsstopp vom Frühjahr wirke nach. Nur werden das, glaubt Fromm, nicht mehr alle Filmproduktionsfirmen erleben:

"Ich weiß nur von kleineren Produktionen: Ich glaube, dass da viele die Krise nicht überleben werden, aufgrund von solchen Drehabbrüchen oder Projekten, die abgesagt werden. Da kenne ich einige Produktionen, die im tiefroten Bereich unterwegs sind."

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