Seit 01:05 Uhr Tonart

Freitag, 03.04.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Im Gespräch | Beitrag vom 25.02.2020

Filmemacher Alexander Kluge„Krieg ist mein Hauptthema“

Moderation: Britta Bürger

Beitrag hören Podcast abonnieren
Porträt des Filmemachers und Schriftstellers Alexander Kluge, gestikulierend auf einer Bühne. (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)
Schriftsteller und Filmemacher Alexander Kluge (picture alliance / dpa / Horst Ossinger)

Filmemacher ist er auch. Außerdem Literat, Produzent, Philosoph, Jurist: Alexander Kluge, der Intellektuelle, der so viele Kunstformen beherrscht. Mit 88 Jahren blicken andere auf ihr Werk zurück. Er stellt auf der Berlinale seinen neuesten Film vor.

Die Fledermaus, sagt Alexander Kluge, sei das Wappentier der Aufklärung - und auch seins. Denn der Filmemacher, der kürzlich 88 Jahre alt geworden ist, sieht sich als Aufklärer, der wie eine Fledermaus Schallwellen aussendet und aus dem Echo Bilder der Wirklichkeit formt.

Damit will er beim Zuschauer Assoziationen wecken, die dieser selbst zusammenfügen kann. "Generös" müsse der Zuschauer dafür mit dem Material umgehen, das Kluges Filme ihm anbieten, ohne Ungeduld und "mit viel Selbstbewusstsein".

Kolonialisten mit der Kamera

Ein Feuerwerk von Assoziationen löst sein neuster Film aus, "Orphea", der auf der Berlinale gezeigt wird. Der Mythos von Orpheus und Eurydike in die Gegenwart verlegt, mit der philippinischen Hauptstadt Manila als höllischem Schauplatz. Wie so viele Filme von Alexander Kluge ein Gemeinschaftswerk – die Dreharbeiten in Manila hat Kluge dem philippinischen Filmemacher Khavn de la Cruz anvertraut, denn "würden wir dort hinreisen mit der Kamera, dann wären wir Kolonialisten, wir würden Gesichter rauben."

"Kooperation", das Mantra des Filmemachers Alexander Kluge, zieht sich durch sein Oeuvre: Berühmt ist der Film "Deutschland im Herbst" von 1978, bei dem er gemeinsam mit Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff und etlichen anderen Regie führte. Dabei war der promovierte Jurist Alexander Kluge ein Quereinsteiger im Filmgeschäft. Ende der 1950er-Jahre arbeitete er in der Rechtsabteilung des Frankfurter Instituts für Sozialforschung. Und Theodor W. Adorno verhalf dem jungen Rechtsanwalt zu einem Filmpraktikum beim berühmten Regisseur Fritz Lang.

Nur vier Jahre später war Kluge einer der Initiatoren des "Oberhausener Manifests", der Geburtsurkunde des unabhängigen Autorenfilms in Deutschland. "Das ist nach wie vor die Forderung des Tages", sagt Alexander Kluge über Film und Fernsehen, "so viel Unabhängigkeit wie möglich" – künstlerisch, aber auch kommerziell.

"Alle Aushilfen liegen in den schon vorhandenen Erfahrungen"

Und die Kunst, so Alexander Kluge, müsse vergegenwärtigen, sie müsse aus der Vergangenheit das hier und jetzt erklären und Alternativen aufzeigen. Und er sagt: "Alle Aushilfen liegen in den schon vorhandenen Erfahrungen". Auch in der eigenen Biographie. Als 13-jähriger überlebte Alexander Kluge mit knapper Not die Bombardierung seiner Heimatstadt Halberstadt am Ende des Krieges. Er sieht hier nun Parallelen zu heute: "8. April 1945, ich sitze da im Keller. Und: die Gegenwart in Syrien oder in Libyen - das ist eins".

Und dieses Thema lässt ihn nicht los: Neben einigen Ausstellungsprojekten schreibt Alexander Kluge zurzeit vor allem über Krieg und Alternativen zum Krieg: "Krieg ist mein Hauptthema. Wenn wir uns nicht um ihn kümmern, kümmert er sich um uns. Und schlägt zu."

(pag)

Im Gespräch

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur