Kommentar zum Film „Die Odyssee“

Odysseus und wir

04:51 Minuten
Matt Damon in einer Szene des Films.
Matt Damon spielt in Nolans Film Odysseus, den griechischen König von Ithaka. © picture alliance / SIPA / LILO
Ein Kommentar von Bernard Hoffmeister |
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Christopher Nolan bringt mit „Die Odyssee“ eine antike Sage ins Kino. Für Adorno und Horkheimer war Homers Held die Schlüsselfigur einer Vernunft, die Freiheit verspricht und doch neue Zwänge hervorbringt. Damit ist der Stoff ausgesprochen zeitgemäß.
Eine unvergessliche Stelle in Homers „Odyssee“ ist der Moment, in dem Odysseus und seine Mannschaft den Sirenen begegnen. Deren Gesang ist so betörend, dass niemand ihm widerstehen kann – und wer sich ihm hingibt, findet den Tod. Doch die Sirenen versprechen nicht bloß Lust. Sie locken mit einem Glück jenseits von Mühe und Pflicht: mit dem Ende aller Anstrengung, vielleicht sogar aller Selbstkontrolle.
Um dennoch heimzukehren, greift Odysseus zur List. Seinen Männern verstopft er die Ohren mit Wachs, damit sie taub weiterrudern. Sich selbst aber lässt er an den Mast fesseln. So bringt er die Versuchung auf Distanz: nah genug, um sie zu erleben, fern genug, um ihr nicht zu erliegen.

Die Odyssee als Blaupause der Moderne

1947 lesen Adorno und Horkheimer diese Episode in der „Dialektik der Aufklärung“ als Blaupause der Moderne. Drei Einsichten sind dabei entscheidend:
Erstens, die Ruderer. Sie stehen für die Arbeitenden. Sie schuften, ohne je zu hören, wonach sie sich sehnen; sie sollen gehorchen, ohne die Gründe zu kennen; und Genuss ist für sie nicht vorgesehen. Ihr Verzicht ist vollkommen.
Zweitens Odysseus: Er darf hören, also genießen – aber gefesselt, ohnmächtig und folgenlos. Die Schönheit wird für ihn zum bloßen Schauspiel, zu einem leeren Genuss.
Aber es zeigt auch: Indem wir uns beherrschen, beherrschen wir auch die Natur. Wir sind dem verzaubernden Gesang nicht ausgeliefert, wir haben die Macht zur kontrollierten Erfahrung: Genuss, entgiftet durch Distanz. Darin erkennen Adorno und Horkheimer eine Grundfigur bürgerlicher Vernunft.

Das autonome Subjekt ist erkämpft und erlitten

Drittens das Ich. Die Philosophen schreiben: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst […] geschaffen war.“ Wer Mächte bezwingen will, die größer sind als er, muss zuvor sich selbst bezwingen – mit List, Disziplin und geplantem Triebverzicht. Das autonome Subjekt ist kein Naturgeschenk, sondern erkämpft und erlitten.
Genau hier liegt der Preis. Um die äußere Natur zu unterwerfen, müssen wir die innere niederhalten. Jedes Kind lernt noch heute schmerzlich, dass es nicht jedem Trieb folgen darf. Zivilisation gelingt nur, wo der Mensch sich selbst formt – oder härter gesagt: sich zurichtet.
Und eben darin, so die Warnung, kann die Vernunft, die uns von den Volten der Natur befreien sollte, selbst zum Zwang werden. Die Aufklärung, angetreten, den alten Mythos zu vertreiben, schafft so ihren eigenen neuen Mythos.

Verzicht soll sich gut anfühlen

Diese Anstrengung spüren wir bis heute: Das eigene „Ich“ zusammenzuhalten, ist zur Daueraufgabe des modernen Lebens geworden. Optimiere dich, reguliere dich, verzichte – so tönt es von den Eltern, Politikern, Influencern und sonstigen Lautsprechern, stets im Namen eines „guten Lebens“, das immer erst morgen beginnen soll. Und mehr noch: Der Verzicht soll sich am Ende auch noch gut anfühlen!
Das erzeugt Druck, und der sucht ein Ventil. Viele kennen diesen Frust. Warum so viel Disziplin, wenn das versprochene Glück doch nie eintrifft? Warum die eigenen Wünsche zügeln, während die Zumutungen ständig wachsen?
Manche haben das Gefühl, man wolle ihnen nicht nur Vorschriften machen, sondern auch noch den letzten Rest unreglementierter Lebensfreude austreiben. Genau hier setzt der Populismus an. Sein Versprechen lautet: Folge mir, und Du darfst dem Gesang der Sirenen wieder hemmungslos nachgeben.
Vielleicht erklärt das auch einen Teil der politischen Verdrossenheit. Den Regierenden sieht man an, wie sehr sie selbst in Zwängen leben. Wir erkennen in ihnen unsere eigene Erschöpfung – und wenden uns gerade deshalb von ihnen ab.

Vernunft darf kein Selbstzweck sein

Die Lehre daraus ist nicht, dass der Preis für Aufklärung und Zivilisation zu teuer erkauft wäre. Aber ihre Zumutungen müssen neu begründet und erklärt werden. Vernunft darf kein Selbstzweck sein; sie braucht ein Ziel, das den Menschen einleuchtet und sie dafür gewinnt. Ideale müssen wieder zu Geschichten werden, die tragen.
Sonst fragt am Ende niemand mehr, wie er sein Leben in der Gemeinschaft am besten einrichtet, sondern, warum man sich die ganze Mühe überhaupt machen soll?
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