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Rang I | Beitrag vom 17.04.2021

Festival "Zoom in" Digitale Experimente der freien Theaterszene im Netz

Von Barbara Behrendt

Mehrere Menschen in Uniform stehen auf einem Rasen in einem Stadion. (Lorenz Tröbinger für Nesterval)
Das Stück "Goodbye Kreisky" - hier am brut Theater in Wien - ist auch Teil des "Zoom in"-Festivals. (Lorenz Tröbinger für Nesterval)

Im Messengerdienst Telegram gepostete Geschichten oder ein Mitmachabend um die Sozialdemokratie: Die Plattform nachtkritik.de präsentiert in einem Festival Stücke aus dem freien Theater des vergangenen Jahres. Es geht aber auch um Zukunftsfragen.

Ein Vater beim Joggen mit seinen Kindern am Rhein. Die Geschwister bleiben erschrocken stehen. Kameraschwenk: Unter einem umgekippten Boot gucken die Beine einer Leiche hervor. Der Vater greift zum Handy:

"Vreni. Er ist tot."

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Klar, schon wer die Musik aus David Lynchs Serie "Twin Peaks" zu Beginn gehört hat, der weiß, dass jetzt ein Mystery-Thriller folgen muss, mit allerlei wirren Träumen und Symbolen. Hier wird bei der Leiche des Teenagers die Feder eines Blutfinks gefunden und ein Waldjunge gibt unheimliche Rätsel auf.

Die Performerinnen der Gruppe vorschlag:hammer haben aber keinen Theaterfilm gedreht, sondern posten ihre Geschichte im Messengerdienst Telegram. Die Episoden, die in der Schweiz mit Laien aus dem Ort aufgenommen wurden, bleiben das einzige voraufgezeichnete Element – darüber hinaus schicken sich Gesine Hohmann als lokale Kriminalistin und Kristofer Gudmundsson als verschrobener Ermittler aus der Großstadt in Echtzeit Nachrichten und Selfie-Videos.

In drei unterhaltsame Serien-Folgen haben sie den Abend gegliedert – in den Pausen dazwischen darf die Telegram-Gruppe im Chat rätseln, wer der Mörder sein könnte. In seiner Unmittelbarkeit hat das durchaus etwas vom Live-Moment des analogen Theaters.

Gespräche über Demokratie auf Zoom

Ähnlich ist das bei der interaktiven Inszenierung auf der Videoplattform Zoom, die die Österreicher Nesterval in "Goodbye Kreisky" bespielen, ein Abend benannt nach dem ehemaligen österreichischen SPÖ-Bundeskanzler. Ums Gesehenwerden und Mitmachen kommt man hier nicht herum. Es macht aber Spaß, weil die Gruppen nur aus rund zehn Menschen pro Zoom-Raum bestehen und man sich schnell aneinander gewöhnt. In der etwas verworrenen Geschichte bilden die Zuschauenden die Kommission, die die letzten Sozialdemokraten observieren. 50 Jahre haben sie in einem Bunker überlebt.

"Es geht jetzt um die zentrale Frage, was wir mit den letzten echten Sozialdemokraten dieser Welt machen. Sollen sie sich auflösen und sich in die heutige Welt integrieren, oder sollen sie beisammen und geschützt bleiben? Und, seien Sie ehrlich: Haben Sie, werte Kommission, noch nie mit Nostalgie an die goldene Zeit der Sozialdemokratie zurückgedacht?"

Zumindest ansatzweise entstehen so in der Gruppe Gespräche über Demokratie und Wahlfreiheit.

Produktionen, Branchentreff, Diskussionsforum

Nachtkritik.de hat sechs aussagekräftige und exemplarische Produktionen von freien Gruppen eingeladen – das ist kein Zufall, sind es doch oft die freien Künstler und Häuser, die bereits vor Corona digital experimentiert haben. Wer wissen will, was im Netztheater State of the Art ist, bekommt hier einen guten Einblick.

Darüber hinaus ist das Kurzfestival auch Branchentreff, in dem in Workshops etwa Fragen zu digitalem Urheber- und Vertragsrecht geklärt werden. Und vor allem: Undogmatisches Diskussionsforum, wo offen überlegt wird, ob digitale Bühnen in der Post-Corona Zeit noch gebraucht werden.

Amelie Deuflhard, die Intendantin von Kampnagel in Hamburg, möchte die Politik drängen, die digitale Innovation finanziell zu fördern – auch, weil die Theater dadurch inklusiver und internationaler würden. Mit den digitalen Bühnen könnten neue Zugänge geschaffen werden für "Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen, sei es, dass sie krank sind, dass sie alt sind, dass sie ihr Haus nicht gut verlassen können", so Deuflhard. "Wenn wir auch da die Tools erweitern, wie wir Stücke verbreiten, können wir uns auch noch mal ein deutlich größeres, erweitertes, mehrstädtisches, internationales Publikum schaffen."

Bleibt digitales Theater relevant?

Für alte Menschen, das muss man allerdings klar festhalten, hat das Netztheater bislang nichts zu bieten. Stephan Stock von vorschlag:hammer sieht aber Vorteile, was die Theaterschwellenangst junger Menschen angeht und solcher, die sich nicht zum Bildungsbürgertum zählen.

In der Interaktivität erkennt er zudem eine neue Gleichberechtigung: "Ich habe jetzt die Erfahrung gemacht, dass die Leute sich das wahnsinnig gerne mit ihren Familien anschauen oder sich eine Watch-Party organisieren. Dass sie selber entscheiden, wie sie das betrachten wollen. Das kommt, glaub ich, auch aus dem Internet, dass man sich mehr Freiheiten nimmt, sich selber die Sache zu nehmen, die einem angeboten wird." Er finde sehr schön, dass diese Gleichberechtigung von Publikum und Performenden im Internet selbstverständlicher sei.

Deutlich wird beim Netztheaterfestival: Ein Entweder-oder-Denken führt nicht weiter. Das digitale Theater bietet ein Surplus, einen Zusatz zum realen Theater in der Stadt, der andere Publika anspricht. Ob dieses Theater relevant bleiben kann, sobald sich das Kerngeschäft wieder im analogen Raum abspielt, weiß niemand. Bis dahin kann man aber auch digital durchaus das eine oder andere Gemeinschaftserlebnis haben.

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