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Nachspiel | Beitrag vom 02.08.2020

Feriencamps von Paris Saint-GermainNachwuchsförderung oder PR?

Von Heinz Schindler

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Ein 9-jähriges Mädchen balanciert einen Fußball auf dem Kopf. (Picture Alliance / AA / Sergen Sezgin)
Bei den Trainings der Paris Saint-Germain Academy Germany wird auch auf die Rhetorik geachtet, weil Kinder in einer positiven Atmosphäre am besten lernen. (Picture Alliance / AA / Sergen Sezgin)

Vor einem Jahr eröffnete in Düsseldorf die Paris Saint-Germain Football Academy Germany. Dort werden Amateur-Trainer ausgebildet. Teilnehmer für die Feriencamps kommen aus ganz Deutschland. Kritiker meinen: alles nur Marketing.

"Ici, c'est Paris" - Hier ist Paris. So steht es auf einem Transparent auf der weitläufigen Anlage des Düsseldorfer SV, einer grünen Oase zwischen Zweifamilienhäusern und Industriegebiet im Osten der Stadt. Hier spielen Kinder in der "Paris Saint-Germain Football Academy Germany" Fußball – aber auf eine andere Weise als im traditionellen Verein, sagt der Technische Sportdirektor, Philip Crohn.

"Viel technisch, taktische Übungen. Also total andere Philosophie und klar, die Kinder, da ist vielleicht schon im Kopf auch ein bisschen Mbappé oder Neymar drin. Die versuchen alles Mögliche auf dem Platz nachzumachen. Klar, die Trikots der Akademie zu tragen, PSG... das ist top."

Um einen Hauch der großen Fußballwelt nach Düsseldorf transportieren zu können, müssen die Trainer zuvor nach Paris fahren. Cheftrainer Christopher Beerens ist vom Workshop dort immer noch begeistert.

"Man geht in den Prinzenpark, man schaut sich das Stadion an, man schaut sich die Spiele an von den Herren wie von den Damen. Man schaut sich die Jugendabteilung an – und was man als Trainer vermittelt bekommt, ist: Man kann mit den Leuten vor Ort einfach reden", sagt Beerens.

"Also, man kann sich über Konzepte, Philosophie austauschen. Die eröffnen eine neue Perspektive auf den Fußball. Und man sitzt in einem Raum im Büro und man sitzt da und ich schaue auf die Tafel und schaue mir im Beamer die ganzen Pdfs und Videos an und bin nur am Strahlen, weil es was ganz Neues ist."

Konzentrierte Trainingsatmosphäre

Der 18-Jährige Trainer-B-Schein-Inhaber sieht sich als Qualitätsmanager für die etwa 15 Trainer, die mit den Kindern arbeiten und hält engen Kontakt mit Paris. Bei den Einheiten ist es auffallend leise und konzentriert.

"Wir kriegen sehr viele Vorgaben von Paris Saint-Germain. Und dazu gehört auch schon die Rhetorik. Und die Rhetorik ist sehr wichtig, weil wir sehr positiv auftreten. Wir haben 'ne Regel bei uns im PSG-Trainerteam: drei positive Sachen zu eins, immer. Weil die Kinder lernen am effektivsten, wenn man 'ne positive Atmosphäre schafft", sagt Beerens.

"Und wir unterbrechen das Training zum Beispiel nicht nur, wenn Kinder zum Beispiel was Falsches in der Übung machen. Sondern auch, wenn die Übung sauber und vernünftig läuft. Dass die Spieler wissen: ganz genau das wollen wir von Euch."

Moderieren statt Dirigieren – das soll die Aufgabe der Trainer sein. Immer unter der Vorgabe der viel und gern zitierten Philosophie.

"Schnell spielen, den Ball so schnell wie möglich nach vorn zu spielen. Andere Übungen, schnelle Übungen, Ballbesitz, schnell nach vorn und Tor machen. Und gewinnen. Normal..."

"Das ist Marketing – mehr ist das nicht"

Die Teilnehmer für die dreitägigen Feriencamps - Kostenpunkt knapp 200 Euro - kommen sogar aus Münster oder Bonn nach Düsseldorf. Etwa 100 Kinder und Jugendliche sind dauerhafter Bestandteil der Akademie.

Zum Vergleich: ebenso groß ist die Nachwuchsabteilung des sechstklassigen Westfalenligisten Spielvereinigung Erkenschwick. Deren Geschäftsführer Andreas Giehl sieht die Aktivitäten im Namen europäischer Großvereine skeptisch.

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass Kinder aus dem Ruhrgebiet 'ne Philosophie von Paris Saint-Germain verinnerlichen oder verfolgen werden. Das ist Marketing – mehr ist das nicht."

Das weist man in Düsseldorf gar nicht von der Hand. Wenn Kinder in ihrer Freizeit zukünftig nicht nur mit Messi und Ronaldo-Trikots durch die Stadt laufen, sondern eines von Mbappé tragen - der Akademie soll es recht sein. Und sie will es forcieren, indem sie in der neuen Saison am Spielbetrieb vor Ort teilnimmt.

"Wir laufen unter DSV Düsseldorf. Aber die Trainer genauso wie die Trikots sind von PSG Academy Germany. Für den Spielerpass brauchen wir den DSV. Was wir erhoffen von unseren Elite-Teams ist, dass die die Marke PSG gleichzeitig noch vergrößern in der Region.

Dass sie natürlich in unsere Akademie kommen logischerweise, wenn unsere Elite-Team-Mannschaften in der ganzen Region spielen. Aber wir wollen gern diese Philosophie weitertragen in das Spiel und damit auch erfolgreich sein im Spielbetrieb."

Man sieht sich als leistungsorientierte Fußballschule

Der Strahlkraft des Vereins ist man sich bewusst. Das gilt in Düsseldorf für Paris Saint-Germain und – wenngleich auf andere Art - auch in Erkenschwick. Denn die Spielvereinigung war immerhin einmal Zweitligist. Ihre Feriencamps kosten knapp unter hundert Euro für vier Tage.

Andreas Giehl weist darauf hin, dass ein Drittel der Seniorenmannschaft aus der eigenen Jugend kommt. Wer bei den Camps der Großvereine gewinnt, ist für ihn klar.

"An erster Linie denke ich schon, dass es diese Firmen sind, die diese Camps veranstalten. Wenn es der Verein, der den Platz zur Verfügung stellt, geschickt anstellt, kann er sicherlich dann auch 'n bisschen profitieren, weil er eben den Platz zur Verfügung stellt. Aber ich glaube nicht, dass die Gewinner die Kinder sind."

Die Fußball-Akademie ist eine Düsseldorfer GmbH, die die Lizenz erworben hat, deutschlandweit die Philosophie von Paris Saint-Germain zu verbreiten. Man sieht sich als leistungsorientierte Fußballschule eher in der Nähe von Nachwuchsleistungszentren.

Alle sechs Monate dürfen zwei Jugendliche in Paris vorspielen. Was hier für etwa einhundert Euro pro Monat angeboten wird, können kleine Vereine gar nicht leisten, meint Christopher Beerens.

Trainer aus der Region

"Wir freuen uns, wenn ehrenamtliche Trainer in der Region in den Amateurvereinen Training geben. Deswegen spielen ja auch trotzdem die Kinder Fußball. Weil es Menschen gibt – wo ich sehr stolz darauf bin, dass es so viele deutsche Trainer gibt – die den Kindern den Spaß am Fußball vermitteln", sagt er.

"Nur, wir sind meiner Meinung nach dazu da, leistungsorientiert... Wir wollen wirklich... Also, wir haben Ahnung von dem Fach, was wir hier machen. Und wir wollen unser Fach mit den Kindern gemeinsam umsetzen und wollen wirklich 'ne vernünftige Ausbildung geben, wie an einer Schule."

Den Ball flach zu halten, empfehlen sie in Erkenschwick, wo bei einem Nachbarverein bereits die Fußballschule im Namen von Real Madrid zu Gast war.

"Also, wenn man sich diese Firmen mal anguckt und durchleuchtet, dann sind es ja letzten Endes auch Trainer hier aus unseren Regionen, die einfach nur da in dem Namen dieser Vereine tätig sind. Die sind nicht besser als unsere, die wir hier zur Verfügung haben. Von daher ist da kein großer Unterschied."

Die Fußball-Akademie in Düsseldorf ist übrigens eine von 17 weltweit mit der Lizenz von PSG. Aus all denen haben es vier Kinder aus Brasilien und den USA nach Paris geschafft.

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