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Kompressor | Beitrag vom 27.03.2018

Feministisches Brettspiel von 1908Als Frauen zu Schlagstöcken griffen

Von Jenny Genzmer

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1910 demonstrieren Sufragetten vor den Londoner "Houses of Parliament". Auf ihren Plakaten steht: "Votes for Women", "Womens Social & Political Union". (dpa /picture-alliance )
1910 protestieren Sufragetten vor den Londoner "Houses of Parliament". Als der Premierminister an ihnen vorbeiging, drohten sie ihn zu erschießen. (dpa /picture-alliance )

Vor 100 Jahren erhielten Frauen in Großbritannien das Wahlrecht. Gekämpft hatten dafür unter anderem die Londoner Sufragetten. Ihre Straßenschlachten mit der Polizei inszenierten sie als Brettspiel: "Suffragetto". Wie aktuell ist dieses Brettspiel heute noch?

"Jede hat 21 Spielsteine und das sind sozusagen 16 Suffragette und 16 Polizisten und die 16 Suffragetten, die haben nochmal fünf Anführerinnen und die Polizisten haben nochmal 5 Kommissare. Das ist sozusagen unsere Elite."

"So wie die Könige und die Königinnen könnte man so vergleichen."

"Jaja, genau, das hat so ein bisschen was von Schach."

Zwischen Schach und "Mensch ärgere Dich nicht"

Oder von "Mensch ärgere Dich nicht". Ein Sprung über eine gegnerische Figur bringt Polizisten ins Krankenhaus an einem Spielrand. Und Suffragetten ins Gefängnis auf der gegenüber liegenden Seite.

"Also vielleicht seid ihr so blau-grün und ich bin rot-gelb."

"Ja , also ich dachte blau."

Eine Frauenrechtlerin wird von der Polizei abgeführt (imago/United Archives)"Schwarzer Freitag" in London am 18.11.1910: Eine Frauenrechtlerin wird von der Polizei abgeführt (imago/United Archives)
Die einundzwanzig Polizisten stehen vor dem House of Commons und bewegen sich in Richtung Royal Albert Hall. Ein Ort, an dem sich die Suffragetten um Emmeline Pankhurst versammelten, der Gründerin und Anführerin der radikalen Women‘s Social and Political Union, der WSPU. Die Suffragetten versuchen diesen für sie hoch symbolischen Ort zu schützen und gleichzeitig in das House of Commons, das britische Unterhaus einzudringen.

"Also ich habe die Polizisten ausgewählt, weil sie die Bösen waren für mich von Anfang an. Aber eigentlich sieht es ao aus, als ob die Suffragetten die Bösen wären. Weil sie verletzen."

Prügeleien mit Polizisten

Tatsächlich begannen sich die Suffragetten der WSPU mit der Zeit zu radikalisieren. Die zunehmend militanten Frauen begannen Fenster einzuschmeißen, Feuer zu legen und bewaffneten sich auf ihren Demonstrationen mit Schlagstöcken. Aber gegen das hochstilisierte Feindbild, die liberale Partei, hatten die Frauen jahrelang keine Chance. 

"Am 18.11.1910, das haben die Suffragetten in ihrer Geschichtsschreibung Black Friday genannt. Da wurden alleine 120 Frauen verhaftet und sehr, sehr viele sehr schwer verletzt, weil es zu schlimmen Ausschreitungen bei einer großen Demonstrationen kam. Also da sehen Sie schon, so ausgeglichen kann das Verhältnis gar nicht gewesen sein."

Jana Günther ist Sozialwissenschaftlerin an der Uni Dresden und beschäftigt sich in ihrer Forschung mit der Frage, weshalb Menschen auf die Straße gehen und protestieren, wie es die Suffragetten der WSPU, also Adelige oder aus der oberen Mittelschicht stammende Frauen taten.

"Es war schon alleine auf dieser politisch-symbolischen Ebene total schwer, was zu erreichen, und diese Inszenierung und Theatralisierung von wir sind da, wir sind ne große Masse, wir demonstrieren, wir möchten unsere Rechte uns erstreiten, auch zu zeigen, wir haben ne bestimmte Macht, war natürlich total wichtig für die Suffragettenbewegung. Nach innen, in die Bewegung rein, aber auch nach außen, nach dem Gesetz der großen Zahl zu zeigen: Wir sind viele, wir sind stark, wir möchten das Frauenstimmrecht."

Der Kampf ist immer noch aktuell – aber komplexer

100 Jahre, nachdem die Suffragetten das Wahlrecht für Frauen über 30 Jahre in Großbritannien erstritten haben, gehen noch immer weltweit Frauen auf die Straße. Hier in Berlin haben sich am Freitag hunderte versammelt, um ihre Solidarität mit Polinnen zu bekunden, weil die PiS-Regierung plant, die Abtreibungsregelungen, schon jetzt die härtesten Europas, noch weiter zu verschärfen.

So scheint das Spiel Suffragetto auf den ersten Blick noch immer brandaktuell. Die formale Gleichstellung von Mann und Frau, für die die Aktivistinnen in Großbritannien kämpften, wurde bis heute nicht von einer tatsächlichen gesellschaftlichen Gleichstellung abgelöst. Die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Austragungsorte für Frauenrechte, konnten die Mitglieder der WSPU noch für ihre Sache auf das House of Commons und die Albert Hall, auf Suffragetten und Polizisten runterbrechen.

Nachdem aber auch das Private als politisch anerkannt wurde und die sexuelle Selbstbestimmung und Gesundheit von Frauen, gleiche Bezahlung und sprachliche Sichtbarkeit Teil dieses Prozesses geworden sind, wirkt die Arena von Suffragetto heute zu einfach. Um das abzubilden, wäre eher ein Spiel wie Risiko notwendig. Mit vielen parallelen Konflikten, wechselnden Gegnerinnen und Gegnern und vor allen vielen Fort- und Rückschritten.

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