Faultiere

    Der gemütlichste Ausdruck der Kapitalismuskritik

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    Illustration eines Faultiers.
    Eine Existenz fernab des hektischen Zeitgeists: Das Faultier stellt unsere Lebensgewohnheiten auf den Kopf. © imago / alimdi
    Heidi Liedke im Gespräch mit Axel Rahmlow · 28.10.2021
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    Faultiere taugen kaum als Vorbild. Dennoch erleben sie derzeit einen Boom. Heidi Liedke, die die gemütlichen Geschöpfe in einem neuen Buch porträtiert, vermutet: Sie zeigen uns etwas, das bei unserer Lebensweise unter die Räder kommt.
    Als das Faultier seinen Namen bekam, war er wohl nicht als Kompliment gemeint. Doch in jüngster Zeit erfreut sich die tiefenentspannte Kreatur besonderer Beliebtheit: Faultiere lächeln von T-Shirts und Kaffeetassen, von Hausschuhen oder Haarbürsten und laden als Stofftiere, in Kinderfilmen oder Bilderbüchern zum Liebhaben ein.

    Spott und Stirnrunzeln

    Das gemütliche Fellknäuel habe Konjunktur, seit ungefähr fünf Jahren sei ein regelrechter Faultier-Hype zu beobachten, bestätigt die Anglistin Heidi Łucja Liedke. Zusammen mit ihrem Co-Autor, dem Philosophen Tobias Keiling, hat sie das Buch "Faultiere. Ein Porträt" in der essayistischen Sachbuch-Reihe "Naturkunden" verfasst. Gemeinsam zeichnen sie die Kulturgeschichte einer Tierart nach, die seit ihrer Entdeckung zunächst für viel Spott und Stirnrunzeln sorgte.
    Inzwischen werde das Faultier jedoch geradezu als Gegenpol zu unserer auf Leistung getrimmten Zeit wahrgenommen, sagt Liedke: "Ich glaube, es gibt ein bisschen das Bedürfnis nach dieser vermeintlichen Schattenseite des menschlichen Charakters. Wir sind ja alle sehr erpicht darauf, produktiv zu sein, das ist ein wesentliches Merkmal der kapitalistischen Gesellschaft, und so ein Faultier fällt da einfach aus dem Rahmen."

    Anstoß zum Innehalten

    Von daher könne das Faultier nicht nur einen Anstoß zum Innehalten geben, es lebe auch in einer weiteren Hinsicht völlig gegen den Trend, sagt Liedke, denn: "Es inszeniert sich nicht." Während viele Menschen, die Entspannung suchten, heutzutage gleich wieder aktiv würden, um sich selbst relaxed auf ihrem Instagram-Account in Szene zu setzen, lasse das Faultier sich völlig selbstgenügsam hängen:
    "Also was wir vom Faultier lernen könnten, ist, dass man sich gerade nicht inszenieren muss und dass es auch wirklich guttut, etwas nur für sich zu machen, ohne dass andere das sehen." Wegen seines Fells sei das Faultier in seiner natürlichen Umgebung schließlich perfekt getarnt und so gut wie unsichtbar, sagt Liedke. "Also, es rückt sich wirklich überhaupt nicht in den Mittelpunkt wie irgendwelche Chiller auf Instagram."
    Ein Baby des Braunkehlfaultiers Bradypus variegatus geht mit seiner Mutter im Regenwald von Panama auf Entdeckungsreise.
    Einfach mal nichts tun, allein oder zu zweit: Braunkehlfaultier (Bradypus variegatus) bei seiner Lieblingsbeschäftigung.© IMAGO / VWPics / Jon G. Fuller
    Da sich unsere Sicht auf das Faultier verändert habe, würde es heute vielleicht auch einen anderen Namen erhalten, wenn die Zoologie ihm nicht schon längst ein Etikett verpasst hätte, spekuliert Liedke: "Es könnte 'Langsamtier' heißen, oder vielleicht auch 'Lächeltier', weil das ja auch etwas ist, was wir Menschen gerne auf seine Schnauze projizieren, dieses zufriedene Lächeln."

    Grundlegende Fragen

    Auch "Zufriedentier" könne mithin ein passender neuer Name für das Faultier sein, sagt Liedke. Während es seinen Entdeckern einst alles zu verkörpern schien, was dem moralischen Anspruch an ein tätiges, gutes Leben widersprach, stelle es uns heute einen Sehnsuchtsort in Aussicht und werfe grundlegende Fragen auf:
    "Ich glaube schon, dass es uns einen Spiegel vor Augen hält, dahingehend, dass wir uns zum einen fragen: Was ist unser Verhältnis zur Natur? Und zum anderen: Ist die Art und Weise, wie wir unsere Gesellschaft formen, die einzig richtige? Oder müssten wir nicht auch da vielleicht mal innehalten?"

    Tobias Keiling, Heidi Liedke: "Faultiere. Ein Porträt"
    Verlag Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2021
    143 Seiten, 20 Euro

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