Seit 13:05 Uhr Länderreport

Montag, 25.05.2020
 
Seit 13:05 Uhr Länderreport

Interview / Archiv | Beitrag vom 14.01.2017

Faszinosum AlltagWie kam der Mensch zur Unterhose?

Manfred Vasold im Gespräch mit Ute Welty

Podcast abonnieren
Unterwäsche und Schlafmütze an einer Wäscheleine (imago/Steinach)
Früher trug nur eine Minderheit der Oberschicht Unterhose, weiß Historiker Manfred Vasold. (imago/Steinach)

Hunger, Rauchen, Ungeziefer - der Historiker Manfred Vasold schreibt über die alltäglichen, oft wenig beachteten Aspekte von Geschichte. Zum Beispiel über die Unterhose. Die habe sich nämlich erst nach 1800 als Kleidungsstück durchgesetzt.

Der Historiker Manfred Vasold interessiert sich für die Aspekte der Geschichte, von denen in Geschichtsbüchern normalerweise nicht die Rede ist: für die jahrhundertlange Koexistenz des Menschen mit dem Ungeziefer etwa, die kurze Kulturgeschichte des Rauchens oder die Entwicklung der Suizidrate. Und er erklärt, wann und wie der Mensch zur Unterhose kam.

Ein Kleidungsstück für die Oberschicht

Die Unterhose habe sich erst nach 1800 in der Bevölkerung verbreitet, sagte Vasold im Deutschlandradio Kultur. "Vorher trug eine Minderheit von Menschen, eine Minderheit der Oberschicht trug Unterwäsche. Die große Mehrzahl der Menschen trug keine Unterwäsche. Es war auch nicht notwendig. Man konnte ohne Weiteres ein langes Hemd tragen, das weit herabreichte und eigentlich das aufnahm, was normalerweise heute die Unterhose macht."

Herausgefunden hat er den Wertewandel in Richtung Unterhose durch das Studium von Krankenhausakten: "In Krankenhausakten aus großen Städten, wo die Menschen hinkamen als Kranke, sich vollkommen entkleiden mussten, meist auch gebadet wurden, und wo die Wäsche im Einzelnen registriert wurde. Und diese Registraturen liegen uns heute noch vor." (uko)

Manfred Vasold: "Hunger, Rauchen, Ungeziefer. Eine Sozialgeschichte des Alltags in der Neuzeit"
Franz-Steiner-Verlag, Stuttgart 2016
424 Seiten, 29 Euro


Das Interview im Wortlaut:

Ute Welty: Geschichte abseits von Verträgen, Kriegen und Diplomatie, darum kümmert sich der Historiker und Biologe Manfred Vasold unter anderem in seinem Buch "Hunger, Rauchen, Ungeziefer. Eine Sozialgeschichte des Alltags in der Neuzeit". Guten Morgen, Herr Vasold!

Manfred Vasold: Guten Tag!

Welty: Warum empfiehlt sich ausgerechnet dieses Trio aus Hunger, Rauchen und Ungeziefer für den Titel Ihres Buches?

Vasold: Es ist eigentlich sehr viel mehr als das. Es sind auch viele andere Themen angeschnitten, die man unmöglich in dieser Dreizahl/Dreiheit benennen konnte.

Welty: Und trotzdem haben Sie sich ja für diese drei entschieden.

Vasold: Ja, ich und der Verlag, oder umgekehrt, der Verlag und ich.

Laus, Floh & Co.

Welty: Wenn wir gleich mal beim Ungeziefer einhaken: Inzwischen ist Laus-Alarm in der Kita ja gleichbedeutend mit Ausnahmezustand, Kakerlaken dagegen werden im "Dschungelcamp" zu Fernsehstars. Wie nahe waren uns Laus, Floh und Co. früher?

Vasold: Wir müssen annehmen, dass wir ständig umgeben waren von diesen Ungeziefern, ständig umgeben. Wobei damals nicht die Kopfläuse die Gefahr bildeten, sondern die Kleiderläuse. Die Kleiderläuse konnten infiziert sein mit dem Fleckfiebererreger, und der Fleckfiebererreger wiederum hat das Fleckfieber verursacht.

Welty: Mich fängt es jetzt schon an zu jucken.

Vasold: Ja, das sind Reaktionen, die man kennt.

Welty: Geht es Ihnen da anders? Sind Sie da immun inzwischen?

Vasold: Ja, ich denke, ich bin weitgehend immun dagegen.

Erzwungener Wertewandel beim Rauchen

Welty: Beim Rauchen ist ja augenfällig, wie sehr sich das Verhältnis geändert hat. Legendär die Bilder aus dem völlig zugequalmten Fernsehstudio des "Internationalen Frühschoppens". Was führt dazu, dass sich langjährige Gepflogenheiten dann doch ziemlich rasch ändern?

Vasold: Ich fürchte, es muss dann doch über Gesetze geregelt werden, anders geht es nicht. Solange Rauchen allgemein geduldet war, oft sogar noch befördert wurde, beispielsweise in Flugzeugen, wo man eindeutig gesagt hat, ab jetzt dürfen Sie wieder rauchen – man hat es optisch gezeigt und auch noch ausgesprochen, damit jeder Raucher wusste, aha, jetzt darf ich wieder. Da kann man es unmöglich einschränken. Einschränken kann man es eigentlich nur, glaube ich, mit Verboten.

Ein junger Mann mit Zigarette schaut aus einem Zugfenster (imago / UIG)Ein junger Mann mit Zigarette schaut aus einem Zugfenster (imago / UIG)

Welty: Welche Bedeutung hatte das Rauchen für die Gesellschaft?

Vasold: Eine außerordentlich hohe, angefangen von der wirtschaftlichen. Ein durchaus beträchtlicher Teil des Einkommens ging bei vielen Personen drauf fürs Rauchen.

Welty: Trotzdem hat es da ja einen Wertewandel gegeben.

Vasold: Ja, aber der Wertewandel wurde sozusagen von oben erzwungen. Ob es anders möglich ist – ich habe da große Zweifel.

Die Globalisierung begann schon in der frühen Neuzeit

Welty: Inwieweit möchten Sie den Blick schärfen auch für Zusammenhänge, die sich weder zeitlich noch regional zwangsläufig ergeben, zum Beispiel, was ein Vulkanausbruch im heutigen Indonesien und eine Hungersnot im Elsass angeht?

Vasold: Ja. Wir denken ja doch regional sehr begrenzt. Und wenn wir hören von einer Hungersnot im Elsass oder auch in Bayern, dann denken wir zuerst an Ursachen, die innerhalb dieses Raumes liegen. Tatsächlich aber ist die Welt seit langer Zeit eine globale Welt, wo durchaus Entwicklungen, die 10.000 Kilometer von uns entfernt liegen, eine Einwirkung haben können auf uns und unser Wohlbefinden. Wie im Fall dieses Vulkanausbruchs in Indonesien, der ein Jahr später zu uns kam in seinen Auswirkungen, und ein Jahr später hatten wir eine sehr schlechte Ernte und außerordentlich hohe Getreidepreise.

Welty: Also wir reden über das Jahr 1817, das sollten wir noch mal dazu sagen.

Vasold: Ja.

Welty: Also Globalisierung hat eigentlich da schon begonnen, oder?

Vasold: Ja, eigentlich schon sehr viel früher, schon mit den großen Entdeckungen am Ende des 15. Jahrhunderts, wurde das eine große eine Welt.

Welty: Was war der Auslöser?

Vasold: Ich denke, es waren viele Dinge. Es war zum einen die Übervölkerung Europas, aber noch viel wichtiger, die Suche nach Edelmetallen, vor allem nach Gold. Die Gier nach Reichtum.

Zuerst trug nur die Oberschicht Unterwäsche 

Welty: Haben Sie eigentlich im Buch eine Lieblingsgeschichte, wo auch Sie sagen, das fasziniert mich besonders, da komme ich aus dem Staunen nicht mehr heraus?

Vasold: Aus dem Staunen komme ich bei vielen Dingen nicht heraus, aber ich denke, am einfachsten spricht man doch über die Unterhose. Wobei in meinem Fall gar nicht die Erotik im Vordergrund stand, sondern einfach die Ausbreitung eines Kleidungsstücks, eines wärmenden Kleidungsstücks.

Welty: Und wie hat sich die Unterhose ausgebreitet?

Vasold: Eigentlich erst nach dem Jahr 1800. Vorher trug eine Minderheit von Menschen, eine Minderheit der Oberschicht trug Unterwäsche. Die große Mehrzahl der Menschen trug keine Unterwäsche. Es war auch nicht notwendig. Man konnte ohne Weiteres ein langes Hemd tragen, das weit herabreichte und eigentlich das aufnahm, was normalerweise heute die Unterhose macht.

Welty: Und dann ist das Hemd kürzer geworden?

Vasold: Das Hemd wurde kürzer, vermutlich aus anderen Gründen, aber das Hemd wurde kürzer im Verlauf des 20. Jahrhunderts, ganz ohne Zweifel.

Welty: Also dann ist man auf die Idee gekommen, diese Stellen anderweitig zu bedecken?

Vasold: So ist es, ja.

Krankenhausakten als Geschichtsquelle

Welty: Und warum fasziniert Sie dieser Teil dieser Geschichte so sehr?

Vasold: Es fasziniert mich, weil ich immer wieder auf großes Interesse gestoßen bin, wenn ich das Thema angesprochen habe bei Menschen. Wobei die meisten vermutlich doch eine erotische Seite dahinter vermuten, die bei mir weniger deutlich wird. Bei mir geht es um das Kleidungsstück, um das wärmende Kleidungsstück.

Welty: Das habe ich schon verstanden.

Zwei Besucher im Haus der Geschichte in Stuttgart in einer Sonderausstellung mit dem Titel: «Auf nackter Haut» vor Ausstellungsstücken mit aktueller Unterwäsche. (dpa / picture alliance / Bernd Weißbrod)Zwei Besucher der Ausstellung "Auf nackter Haut" im Haus der Geschichte Baden-Wüttemberg in Stuttgart (dpa / picture alliance / Bernd Weißbrod)

Vasold: Und natürlich auch um die Schwierigkeit, wie eigentlich kann ich mich diesem Thema nähern. Denn wo finde ich Quellen, die eindeutig etwas aussagen über das Tragen von Unterhosen in der Vergangenheit.

Welty: Wie recherchiert man ein solches Thema?

Vasold: In dem Fall in Krankenhausakten, in Krankenhausakten aus großen Städten, wo die Menschen hinkamen als Kranke, sich vollkommen entkleiden mussten, meist auch gebadet wurden, und wo die Wäsche im Einzelnen registriert wurde. Und diese Registraturen liegen uns heute noch vor.

Welty: Wann und wie haben Sie begonnen, sich dafür zu interessieren und da auch dann eben zu recherchieren?

Vasold: Vor weit mehr als zehn Jahren habe ich angefangen mit diesen Themen.

Das Krankenhaus als Ort für die Unterschicht

Welty: Hat da auch Ihre eigene Berufsbiografie eine Rolle gespielt? Weil Sie haben ja auch als Krankenpfleger gearbeitet. Sie haben ja was Ordentliches gelernt.

Vasold: Ja, von daher wusste ich bereits, wie das im Krankenhaus gehandhabt wird, oder selbstverständlich auch, wie das in Gefängnissen gehandhabt wurde, ganz ähnlich wie in Krankenhäusern. Es waren in erster Linie Menschen aus den Unterschichten, die ins Krankenhaus mussten oder auch ins Gefängnis gehen mussten, und wo dort all das stattfand, was ich eben angesprochen habe.

Welty: Von Hunger, Rauchen und Ungeziefer handelt die Sozialgeschichte der Neuzeit, die Manfred Vasold geschrieben hat. Und er hat auch darüber hier gesprochen in "Studio 9". Danke dafür!

Vasold: Bitte sehr!

Welty: Und das Gespräch haben wir aufgezeichnet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Unterwäsche-Ausstellung in Stuttgart - Was unsere Vorfahren drunter trugen
(Deutschlandradio Kultur, Kompressor, 15.06.2015)

Interview

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur