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Interview / Archiv | Beitrag vom 18.02.2015

FastenVerzichten zur Selbstoptimierung

Der Philosoph Andreas Urs Sommer im Gespräch mit Korbinian Frenzel

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Frau isst Schokolade - Großaufnahme. (dpa / picture alliance / Klaus Rose)
Wer beim Fasten auf Schokolade verzichtet, will meist zeigen, dass er sich selbst beherrschen kann (dpa / picture alliance / Klaus Rose)

Mit Religion hat das Fasten heutzutage meist nichts mehr zu tun, sagt der Philosoph Andreas Urs Sommer. Wer faste, wolle vielmehr zeigen, dass er sich selbst im Griff habe. Das passe gut in das moderne Menschenbild.

Keine Schokolade, keine Zigarette oder kein Fleisch: Das Fasten hat in den vergangenen Jahren einen großen Aufschwung erlebt. Doch kaum einer übe Verzicht, um damit eine höhere Macht gnädig zu stimmen, sagt der Philosoph Andreas Urs Sommer. In der religiösen Tradition sei Fasten eine Form von Opfer. "Heutzutage ist das Fasten ein Versuch zu zeigen, dass es eben auch anders geht und dass man andere Akzente in seinem Leben setzen kann, dass man sich selbst im Griff hat."

Das passe gut in das moderne Menschenbild hinein, bei dem Souveränität eine zentrale Rolle spiele. "Wenn man diesem Fasten noch ein religiöses Mäntelchen umhängen kann, dann umso besser", so Sommer. Verzicht bedeute heute Selbstmodellierung und Selbstoptimierung. 


 

Das Interview im Wortlaut:

Korbinian Frenzel: 7:37 Uhr ist es, und um diese Zeit kann ich es wirklich sagen: The party is over, der Karneval ist vorbei, und was kommt jetzt? Ganz richtig, das Fasten. 40 Tage lang. Ein christliches Ritual, dem sich viele Menschen anschließen, ob sie nun rote Nasen getragen haben oder nicht. Die Tatsache, dass es passiert, die wirft Fragen auf, die große Frage nach dem Warum. Warum verzichten, mit welchem Zweck? Ich freue mich, darüber sprechen zu können mit dem Philosophen Andreas Urs Sommer, zu Hause an der Universität in Freiburg, jetzt am Telefon. Guten Morgen!

Andreas Urs Sommer: Guten Morgen, Herr Frenzel!

Frenzel: Um die Fronten mal gleich zu klären: Ich habe noch nie gefastet. Wie ist das bei Ihnen?

Sommer: Ich muss zugeben, dass ich das so als 15-, 16-, 17-Jähriger versucht habe, und zwar in gewisser Weise aus Rebellion gegen eine Kultur, gegen ein Milieu, die das Fasten verabscheut hat. Und zwar ist es im schweizerischen Protestantismus so, dass der sein Selbstverständnis daraus bezieht, dass gerade nicht gefastet wird.

Die Schweizer Reformation beginnt damit, das Fasten zu brechen. Der Zürcher Drucker Froschauer hat 1522 das Fasten gebrochen in der Fastenwoche mit dem Argument, das sei doch alles nur religiöser Plunder, vielmehr ginge es um die wahren inneren Werte, und das Fasten würde nicht dazu gehören. Also, es gibt durchaus religiöse Traditionen, die das Fasten nicht wollen.

Frenzel: Ja, das ist ein interessanter Aspekt, das war mir gar nicht bekannt mit Blick auf die Schweizer. Aber wenn wir mal diesen religiösen Plunder nehmen und es umdrehen und uns fragen, warum Menschen diesen, ich zitiere noch mal, religiösen Plunder versuchen – ist das ja irgendwie eine absurde Situation. Es ist ja das Herstellen einer Situation, die wir sonst immer vermeiden wollen: nämlich zu wenig zu haben.

Aufschwung des Fastens hat nichts mit einem religiösen Revival zu tun

Sommer: Das ist richtig. Verzicht heute, glaube ich, funktioniert im Fasten doch sehr anders, als das in den Religionen der Tradition der Fall gewesen ist. Heute hat Fasten sehr viel mehr mit Selbstmodellierung, mit dem Aufzeigen seiner eigenen Souveränität zu tun. In der religiösen Tradition ist Fasten eine Form von Opfer. Ich verzichte auf etwas, was ich sozusagen einem anderen, einer höheren Macht zum Opfer bringe.

Heutzutage ist das Fasten ein Versuch, zu zeigen, dass es eben auch anders geht und dass man andere Akzente in seinem Leben setzen kann, dass man sich selbst im Griff hat. Und diese Art der Souveränität, die passt in das moderne Menschenbild wunderbar hinein. Und wenn man dann noch diesem Fasten dann noch ein religiöses Mäntelchen umhängen kann, dann umso besser.

Und ich glaube, der große Aufschwung, den das Fasten in den letzten Jahren und Jahrzehnten genommen hat, hat nichts mit einem religiösen Revival zu tun, sondern damit, dass diese Art von Selbstbeherrschung, die sich im Verzicht äußert, eben sehr gut hineinpasst in eine Kultur, wo die Souveränität eine zentrale Rolle spielt.

Frenzel: Also quasi eine Art der Selbstoptimierung. Ich wäre auf diesen Punkt gekommen, weil ich diese Beobachtung eigentlich auch mache, dass ich das Gefühl habe, so, wie man sich heute misst mit seinem iPhone, wie schnell man läuft, was man an Kalorien verbraucht, dass das eben auch eine Form der Selbstoptimierung ist.

Nun könnte man natürlich sagen, im protestantischen Geiste ist das schon angelegt, dieser quasi selbstoptimierende kapitalistische Ansatz. Wenn ich jetzt mir konkret die Situation angucke – religiöses Fasten, wie Sie es beschrieben haben, dieses ursprüngliche, und das hedonistische – wie sieht das denn konkret anders aus? Letztendlich verzichten ja beide.

Hedonistisches Fasten ist Selbstzweck

Sommer: Es verzichten beide, aber der Zweck ist ein anderer. Im Falle des hedonistischen Fastens, wie Sie es jetzt gerade genannt haben, oder der Askese, die sich von religiösen Zusammenhängen versucht zu befreien, ist hier sozusagen Selbstzweck. Es geht nicht darum, irgendetwas zu erreichen, was dahinter steht und vor allen Dingen darüber steht. Wohingegen im religiösen Fasten, und das ist auch der Hauptansatzpunkt der innerreligiösen Kritik am Fasten gewesen, geht es darum, eine höhere Macht geneigt zu stimmen, der zu zeigen, ich kann verzichten um eines Höheren willen.

Heute verschwimmt das, und es ist auch nicht so, dass die Vertreter des religiösen Fastens diesen Aspekt, nämlich des Opfers für ein anderes, heute stark betonen würden. Die Fasten-Selbstoptimierung, wie wir sie heute betreiben, die hingegen passt, glaube ich, sehr gut in die moderne Art, das Individuum zu verstehen als ein Wesen, das eben sich in jeder Hinsicht verbessern soll, das sich im Griff haben soll.

Frenzel: Also ein säkularisiertes Fasten, so nenne ich das mal, ist dann letztendlich ein Fasten mit einer politischen Agenda? Weil man ja quasi in seiner Welt möglicherweise für sich selbst, aber wenn man auch auf bestimmte Dinge wie das Autofahren zum Beispiel verzichtet, ja im Prinzip auch gewisse höhere Ziele, wenn auch weltliche, verfolgt.

Der politische Zweck dient häufig nur der Bemäntelung

Sommer: Diesen Aspekt kann das Fasten heute schon haben. Aber ich glaube, dieser Aspekt ist nicht konstitutiv. Also, es ist gut möglich, nur für sich selbst zu fasten. Man kann natürlich sagen, gut, wenn ich auf die Schokolade verzichte, dann ist mein Körper nachher besser in Schuss, als wenn ich mich dem Schokoladengenuss hingebe, wie ich es immer tue. Ich denke da nicht an die Kakaobauern in Mittelamerika, deren Lebensumstände durch meinen Verzicht auf Schokolade ja auch nicht unbedingt verbessert werden.

Frenzel: Manche tun es vielleicht.

Sommer: Manche vielleicht. Beim Auto ist es dann offensichtlicher. Die Frage ist, wie weit dieser politische Zweck dann doch häufig auch nur der Bemäntelung dient. Man könnte ja eher die Vermutung aufstellen, dass dieses Fasten eben der individuellen Selbstvergewisserung dient. Das Problem ist ja, in einer Gesellschaft – wir haben das vorhin angesprochen –, in der Überfluss herrscht, sind Sie ständig dazu genötigt, Wahlen zu treffen.

Sie müssen also auf ganz viele Dinge verzichten, um ein Ding zu Ihrem eigenen zu machen. Und im Falle des Fastens machen Sie das sehr bewusst: Sie treffen Ihre Wahl und schließen damit vieles anderes aus, denken, dass diese Wahl, das ist, was Sie sozusagen als Persönlichkeit dann auch ausmacht, womit Sie sozusagen zeigen, wer Sie sind.

Frenzel: Heute beginnt die Fastenzeit. Gedanken dazu habe ich ausgetauscht mit dem Philosophen Andreas Urs Sommer. Ich danke Ihnen für das Gespräch!

Sommer: Ich danke Ihnen, Herr Frenzel!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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