Fasten im Konsumrausch

Frauen vor einem Schaufenster in der Einkaufsstraße Hamra in Beirut © picture alliance / dpa / Ramzi Haidar
Von Mona Naggar · 09.07.2013
Enthaltsamkeit und gottgefälliges Verhalten stehen im Mittelpunkt des Fastenmonats Ramadan: weder Essen, Trinken noch Geschlechtsverkehr vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang. Dafür Almosen geben und mit den Bedürftigen fühlen. Das ist die Theorie. Aber gerade in diesem Monat setzt unter vielen Muslimen ein Konsumrausch ein.
Amir Jihad kann die Welt im Fastenmonat Ramadan nicht mehr verstehen. Nicht etwa bewusstes religiöses Leben steht im Mittelpunkt dieses heiligsten aller islamischen Monate, sondern Zeitvertreib und Konsum. Viele Jahre war Jihad Direktor der "Welle heiliger Koran", eines religiösen Radiosenders in der libanesischen Hauptstadt Beirut:

"Stellen Sie sich vor, viele Menschen in arabischen Ländern besuchen nach dem Fastenbrechen sogenannte Ramadanzelte. Dort werden dann Musik- und Gesangsveranstaltungen gegeben. Sie trinken Kaffee und amüsieren sich. Was hat das noch mit Ramadan zu tun, mit Gottesfurcht, Enthaltsamkeit und Selbstdisziplin, die wir in diesem Monat üben sollten? Das Skurrilste, das mir in den letzten Jahren begegnet ist waren Werbeaktionen, die Nachtklubs zum Ende des Ramadan gestartet haben. Zum Zuckerfest wurden Aufführungen von Tänzerinnen präsentiert."

Fasten stellt Alltag auf den Kopf
Amir Jihad trägt einen langen grauen Kaftan und einen Turban. Er versucht die Veränderungen zu verstehen, die während des Ramadan in seiner Umgebung passieren:

"Der Alltag der Menschen wird während des Fastenmonats auf den Kopf gestellt. Die Arbeitszeit ist kürzer als sonst. Alle gönnen sich mehr Ruhe. Aber ich denke diese Ruhe und die längere Freizeit, die sie haben, wird falsch eingesetzt. Die Menschen beschäftigen sich vor allem mit dem Geldausgeben, mit Essensvorbereitungen am Abend, mit dem Besuch von Einkaufszentren und Shoppen."

Einkaufszentren in fast allen arabischen Ländern, selbst in dem streng religiösen Saudi-Arabien, werden zum Fastenmonat mit Monden und Sternen fast weihnachtlich geschmückt. Aus den Lautsprechern ertönen Sonderangebote für digitale Kameras, Betten oder Lebensmittel. Statistiken über das Verbraucherverhalten in verschiedenen arabischen Ländern während des Ramadan bestätigen die Aussagen von Amir Jihad.

Der Umsatz an Lebensmittel, Kleidung und allerlei religiösem Kitsch wie vergoldete Bilder der Kaaba in Mekka, des Felsendoms oder Klingeltöne zum Fastenbrechen steigt stark an. Für 30 Tage setzt ein kollektives Erlebnis ein. Ausgangspunkt ist das Shoppen im Einkaufszentrum. Dann sitzt man mit der Familie vor einem üppig gedeckten Tisch oder in geselliger Runde mit Freunden vor dem Fernseher. Den Großteil ihrer Werbeeinnahmen erzielen die arabischen Satellitensender während des Fastenmonats. Ein bisschen Religion darf sein, aber Unterhaltung gehört fast immer dazu.

Mahnungen der religiöse Autoritäten
Die Azhar Hochschule in Ägypten, eine der höchsten religiösen Autoritäten im sunnitischen Islam, hat sich auch dieses Jahr an die Fastenden gewandt. In einer Schrift ermahnt sie die Gläubigen, sich des Geistes von Ramadan bewusst zu werden. Nicht üppiges Essen und Einkaufen habe Priorität, sondern Selbstbeschränkung und Gebet. Aber es ist fraglich, ob die Azhar und andere religiöse Institutionen den Konsumrausch werden eindämmen können.

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